Montagsinterview

Nachhaltigkeit: Solingen ist Vorreiter

Jochen Stiebel spricht über zehn Jahre Neue Effiziens.
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Jochen Stiebel spricht über zehn Jahre Neue Effizienz.

Jochen Stiebel, Geschäftsführer der Neue Effizienz gGmbH, über Ressourcen, Recycling und „Geiz ist geil“.

Von Renate Bernhard

Herr Stiebel, die Neue Effizienz hat kürzlich ihr zehnjähriges Bestehen gefeiert. Was ist eigentlich genau ihr Aufgabengebiet?

Jochen Stiebel: Wir sind eine, in Deutschland in dieser Form und Gesellschaftsstruktur bislang einzigartige, gemeinnützige GmbH, eine Denkfabrik für Nachhaltigkeit und die sinnvolle Nutzung von Ressourcen.

Als Einrichtung für Forschung und Wissenstransfer sind wir überzeugt, dass wir Transformation und Wandel in unserer Gesellschaft brauchen, um eine nachhaltige Zukunft zu schaffen. Das versuchen wir, ganz konkret im bergischen Städtedreieck anzustoßen und umzusetzen. Wir holen Kommunen, Forschung und Wirtschaft an einen Tisch, um diese Prozesse voranzutreiben. Wir initiieren und unterstützen sie.

Wie läuft das konkret?

Stiebel: Unser Fokus liegt auf der Entwicklung von energie- und ressourcenschonenden, also effizienten, Verfahren, Produkten, Dienstleistungen und Verhaltensweisen. Wir meinen mit Ressourcen vor allem Strom und Wärme, Materialien und Rohstoffe.

Bei unseren Aufträgen für Kommunen und bei Beratungen für die Wirtschaft haben wir immer wieder erfahren, dass Einzelbetrachtungen von Problemen und der Blick allein auf Kosten-Nutzen-Abwägungen – ganzheitlich und im Sinne der Nachhaltigkeit betrachtet – nicht immer zu sinnvollen Entscheidungen führen.

Wir verfolgen daher den Ansatz, wissenschaftliche Erkenntnisse, die verschiedenen wirtschaftlichen Interessen, die Bedarfe einer Stadtgesellschaft von Beginn an in allen Details und in der Wirkung auf das ganze System zu durchdenken.

Wie hat sich das entwickelt?

Stiebel: Als ich 1995 einen Exkursionstag am Wuppertal Institut erlebte, gab es die Diskussion: 5 DM für einen Liter Sprit. Da wurde schnell klar: Das nimmt unsere Gesellschaft so nicht an. Und dies obwohl schon damals bekannt war, dass unsere Ressourcen endlich sind. Seither bewegt mich die Frage, wie man wissenschaftliche Erkenntnisse in praktisches Handeln umgesetzt bekommen kann.

In meiner Studienzeit war Nachhaltigkeit nur ein Teilbereich innerhalb des Biologie-Studiums und in nahezu allen Studiengängen kein Thema. Ich habe Wirtschaftswissenschaften studiert und dann in der Wirtschaftsförderung Wuppertal gearbeitet. Gemeinsam mit den Wuppertaler Stadtwerken konnten wir dort eine Projektidee entwickelt, die nun erfolgreich von der Region getragen wird.

Alle wussten: Die Energiewende wird kommen, wir müssen uns gemeinsam darauf vorbereiten.

Können Sie ein konkretes Beispiel geben?

Stiebel: Das größte Projekt, das uns richtig Rückenwind gegeben hat, war der Solinger Batteriebetriebene Oberleitungsbus (BOB). Die Verkehrsbetriebe Solingen wollten bereichsübergreifend für die ganze Stadt die städtische ÖPNV-Mobilität CO2-frei entwickeln.

In den letzten Jahrzehnten wurden ja überall sonst in Deutschland die Obus-Systeme massiv abgebaut. Dabei sind sie in China, Russland und Asien Standard. In Solingen fuhren die Busse zu 50 Prozent elektrisch und zu 50 Prozent mit Diesel, denn es gibt ja nicht auf allen Strecken Oberleitungen. Um vom Diesel wegzukommen, hätte man alle Straßen des Streckennetzes mit Oberleitungen versehen müssen. Das wäre schwierig und teuer geworden.

„Was Bemühungen um Nachhaltigkeit angeht, ist Solingen vorbildlich.“

Jochen Stiebel, Geschäftsführer Neue Effizienz

Wo war die Lösung?

Stiebel: Batterien statt Dieselmotoren, denn mit der Oberleitung hängt die Ladedose für die Busse ja quasi über der Straße. Die BOBs fahren jetzt hybrid: unter den Leitungen elektrisch, sonst auf Batterie. So können sie klimaneutral alle Quartiere anfahren. Das ist ein Umbruch im Denken, den es sonst leider in Deutschland noch nicht so gibt.

Inzwischen ist jeder fünfte Bus in Solingen ein BOB, der CO2-Ausstoß konnte damit schon erheblich gesenkt werden. Mit jedem weiteren BOB wird das weiter sinken und wir arbeiten daran, Leitungsverluste zu minimieren und zusätzlich an der Idee, dass der Strom, den Häuser in Solingen auf ihren Dächern erzeugen, am besten gleich von den Bussen genutzt wird.

Dafür braucht es eine neue Art von Transformatoren. Die Busse sind quasi mobil herumfahrende Stromspeicher. Und Speicher braucht es, um die Energiewende voranzubringen.

Alle Montagsinterviews des ST im Überblick

Aber die Anschaffung ist sicherlich viel teurer, war das nicht ein Problem?

Stiebel: Natürlich sind sie teurer in der Anschaffung und nicht erste Wahl, wenn man mit engem Fokus die Kosten-Frage stellt. Das ist das Kernproblem unserer Gesellschaft.

Mit kurzsichtigem Geiz-ist-geil-Denken achten wir nicht genügend auf die Folgen, die jedes Handeln auslöst. Wenn sie negativ sind, müssten Folgekosten – etwa für Umwelt und Gesellschaft – eingepreist werden. Das werden sie aber bislang fast nie.

Wenn der Effekt positiv ist, wie bei den BOBs, die aber in der Anschaffung deutlich mehr kosten, dann ist es also vollkommen richtig, dass es für solche Projekte Fördergelder gibt.

Sie engagieren sich auch in der Zirkularwirtschaft, der Wiederverwertung und dem Recycling von Materialien.

Stiebel: Das ist dringend nötig. Wenn wir unseren Lebensstandard erhalten wollen, müssen wir die Verschwendung eindämmen.

Wir versuchen, das Einmaleins der Effizienz zu vermitteln: Refuse: den Überfluss ablehnen, rethink: Prozesse neu denken, reduce: reduzieren, reuse: wiederbenutzen, repair: reparieren, refurbish: wiederaufarbeiten, remanufacture: Produkte aus recycelten Materialien herstellen, repurpose: einem neuen Zweck zuführen, recycle: recyceln.

So haben wir für die Weiternutzung der gebrauchten Batterien, die in den BOBs nicht mehr eingesetzt werden können, Lösungen gefunden: Sie bekommen in Trafostationen ein zweites Leben. Wir begleiten auch Firmen, wie sie ihre Produktion unter diesen Aspekten effektiver machen können.

Wie viele Projekte hatten Sie bislang?

Stiebel: In den letzten zehn Jahren haben wir 15 Projekte entwickelt und betreut. Sie sind förderungsabhängig, meist auf drei Jahre befristet.

In Solingen lief zum Beispiel das Projekt „Move 2035“, „Mehr Mobilität mit weniger Verkehr“ und die Frage nachhaltiger Gewerbemobilität, wo wir uns mit der Zukunft unserer Arbeit und unserer Mobilität beschäftigen. Die Erkenntnisse aus diesem Prozess sollen in die Planung zukünftiger Gewerbegebiete einfließen.

Sie haben viele Beispiele aus Solingen genannt.

Stiebel: Ja, was Bemühungen um Nachhaltigkeit angeht, ist Solingen vorbildlich – und nicht nur da. In zehn Jahren Neue Effizienz habe ich viele Stadtverwaltungen erlebt. Auch im pragmatischen Zusammenspiel von Verwaltung und Politik ist Solingen spitze.

Das ist die große Nachhaltigkeitsserie im ST

Neue Effizienz - Was ist das?

Die Neue Effizienz wurde mit der Idee gegründet, den Spagat zwischen wissenschaftlicher Erkenntnis, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Anwendung zu überwinden.

Der damalige nordrhein-westfälische Umweltminister Johannes Remmel (Grüne) wollte die Regionen stärken, lokale Agenten zusammenbringen, Netzwerke fördern. Die Neue Effizienz stellte daraufhin ihren ersten Förderantrag.

Der wurde für drei Jahre Netzwerkarbeit genehmigt und so entstand die – damals noch nicht gemeinnützige – GmbH 2012 aus den Stadtwerken Remscheid, Solingen und Wuppertal und den drei lokalen Wirtschaftsförderungen. Mit dabei waren auch die Bergische Entwicklungsagentur, die Firma Knipex und die Bergische Universität Wuppertal.

Die Neue Effizienz ist in ihrer Struktur bislang einzigartig in Deutschland und beschäftigt ein 27-köpfiges Team.

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