Wiederaufbau

Nach dem Hochwasser kehrt der Alltag nicht zurück

Rechts am Eschbach steht das Haus ohne Untergeschoss nach dem Hochwasser vom 14. auf den 15 Juli. Es ist zum Symbol geworden. Der Wupperverband sagt, es müsse abgerissen werden, die Stadt erklärt, das müsse der Eigentümer entscheiden. Dahinter hat eine Spezialfirma die Eschbachböschung gesichert. Darüber liegt die Straße Mühlendamm, sie ist für Autos noch immer nicht passierbar, soll es aber in Kürze sein. So wie dort, beginnt an vielen Stellen der Wiederaufbau, werden nun alle Schäden sichtbar.
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Rechts am Eschbach steht das Haus ohne Untergeschoss nach dem Hochwasser vom 14. auf den 15 Juli. Es ist zum Symbol geworden. Der Wupperverband sagt, es müsse abgerissen werden, die Stadt erklärt, das müsse der Eigentümer entscheiden. Dahinter hat eine Spezialfirma die Eschbachböschung gesichert. Darüber liegt die Straße Mühlendamm, sie ist für Autos noch immer nicht passierbar, soll es aber in Kürze sein. So wie dort, beginnt an vielen Stellen der Wiederaufbau, werden nun alle Schäden sichtbar.

Entlang der Wupper und des Eschbachs beginnt der Wiederaufbau, das wird teilweise Jahre dauern.

Von Philipp Müller

Solingen. Silvia Liedgens greift zum Telefon: „Bis 12 Uhr müssen sie da sein.“ Auf dem Campingplatz in Glüder erwartet sie neue Gäste. „Das Geschäft muss ja weitergehen.“ Doch der Platz ist immer noch an der Wupper schwer gezeichnet. 16 Wohnwagen hatte die Flut in der Nacht vom 14. auf den 15. Juli mitgerissen. Mehr als drei Dutzend Helfende kamen mit Schaufel und Baggern und räumten auf. Ein Bild, das sich an vielen Stellen entlang der Wupper und des Eschbachs in den Tagen nach dem Jahrtausendhochwasser bot. Liedgens ist ihnen allen heute noch unendlich dankbar. Doch jetzt müssten die Profis ran und die Stellplätze neu aufbauen.

Neuaufbau ist auch das große Thema im Obenrüdener Kotten. Gefasst wirken Lisa Demmer und Theo Recht. Sie sitzen in der ersten Etage einer der Ferienwohnungen im Kotten. Doch da können sie nicht bleiben. Wahrscheinlich fast zwei Jahre werde die Sanierung dauern. „Wir wissen ja nicht einmal, wann wir Handwerker bekommen“, sagt Theo Recht. Die Schäden werden am Ende in die Hunderttausende gehen. Die Böden müssen raus, der Putz abgeschlagen werden, alles muss trocknen. Der Blick von Lisa Demmer auf einen durchweichten Holzboden verrät, wie schwer sie das alles persönlich getroffen hat. 30 Jahre lebt sie dort, nur ein paar Stunden Hochwasser haben das Schmuckstück und ihren Lebenstraum zerstört, der nun wieder aufgebaut werden muss. Doch ihre Augen verraten auch Zuversicht, dass das gelingt.

Nach dem Hochwasser kehrt der Alltag nicht zurück

Auf dem Campingplatz in Glüder muss Silvia Liedgens die Stellplätze der 16 weggeschwemmten Wohnwagen neu bauen.
Auf dem Campingplatz in Glüder muss Silvia Liedgens die Stellplätze der 16 weggeschwemmten Wohnwagen neu bauen.  © Michael Schütz
Norbert Feldmann und Lisa Nohl von den Stadtwerken stehen im trockenen Zulauf zum Pumpwerk. Was damit geschieht, wird noch geprüft.
Norbert Feldmann und Lisa Nohl von den Stadtwerken stehen im trockenen Zulauf zum Pumpwerk. Was damit geschieht, wird noch geprüft.  © Michael Schütz
Elisabeth Schnepper sitzt in ihrem Garten, „meinem Paradies“. Das gibt ihr die Kraft, die Erlebnisse der Flutnacht zu verarbeiten.
Elisabeth Schnepper sitzt in ihrem Garten, „meinem Paradies“. Das gibt ihr die Kraft, die Erlebnisse der Flutnacht zu verarbeiten.  © Michael Schütz
Lisa Demmer hat ihren Obenrüdener Kotten in der Nacht des Hochwassers verloren. Rund zwei Jahre werde der Wiederaufbau des Schmuckstücks dauern, schätzt sie. Böden, Putz, Technik – alles muss raus, alles muss neu.
Lisa Demmer hat ihren Obenrüdener Kotten in der Nacht des Hochwassers verloren. Rund zwei Jahre werde der Wiederaufbau des Schmuckstücks dauern, schätzt sie. Böden, Putz, Technik – alles muss raus, alles muss neu.  © Michael Schütz
Im Frühjahr 2022 hofft Cedu Makric wieder, in seinen Wupperterrassen Gäste zu empfangen, die Gaststätte liegt jetzt in Trümmern.
Im Frühjahr 2022 hofft Cedu Makric wieder, in seinen Wupperterrassen Gäste zu empfangen, die Gaststätte liegt jetzt in Trümmern.  © Michael Schütz
Barbara Seidel, Lukas van Hove und Joachim Seidel loben die vielen Helfer in den Tagen nach der Flut. Van Hove brachte ihnen 1200 Portionen Essen.
Barbara Seidel, Lukas van Hove und Joachim Seidel loben die vielen Helfer in den Tagen nach der Flut. Van Hove brachte ihnen 1200 Portionen Essen.  © Michael Schütz
Rechts am Eschbach steht das Haus ohne Untergeschoss nach dem Hochwasser vom 14. auf den 15 Juli. Es ist zum Symbol geworden. Der Wupperverband sagt, es müsse abgerissen werden, die Stadt erklärt, das müsse der Eigentümer entscheiden. Dahinter hat eine Spezialfirma die Eschbachböschung gesichert. Darüber liegt die Straße Mühlendamm, sie ist für Autos noch immer nicht passierbar, soll es aber in Kürze sein. So wie dort, beginnt an vielen Stellen der Wiederaufbau, werden nun alle Schäden sichtbar.
Rechts am Eschbach steht das Haus ohne Untergeschoss nach dem Hochwasser vom 14. auf den 15 Juli. Es ist zum Symbol geworden. Der Wupperverband sagt, es müsse abgerissen werden, die Stadt erklärt, das müsse der Eigentümer entscheiden. Dahinter hat eine Spezialfirma die Eschbachböschung gesichert. Darüber liegt die Straße Mühlendamm, sie ist für Autos noch immer nicht passierbar, soll es aber in Kürze sein. So wie dort, beginnt an vielen Stellen der Wiederaufbau, werden nun alle Schäden sichtbar. © Michael Schütz

Zuversicht und Hoffnung begleiten auch die Menschen in Unterburg. Entlang der Eschbachstraße und in den Häusern der Hasencleverstraße und denen an der Müngstener Straße surren die Bautrockner und pusten Luft in die klatschnassen Gebäude.

Stefan Irlenbusch prüft mit seinem Team die Schäden an der Seilbahn. Der Blitzschutz wird neue geerdet, das Plateau, auf dem die Talstation steht, muss zur Wupper hin neu angelegt werden. Wiedereröffnung? Das weiß noch keiner.

Erst im kommenden Frühjahr wird Cedu Markic wieder Gäste in den Wupperterrassen begrüßen können. Zunächst müssen die 300.000 Euro Schäden am Haus beseitigt werden – falls sie nicht noch höher liegen. Die Versicherung habe darauf gedrängt, ein Notbetrieb dürfe die Beseitigung der Schäden nicht verhindern. Immerhin zahlt die Versicherung seine Angestellten fürs Aufräumen weiter. Inventar mit einem Wert von ungefähr 150.000 Euro ist auch ein Fall für die Komplettentsorgung. Doch da greift eine andere Versicherung nicht. Markic hat einen Anwalt eingeschaltet.

„Die Gaststätte muss jetzt acht Wochen trocknen.“

Cedu Makric, Wupperterrassen

Als er das alles erzählt, lacht er viel. Dann schaut er auf den Bautrockner. „Der wird acht Wochen brauchen, das alles überhaupt abzutrocknen.“ Dann lächelt er wieder, zieht tief an der Zigarette. Doch dass ihm eine in 29 Jahren aufgebaute Existenz in wenigen Stunden fortgeschwemmt wurde, das hat in seinem Gesicht und seiner Stimme Spuren hinterlassen.

Auch der Blick von Elisabeth Schnepper spiegelt das Drama der Flutnacht wieder. Sie wohnt an der Hasencleverstraße. Die war in der Nacht auf den 15. Juli zur Seenplatte geworden. Die 78-Jährige sagt, die Dramen der Nacht dürfe man nicht vergessen und nur auf den touristischen Kern von Unterburg schauen. Dann erzählt sie. Der Regen habe sie am Nachmittag schon beunruhigt. Seit 50 Jahren lebt sie in Burg und erkannte Warnzeichen wie Pfützen auf dem Grundstück an der Wupper. Trotzdem machte sie einen Mittagsschlaf. Dann weckte gegen 17 Uhr ein Anruf der Nachbarin alle ihre Sinne. „Was ist mit den Meerschweinchen?“ Der Stall im Garten stand schon halb unter Wasser, die Tiere wurden gerettet. Elisabeth Schnepper zog ins erste Stockwerk ihres Hauses um. Um 18.30 Uhr sei der Strom ausgefallen und damit die Pumpe im Keller. „Das Wasser strömte mit großem Grollen in den Keller.“ Kurz vor 23 Uhr sei die Polizei gekommen, habe sie abgeholt. Das Wasser reichte der gehbehinderten Frau bis an die Hüften. Zwei Polizisten hätten sie untergehakt. Der Hund musste zurückbleiben. „Doch ein junger Polizist hat ihn geholt“, sagt sie heute dankbar. An der Leine sei das Tier durch das Hochwasser geschwommen – ein Erlebnis, das den Hund heute noch völlig verstört. „Er hat Angst, von mir getrennt zu werden.“

Die Familie kam am nächsten Tag komplett. Und in nur drei Tagen hätten sie weit über die Grenze der Erschöpfung alles aus dem Haus geschafft, was die Flut zerstört hatte – auch viele persönliche Erinnerungen. Elisabeth Schnepper schaut in ihren Garten, sie nennt ihn ihr Paradies. Auch das ist immer noch teilweise verschlammt und doch freut sie sich, dass schon die ersten Rosen wieder blühen. Ein Symbol der Hoffnung, das viele Unterburger jetzt brauchen.

„Wir hatten Sorge, ein Baum trifft die Wasserleitung.“

Norbert Feldmann, Wasserwerk

Nicht nur die Häuser der Menschen an Wupper und Eschbach sind teilweise zerstört oder stark beschädigt. Auch die Infrastruktur hat es getroffen. Die Juckelbrücke ist weiter gesperrt, das Geländer von den Treffern des Treibholzes gezeichnet. Die Eschbachstraße ist auch Richtung Wermelskirchen unpassierbar. Am Wasserwerk Glüder ist der gebrochene Damm am Pumpwerk mit einer Rampe geschlossen. Vom Wehr an der Kläranlage Unterburg wird kein Wupperwasser mehr in den Obergraben gelassen.

Norbert Feldmann für das Wassermanagement der Stadtwerke Solingen ist immer noch sichtlich angefasst von der Flutnacht, wenn er auf die freigespülte Druckleitung Richtung Krahenhöhe schaut. Nach dort oben wird das Wasser der Sengbachtalsperre gepumpt und auf Solingen verteilt. In der Nacht sei die Rohrleitung mit einem Schieber geschlossen worden. Denn die Leitung geht über die Wupper in Strohn. „Wir hatten Sorge, dass ein Baum die Leitung trifft und das ganze Wasser aus der Krahenhöhe zurück in die Wupper fließt“. Mit Schlauchleitungen mussten Teile der Südstadt mit Trinkwasser versorgt werden. Doch nach drei Tagen pumpte das Werk wieder Wasser.

„Der Lukas war einfach nur der Hammer.“

Barbara Seidel zu Helfer Van Hove

Doch noch längst sind nicht alle Schäden beseitigt, erklärt Stadtwerkesprecherin Lisa Nohl. Im August tagt der Aufsichtsrat, er werde entscheiden, wie es im Pumpwerk und am Obergraben weitergeht. In ihrem Café „Frieda & Heinz“ an der Schloßbergstraße sitzen Barabara und Joachim Seidel, sie wollen am Wochenende wieder öffnen. Doch das ist nicht ihre Botschaft. Am Tisch sitzt auch der gebürtige Belgier Lukas van Hove. „Der Lukas war einfach nur der Hammer.“ 500 Portionen Kaffee, je 150 Mal Suppe und Spaghetti und mehr als 300 Crêpes brachte der Wirt des „Burgnarr“ aus Oberburg in den ersten Tagen zu den Helfern und Anwohnern. Er wollte einfach nur helfen. Dank will er nicht, es würde ihm reichen, wenn die Unterburger ihn künftig „unseren Belgier“ nennen.

Zum Symbol der Flutnacht wurde das Haus ohne Untergeschoss am Eschbach. Noch steht es – entschieden, ob es abgerissen wird, ist noch nicht. Der Wupperverband sichert im Bach die Böschungen und die Technischen Betriebe machen die Straße Mühlendamm wieder passierbar.

Gesperrte Eschbachstraße

Zwischen Alter Schlossfabrik und dem Abzweig Kellerstraße bleibt die Eschbachstraße auch mindestens bis Mitte, wenn nicht sogar Ende kommender Woche voll gesperrt. Weiter sind zunächst die Technischen Betriebe Solingen damit beschäftigt, die durch das Hochwasser freigespülten Gasleitungen zu prüfen und neu zu isolieren, erklärt ein Sprecher von Straßen.NRW. Der Landesbetrieb will die Fahrbahn dann im Anschluss sanieren. Dabei werde die Straße dann für Fahrzeuge bis 3,5 Tonnen einspurig freigegeben.

Mehr als eine Million Euro ausgezahlt

Die Auszahlung der Unterstützung für Hochwasser-Betroffene schreitet voran. Laut Angaben der Stadt wurden bisher 157 Anträge von Privathaushalten und Gewerbetreibenden auf die Soforthilfe des Landes bearbeitet und ausgezahlt. Der in dieser Woche überwiesene Betrag liegt bei rund 480 000 Euro. Weitere 60 Anträge werden noch geprüft. Hinzu kommen die Mittel aus dem Topf der Gerd-Kaimer-Bürgerstiftung.

Dort sind inzwischen Spenden in Höhe von rund 1,34 Millionen Euro von etwa 5500 Menschen eingegangen. Bislang ausgezahlt wurden der Verwaltung zufolge knapp 600 000 Euro an 211 von 267 Antragsteller. Derweil läuft das Spendensammeln weiter. Zu den Unterstützern zählt unter anderem die Amateurabteilung des Bergischen HC. Mitglieder, Trainer und Spieler haben mehr als 2500 Euro gesammelt – alleine 1600 Euro davon kamen aus der Kasse der 5. Mannschaft. Der Initiativkreis Solingen hat zudem Spendendosen aufgestellt. In mehr als 20 Geschäften und Gastronomiebetrieben in Wald, Höhscheid, Ohligs sowie der Innenstadt wird für die Gerd-Kaimer-Bürgerstiftung gesammelt, unter anderem in der Tageblatt-Geschäftsstelle an der Mummstraße. Eine vollständige Liste der Spendendosen-Standorte finden Sie hier. -böh-

Geschäfte in Wald:

  • Freudenhaus ConceptStore (Friedrich-Ebert-Str.)
  • b.druckt (Rundling)
  • Bücherwald (Rundling)
  • MissFilz (Stresmannstr.)
  • Sparkasse Geschäftsstelle Wald
  • McDonalds Wald

Geschäfte in der Innenstadt:

  • Fotostudio Flic Flac (Bergstr.)
  • Intersport Borgmann (Mühlenplatz)
  • Café Alex
  • Bieber Apotheke
  • Sneaker Store
  • Viania Dessous
  • Sparkasse Hauptstelle (Kölner Str.)
  • McDonalds Innenstadt
  • Solinger Tageblatt (Mummstr.)

Geschäfte in Höhscheid:

  • Kempners Edle Gewürze & mehr (Neuenhofer Str.)
  • Media @Home Jüntgen (Grünewalder Str.)
  • Küchenstudio Ruhnau (Grünewalder Str.)

Geschäfte in Ohligs:

  • McDonalds
  • MännerWerk Herrenmode (Düsseldorfer Str. 51)
  • Teeblatt Solingen (Düsseldorfer Str. 37)
  • SpielPlus (Grünstr. 8)
  • Stefan Lorbach - Ihr Augenoptiker (Emdenstr. 15)
  • Buchhandlung Kiekenap GmbH (Düsseldorfer Str. 56)

Hier geht es zum Hochwasser-Live-Blog.

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