Montagsinterview

„Wir wollen die Energiewende voranbringen“

Zwölf Photovoltaikanlagen hat die Bürgerenergie bislang gebaut. Diese befindet sich auf dem Dach der Kantine des Verwaltungsgebäudes in der Bonner Straße. Foto: Gisbert Friege/BESG
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Zwölf Photovoltaikanlagen hat die Bürgerenergie bislang gebaut. Diese befindet sich auf dem Dach der Kantine des Verwaltungsgebäudes in der Bonner Straße.

Seit acht Jahren gibt es die Genossenschaft Bürgerenergie – Vorstand Horst Berg blickt nach vorne und zurück.

Das Gespräch führte Renate Bernhard

Herr Berg, die Bürgerenergie Solingen (BESG) feiert jetzt ihren achten Geburtstag. Wie hat sie sich entwickelt?
Horst Berg: Am 14. März 2014 haben wir mit 34 Solingerinnen und Solingern die Bürgerenergie gegründet. Unser Ziel war und ist, die Energiewende in Solingen wirtschaftlich, umweltfreundlich, sozial gerecht und zukunftsfähig mitzugestalten. Inzwischen sind wir auf 325 Mitglieder angewachsen. Diese haben 575 000 Euro in unsere Genossenschaft eingezahlt, Grundlage für unsere Investitionen in Solaranlagen auf Solinger Dächern.
Was hat die Bürgerenergie bislang auf die Beine gestellt?
Berg: Wir haben zwölf Photovoltaikanlagen gebaut: die kleinste mit rund 17 KW auf dem Dach der Grundschule Gottlieb-Heinrich-Straße, die größte, 99 KW, bei den Solinger Verkehrsbetrieben an der Weidenstraße. Alle zusammen produzieren gut 500 000 Kilowattstunden pro Jahr sauberen Solarstrom. Das entspricht dem Stromverbrauch von etwa 150 Haushalten. Wir haben mit den Stadtwerken Solingen ein Solarstromangebot und aktuell rund 250 BESG-Kunden. Die Stadtwerke sind Vertragspartner für die Stromkunden. Wir kümmern uns um die Qualität des Ökostroms. Wer BESG-Kunde ist, befördert mit jeder verbrauchten Kilowattstunde die Energiewende, denn 0,5 Cent pro Kilowattstunde fließen in unseren Fonds. Damit unterstützen wir unter anderem Solinger Projekte, die sich für vernünftige Energienutzung einsetzen. So haben wir zum Beispiel drei Solinger Grundschulen für 4000 Euro mit Bildungsmaterialien versorgt. Außerdem soll der Strombedarf unserer neuen Bürgerstromkunden künftig auch eine Richtschnur für den Bau und die Initiierung neuer PV-Anlagen in Solingen sein.
Wer sind Ihre Geschäftspartner?
Berg: Die Stadt, die Technischen Betriebe und die Verkehrsbetriebe. Unsere Anlagen sind auch auf zwei Häusern des Solinger Spar- und Bauvereins und und auf zwei Dächern von Solinger Unternehmen. Die meisten speisen den gewonnenen Strom ein. Vier der Anlagen sind an die Nutzer verpachtet. Das heißt, wir haben sie finanziert. Die Pacht, die wir bekommen, ist höher als die Einspeisevergütung, die wir bekommen, aber niedriger als der Strompreis der Energieversorger. So können die Pächter mit dem Strom, der auf ihren Dächern entsteht, ihre Stromkosten schon ab dem ersten Nutzungstag erheblich senken. Dieses Modell ist für Solinger Einrichtungen interessant, die nicht genug Kapital für den Bau eigener Anlagen haben, die etwas für die Umwelt tun oder einfach Geld sparen wollen.
Was sind aktuelle Projekte in Solingen?
Berg: Wir verhandeln gerade mit dem städtischen Gebäudemanagement wegen weiterer Dächer. Allerdings ist die Einspeisevergütung nach dem Erneuerbaren-Energien-Gesetz aktuell so gering, dass neue Anlagen nur mit Verlust gebaut werden könnten. Dies, obwohl wir die Dächer der Stadt fast gratis bekommen. Das angekündigte „Energie-Osterpaket“ der Bundesregierung soll die Einspeisung von Solarstrom verbessern. Dann werden wir weitere Anlagen bauen. Das Geld dafür haben wir.
Was erwarten sie vom Energie-Osterpaket?
Berg: Die seit Herbst so hohen Energiepreise zeigen, dass wir die heimischen Energiequellen Sonne, Wind, Wasser viel stärker nutzen müssen. In Berlin wird das genauso gesehen. Was das konkret für uns als BESG bedeutet, ist noch offen. Anlagen zu bauen, ist billiger als früher. In den letzten Jahren ist daher die Einspeise-Vergütung gesunken, doch leider schneller als die Preise für den Bau. Zuletzt wurden Module wegen des weltweiten Rohstoffmangels sogar teurer. Wenn man Bau- und Produktionskosten zählt und mit einer Laufzeit von 20 Jahren rechnet, kostet der Strom einer PV-Anlage aktuell sieben bis neun Cent pro Kilowattstunde. Selbstnutzung lohnt sich da immer noch, denn der gekaufte Strom ist aktuell ja fast drei mal so teuer. Nur die Einspeisung ist aktuell nicht rentabel.
Was sind Ihre Zukunftspläne?
Berg: Wir wollen weitere Genossen gewinnen, sehr gern auch neue BESG-Stromkunden. Wir rechnen nach Ostern mit besseren Rahmenbedingungen. Deshalb suchen wir schon jetzt vor allem Partnerinnen und Partner, die den Strom von ihrem Dach selbst verbrauchen wollen. Es ist ja unsinnig, Strom zu einem geringen Preis ins Netz einzuspeisen und dann für teurer vom Energieversorger zu kaufen. Wir suchen vor allem soziale Einrichtungen, Verbände aber auch gemeinnützige Unternehmen, die den Bau von PV-Anlagen bislang gescheut haben. Wer gering verschattete große Dachflächen in einem guten Zustand hat, soll uns bitte ansprechen. Vielleicht können wir dann ein Projekt realisieren. Kleine Anlagen auf Privathäusern bauen wir allerdings nicht. Private Hausbesitzer berät die Solinger Verbraucherzentrale.
Putins Krieg verdeutlicht unsere Energie-Abhängigkeit von Russland. Was kann jede und jeder Einzelne tun, diese zu reduzieren?
Berg: In der Tat geht es jetzt neben dem Klimaschutz auch um unsere Energieabhängigkeit von Russland. Lindners neue Sicht auf die Erneuerbaren als „Energien der Freiheit“ zeigt den mehrfachen Gewinn, der damit entsteht. Eine PV-Anlage auf dem Dach senkt Stromkosten, CO2 und unsere Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen, fördert die Energiewende, bekämpft den Klimawandel. Weitere Möglichkeiten sind ein effizientes Heizungssystem, Wärmedämmung, der alltägliche Umgang mit der Energie, bewussteres Mobilitätsverhalten: wo immer möglich Auto stehen lassen, zu Fuß gehen, Fahrrad, Bus und Bahn nutzen. Je mehr Menschen das machen, desto weniger Gas und Kohle müssen wir importieren.
Kann man bei der Bürgerenergie Geld anlegen?
Berg: Ja sehr gerne, der Mindestbetrag eines Geschäftsanteils ist 500 Euro. Viele unserer Mitglieder haben deutlich mehr eingezahlt. Die Satzung unserer Genossenschaft sieht vor, dass Gewinne ausgeschüttet werden können. Über die Gewinnverwendung entscheidet die Generalversammlung. Dort hat jedes Mitglied unabhängig von der Zahl der gezeichneten Geschäftsanteile eine Stimme. Obwohl wir in den letzten Jahren kleine Gewinne erwirtschaftet haben, hat die Generalversammlung immer einmütig entschieden, dieses Geld im Unternehmen zu belassen. Es freut uns sehr, dass unsere Mitglieder die Umwelt und die saubere Stromerzeugung im Blick haben, und nicht die Gewinnausschüttung. Die Gewinne waren übrigens nur möglich, weil alle ehrenamtlich mitmachen. Wir sind aus Überzeugung dabei. Es macht einfach auch Spaß, da etwas zu bewegen.
Zwischen 2014 und 2019 war Horst Berg Aufsichtsratsvorsitzender der Bürgerenergie Solingen. Seit 2019 ist er Vorstand.
Könnte es bei den aktuellen Negativzinsen Sinn machen, der Bürgerenergie Geld zur Verfügung stellen, bis man das, wofür man spart, realisieren kann?
Berg: Aktuell ist kaum möglich, die Abhängigkeit von Öl- und Gasimporten zu verringern bei gleichzeitig sicherer Rendite. Eine Beteiligung an der BESG eignet sich deshalb kaum als Kapitalanlage. Wer sein Geld bei der BESG anlegt, sollte bereit sein, das langfristig zu tun. Es wird in PV-Anlagen mit 20 Jahren Laufzeit investiert. Die Kündigungsfrist in der Genossenschaft beträgt daher drei Jahre. Wir wollen nicht mit Wertpapieren und Investmentfonds konkurrieren, sondern die Energiewende in Solingen voranbringen. Das verbindet unsere Mitglieder.
Was sind Ihre sonstigen Aktivitäten?
Berg: Fünf- bis sechsmal im Jahr laden wir mit wechselnden Themen zum Energiewende-Stammtisch ein. Es sind immer schöne Veranstaltungen mit meist mehr als 40 Personen. Ansonsten machen wir Infoständen und sprechen da über unsere Arbeit und wie dringend es ist, dass wir unsere Lebensgrundlage auf diesem Planeten erhalten.
Muss man aus Solingen kommen, um bei der Bürgerenergie mitzumachen?
Berg: Unser Stromangebot ist lokal, die Kunden des Bürgerstroms sind aus Solingen, Wuppertal, Leichlingen. Wir hoffen aber, dass sich das bald wieder ändert. Neue Genossen, egal wo sie wohnen, sind jederzeit willkommen.

Zur Person

Horst Berg ist 63 Jahre alt. Der Volkswirt ist im nordrhein-westfälischen Ministerium für Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz für Verbraucherschutz zuständig. In der Genossenschaft Bürgerenergie Solingen ist er seit deren Gründung aktiv. Zwischen 2014 und 2019 war er Aufsichtsratsvorsitzender, seit 2019 ist Berg Teil des Vorstands.

www.buergerenergie-solingen.de

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