Arbeitsmarkt

Nach Flucht aus der Ukraine: Sie baut sich ein neues Leben in Solingen auf

In Solingen hat Anna Tolstykh nach ihrer Flucht aus der Ukraine einen Job gefunden.
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In Solingen hat Anna Tolstykh nach ihrer Flucht aus der Ukraine einen Job gefunden.

Jobcenter betreut fast 900 Ukrainer. Viele Geflüchtete möchten arbeiten, doch nur wenige wie Anna Tolstykh finden eine Anstellung.

Von Manuel Böhnke

Solingen. Vor knapp 25 Jahren hat Anna Tolstykh an der Universität in Kiew Deutsch gelernt. Was sie mit der zweiten Fremdsprache anfangen sollte, wusste sie lange nicht so recht. „Jetzt schon“, sagt die 46-Jährige. Fünf Monate ist es her, dass sie die Ukraine wegen des russischen Angriffs mit Tochter Tetiana (16) verlassen musste. In Deutschland baut sie sich ein neues Leben auf. Bei der Solinger Forum Your Brandbuilder GmbH hat die Marketing- und Kommunikationsexpertin eine Anstellung gefunden.

Diesen Wunsch hegen viele Geflüchtete aus der Ukraine. Für deren Betreuung ist das Solinger Jobcenter verantwortlich. Bislang seien Anträge von 400 Bedarfsgemeinschaften bewilligt worden, heißt es auf Nachfrage. Bedeutet konkret: „887 Menschen erhalten Arbeitslosengeld II, wovon sich 558 Personen in aktiver Arbeitsvermittlung/-beratung befinden.“ Die Beratung erfolge für alle Leistungsberechtigten ab dem 15. Lebensjahr.

Die Kommunikation zwischen Anna Tolstykh, Michael Chrystal, Nana Liman (l.) und Rebecca Backwinkel funktioniert trotz Sprachbarrieren.

Bislang hat das Jobcenter sechs versicherungspflichtige Beschäftigungen für ukrainische Geflüchtete vermittelt, etwa im Dienstleistungsbereich. Hinzu kommen zehn Minijobs. Weitere Arbeitsverhältnisse bahnen sich an. Die Einrichtung informiert Betroffene und unterstützt bei der Arbeitssuche. Einen Schwerpunkt bilde die Vermittlung von Sprachkursen – „viele Geflüchtete nehmen dieses Angebote wahr“. Ein wichtiger Faktor, denn derzeit seien die fehlenden Sprachkenntnisse die zentrale Hürde: „Die Menschen sind in der Regel sehr motiviert, Arbeit aufzunehmen.“

„Die Menschen sind motiviert, Arbeit aufzunehmen.“

Jobcenter Solingen

Auf Anna Tolstykh trifft das zu. Den Kriegsbeginn am 24. Februar erlebte sie in der ukrainischen Hauptstadt: „Wir waren überrascht, niemand hatte damit gerechnet.“ In einem Vorort versteckte sie sich fünf Tage lang in einem Luftschutzkeller, ehe es sie in den Westen des Landes zog. Sie verstand: „Wir müssen hier weg.“ Seit dem 10. März lebt die 46-Jährige in Deutschland. Obdach haben Mutter und Tochter bei Annas bester Freundin in Köln gefunden.

Anna Tolstykh wollte nicht abwarten, bis der Krieg endet: „Ich verstehe, dass ich hier arbeiten muss.“ Die nötigen Qualifikationen bringt sie mit. Ihren ersten Universitätsabschluss machte sie im Bereich Finance und Credit, ehe sie sich auf Marketing spezialisierte. Vor zehn Jahren schloss sie ihren Master of Business Administration an einer britischen Uni ab, einige Jahre später beschäftigte sie sich intensiv mit digitalem Marketing.

Fast 20 Jahre lang war sie in leitender Position für einen Medienkonzern tätig, bevor sie sich im Juni 2021 selbstständig machte. Ihre Agentur mit einer Angestellten und namhaften Kunden musste sie vor ihrer Flucht schließen. Die Büromöbel spendete sie.

Was der Krieg Anna Tolstykh nicht nehmen konnte: ihr gutes Netzwerk. Darüber lernte sie Michael Chrystal kennen. „Ich habe direkt gemerkt, dass das passt“, sagt der Geschäftsführer von Forum Your Brandbuilder. Er stellte Tolstykh ein. Dabei habe der Wunsch, Betroffene des Kriegs zu unterstützen, eine Rolle gespielt. Zugleich profitiere seine Agentur von der neuen Kollegin: „Corona hat die Branche auf links gedreht. Wir suchen händeringend nach Leuten.“ Chrystal lobt die Behörden: Die arbeitsrechtlichen Fragen habe man verhältnismäßig schnell klären können.

Anna Tolstykh ist sofort mittendrin. Sie ist eng mit der Organisation eines Events des Küchen- und Haushaltsgeräteherstellers Haier auf der IFA Anfang September in Berlin betraut. Dabei profitiert sie davon, dass die Kommunikation mit dem Kunden auf Englisch stattfindet. Neben der Arbeit nimmt die 46-Jährige an Sprachkursen teil, um ihre Deutschkenntnisse zu verbessern. Im Büroalltag funktioniere die Verständigung mit dem Chef und Kollegen gut – auf Deutsch, Englisch, Französisch, mit Händen und Füßen.

Beim Organisieren des Events helfen Tolstykh ihre zahlreichen Kontakte in der Branche. Mit vielen Aufgaben konnte sie bekannte Experten betrauen, die die Ukraine ebenfalls verlassen mussten und heute auf der ganzen Welt verstreut leben.

Anna Tolstykh hat sich in Deutschland und ihrem neuen Job gut eingelebt. Doch sie kann nicht verhehlen: „Ich habe Sehnsucht nach der Ukraine, meinen Freunden, meiner Familie.“ Ihre Wohnung in Kiew ist noch voll eingerichtet. Als hätte es den 24. Februar nie gegeben.

Anspruch

Ukrainische Geflüchtete haben seit dem 1. Juni dieses Jahres einen Anspruch auf Grundsicherung für Arbeitssuchende (SGB II), wenn sie im Ausländerzentralregister registriert sind und einen Aufenthaltstitel vorweisen können.

Standpunkt von Manuel Böhnke: Beispiel macht Mut

manuel.boehnke@solinger-tageblatt.de

Es ist eine Win-win-Situation: Binnen weniger Monate hat die Ukrainerin Anna Tolstykh eine attraktive Anstellung gefunden. Eine Solinger Agentur hat im Gegenzug eine erfahrene, gut ausgebildete Fachkraft gewonnen.

Eins zu eins auf andere Geflüchtete lässt sich der Fall leider nicht übertragen. Nicht viele verfügen über die Kontakte und die sprachlichen Fähigkeiten, um in einem neuen Land im alten Beruf – oder einem anderen – so schnell durchstarten zu können. Das stützen Zahlen des Jobcenters: Bisher konnte die Einrichtung lediglich sechs ukrainische Geflüchtete in eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung vermitteln. Das ist ein verschwindend geringer Anteil – angesichts von rund 900 Leistungsberechtigten. Zu groß sind in vielen Fällen die Sprachbarrieren, zu groß die Unsicherheit, ob die Betroffenen nicht bald in ihre Heimat zurückkehren.

Und doch macht das Beispiel Anna Tolstykh Mut: Expertise aus dem Ausland kann Branchen helfen, die händeringend nach Fachkräften suchen. Und davon gibt es einige. 

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