Blick hinter die Kulissen des Müllheizkraftwerks

140.000 Tonnen Müll werden hier verbrannt

Im Müllbunker mischt der Kranführer den angelieferten Abfall – die Mischung zwischen trockenem und nassem Müll muss stimmen, damit es im Ofen richtig brennt.
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Im Müllbunker mischt der Kranführer den angelieferten Abfall – die Mischung zwischen trockenem und nassem Müll muss stimmen, damit es im Ofen richtig brennt.

Das Müllheizkraftwerk an der Sandstraße in Solingen produziert 70.000 Megawatt Strom. Und versorgt damit unter anderem das Klinikum.

Von Andreas Römer

Solingen. Hungrig ist so ein Müllofen. Er will stetig gefüttert werden. 480 Tonnen Abfall am Tag verschlingen die beiden Öfen im Müllheizkraftwerk (MHKW) an der Sandstraße. Und das an jedem Tag im Jahr, sogar an Weihnachten.

Immer wieder begrüßen die Mitarbeiter Besucher, diesmal sieben Erwachsene und zwei Kinder.

Nicht an den Feiertagen aber an vielen anderen Tagen kann man das MHKW besichtigen. Davon machen die Solinger auch regen Gebrauch, wie Corinna Schlupp erzählt. Sie organisiert die Führungen und ist ganz froh, dass die Menschen nach der Corona-Pause wieder kommen dürfen. „In diesem Jahr beteiligen wir uns wieder an den Ferienspielen, oft kommen Kindergärten, Schulklassen oder Firmenausflüge,“ berichtet Schlupp. Daneben kann sich jeder für eine Führung anmelden. Diesmal sind es sieben Erwachsene und zwei Kinder, die sich einmal anschauen wollen, was mit ihrem Abfall eigentlich so geschieht.

„Da hat man die Dinger möglichst hoch gebaut, damit sich Abgase besser verteilen konnten.“

Produktionsleiter Elias Eisgruber zu Schornsteinen

Produktionsleiter Elias Eisgruber gibt zunächst einen Überblick zur Technik, liefert allerhand Zahlenmaterial und eine kleine Sicherheitseinweisung. Dann geht’s endlich los. Helm auf, Warnweste an und los geht der Rundgang. Hier wird in erster Linie Hausmüll verbrannt, aus Solingen und aus einigen umliegenden Gemeinden. Solingen allein kann den Hunger der Müllöfen nämlich nicht stillen. Jeder Solinger produziert rund 480 Kilogramm Restmüll pro Jahr, macht insgesamt rund 78 000 Tonnen. Verbrannt werden im Müllheizkraftwerk etwa 140 000 Tonnen – jedes Jahr.

Wer in den riesigen Müllbunker schaut, kann die Dimension erahnen. „Der Bunker fasst rund 1500 Tonnen Abfall. Wenn er voll ist, kommen wir also gute drei Tage damit hin“, erläutert Elias Eisgruber. Da müssen Feiertage wie Weihnachten schon gut geplant werden, damit das Feuer nicht ausgeht.

Von einem Leitstand aus wird das Müllheizkraftwerk an der Sandstraße gesteuert.

Aus dem Müllbunker geht es für den Abfall aber nicht sofort in den Ofen. „Die wichtigste Aufgabe für den Kranführer ist, den angelieferten Abfall zu mischen“, sagt Eisgruber. Es bedarf einiger Erfahrung, um aus 20 Metern Höhe zu erkennen, wo vielleicht besonders nasser oder besonders trockener Müll im Bunker liegt. Wenn die Mischung stimmt, geht es in den Ofen.

Mindestens 850 Grad müssen da drin sein. „Wir erreichen sogar bis zu 1100 Grad“, sagt Fachmann Eisgruber. Die Mindesttemperatur sei vor allem wichtig, um Schadstoffe wie Dioxide sicher zu verbrennen. Überhaupt gehe es ja vor allem darum, den Abfall unschädlich zu machen. Bis in die frühen 2000er Jahre durfte der Abfall einfach auf Deponien gelagert werden. In Solingen wird schon seit mehr als 50 Jahren verbrannt. 1969 ging das MHKW in Betrieb.

850 Grad ist die Mindesttemperatur, manchmal werden in den zwei Öfen auf 1100 Grad erreicht.

Seitdem ist viel passiert. Wir sammeln Papier und Verpackungen separat, was den Abfall weniger brennbar macht. Die Einführung der Biotonne wiederum hat viele feuchte Bestandteile aus dem Hausmüll entfernt, so dass das mit dem Brennwert wieder ein bisschen besser geworden ist.

Eigentlich ist es ja mehr als nur verbrennen. Immerhin wird die Hitze des Ofens genutzt, um rund 70 000 Megawatt Strom zu produzieren. Das reicht rechnerisch, um 20 000 Solinger im Jahr zu versorgen. Zudem schafft die Anlage noch 55 000 Megawatt Fernwärme, die vor allem vom Krankenhaus und Schwimmbad genutzt werden. Selbst die Schlacke, also das, was nach dem Verbrennen übrig bleibt, wird heute nicht mehr deponiert, sondern weil sie ja unschädlich ist, im Straßenbau eingesetzt.

Der 90 Meter hohe Schornstein ist noch ein Zeichen der früheren Zeiten. „Da hat man die Dinger möglichst hoch gebaut, damit sich Abgase besser verteilen konnten“, berichtet der Produktionsleiter. Heute werden die Abgase aufwendig mit Harnstoff, wie es Dieselfahrer kennen, Kalkmilch, Kalkhydrat und Aktivkohle so gereinigt, dass keine gefährlichen Stoffe mehr durch den Schornstein gehen. Und die sogenannten Filterkuchen, die bei der Rauchgasreinigung anfallen, werden als Füllmaterial in ehemaligen Bergwerken zu Stabilität gebracht.

Ein Schiffsdiesel mit 5800 PS kann im Notfall die Stromversorgung übernehmen.

Auf dem Gelände des MHKW kann man aber viel mehr loswerden. Über 100 000 private Anlieferungen zählt man hier. Vieles wird kostenlos angenommen wie Elektro- und Metallschrott oder Schadstoffe. Für eine Kofferraumladung „Sonstiges“ zahlt man 5 Euro. Der Solinger Sperrmüll wird übrigens nicht verbrannt, sondern in Dortmund stofflich verwertet.

Hintergrund

Über 30 Meter hoch sind die beiden Öfen im Müllheizkraftwerk. Es gibt den Ofen 1 und den Ofen 3. Dazwischen wäre Platz für Ofen 2, der aber nie gebaut wurde. Die Hitze der Verbrennung erzeugt Wasserdampf, der mit 40 bar Druck in Turbinen zu Strom oder Fernwärme umgewandelt wird. Zweimal pro Jahr werden die Öfen nacheinander gewartet. Für Notfälle steht ein mächtiger Schiffsdiesel mit 5800 PS bereit, der in nur 15 Sekunden starten kann und so die Versorgung mit Strom übernehmen kann. Schichtleiter, Kesselfahrer, Maschinist und Kranfahrer sind im Drei-Schicht-Betrieb im Einsatz. Insgesamt sind im MHKW fast 80 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt.

Lesen Sie auch: So rüstet sich die Stadt Solingen für hohe Energiepreise

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