Montagsinterview

Oberstaatsanwalt Uwe Neumann: „Mitarbeiter zeigen hohen Einsatz“

Oberstaatsanwalt Uwe Neumann an seinem neuen Arbeitsplatz bei der Staatsanwaltschaft Wuppertal. Der 60-jährige Jurist hat am 1. Oktober die Leitung der Behörde übernommen. Foto: Kristin Dowe
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Oberstaatsanwalt Uwe Neumann an seinem neuen Arbeitsplatz bei der Staatsanwaltschaft Wuppertal. Der 60-jährige Jurist hat am 1. Oktober die Leitung der Behörde übernommen.

Uwe Neumann, seit Anfang Oktober Leiter der Staatsanwaltschaft Wuppertal, freut sich auf seine neue Aufgabe.

Von Kristin Dowe

Herr Neumann, Sie waren vorher bei der Generalstaatsanwaltschaft Düsseldorf tätig und leiten nun seit Anfang Oktober die Staatsanwaltschaft Wuppertal. Wie kam es zu dem Wechsel?

Uwe Neumann: Ich habe mich auf diese Stelle in Wuppertal beworben und war mit meiner Bewerbung letztendlich erfolgreich. Bei der Generalstaatsanwaltschaft war ich als Abteilungsleiter tätig und habe außerdem zu einem früheren Zeitpunkt schon einmal als stellvertretender Behördenleiter bei der Staatsanwaltschaft Düsseldorf gearbeitet. Diese Erfahrung hat mich dazu bewogen, mich zu gegebener Zeit auf eine Behördenleitung zu bewerben. Denn ich möchte gerne das Wissen und die Erfahrung, die ich in verschiedenen Behörden erlangt habe, in der Praxis weitergeben. Diese Aufgabe finde ich sehr reizvoll und interessant.

Wie müssen wir uns Ihren Aufgabenbereich vorstellen?

Neumann: Wir haben hier insgesamt 207 Mitarbeiter, 55 davon Staatsanwältinnen und Staatsanwälte. 31 von diesen sind übrigens Frauen, also ein beträchtlicher Anteil. Damit die in der Praxis tätig werden können, muss so eine Staatsanwaltschaft als gesamtes Gebilde funktionieren. Damit sind viele Beschäftigte auf unterschiedlichen Ebenen vom technischen Ablauf bis zur Logistik befasst, damit das Leben einer Staatsanwaltschaft funktioniert. Deshalb müssen Entscheidungen getroffen werden, es muss Personalentwicklung betrieben und sich der alltäglichen Probleme angenommen werden, die in einer solchen Behörde auftreten. Dabei habe ich auch viel Unterstützung, etwa durch die Abteilungsleitenden. Meine Aufgaben sind sehr vielschichtig und ich bemühe mich, immer ein offenes Ohr für alle Dienstzweige zu haben.

Ist die Staatsanwaltschaft Wuppertal mit 55 Staatsanwältinnen und -anwälten ausreichend ausgestattet?

Neumann: Wir haben in den vergangenen Jahren personell erhebliche Verstärkung bekommen – und das trägt mittlerweile auch Früchte. Die Arbeit bleibt dennoch umfangreich und schwer voraussehbar, weil sie immer davon abhängt, wie viele Verfahren gerade zu uns ins Haus kommen. Mein bisheriger Eindruck in dieser Behörde ist, dass hier sehr engagiert gearbeitet wird und die Mitarbeiter hohen Einsatz zeigen. Eine hohe Arbeitsbelastung besteht immer wieder. Aber zurzeit sind wir auskömmlich versorgt.

Ist es heute schwierig, junge Jura-Absolventen für die Staatsanwaltschaft zu gewinnen?

Neumann: Die Frauen und Männer, die zu uns kommen möchten, müssen ein bestimmtes Notenniveau erreichen. Dieses wechselt beim NRW-Justizministerium und schwankt teilweise, das heißt, es ist mal höher und mal niedriger. Bei den guten Juristen, die in die Justiz gehen können, müssen wir uns aufgrund dieses Anforderungsprofils auch einer starken Konkurrenz auf dem freien Markt erwehren; seien es nun Anwaltskanzleien oder attraktive Positionen in der Wirtschaft. Ich glaube dennoch, dass die Anwärter hier eine interessante Aufgabe finden können. Wir versuchen zudem, schon in den Ausbildungsstationen, wenn jemand bei der Staatsanwaltschaft ist, für den Beruf zu werben. Denjenigen, die einmal den Weg zu uns gefunden haben, scheint es auch ganz gut zu gefallen. Dafür spricht zumindest, dass viele bei uns bleiben. Grundsätzlich kann ich sagen: Es ist ein anspruchsvoller, aber auch sehr schöner Beruf.

Hat die Staatsanwaltschaft Wuppertal bei der Kriminalitätsbekämpfung bestimmte Schwerpunkte?

Neumann: Wir haben eine Schwerpunkt-Abteilung für die Korruptionsstraftaten. Bei anderen Staatsanwaltschaften wie zum Beispiel Düsseldorf liegt der Schwerpunkt eher auf Wirtschaftskriminalität. Ansonsten beschäftigen wir uns mit jeder Form von Kriminalität, die hier angezeigt oder Gegenstand eines Verfahrens wird.

Gibt das Gesetz den Ermittlungsbehörden ausreichende Möglichkeiten zur Kriminalitätsbekämpfung?

Neumann: Diese Frage ist nicht ganz einfach zu beantworten, weil die Situation stark im Fluss ist. Wir nehmen wahr, dass die Welt sich in digitaler Hinsicht rasant wandelt. Die neuen technischen Möglichkeiten finden aber nicht nur wir praktisch, sondern auch unsere Täter, die sie auch gerne nutzen. Da stellt sich die Frage, ob es Anlass für gesetzgeberische Maßnahmen gibt – sprich, ob bestehende Gesetze erweitert oder neue geschaffen werden müssen. Das bleibt eine ständige Abwägung. Wenn in der Bundesrepublik gesetzgeberischer Bedarf gesehen wird, beschäftigt dies auch die Politik. Zu solchen Diskussionen nehmen wir dann bei Bedarf gerne Stellung.

In welchen Bereichen stoßen die Ermittler an ihre Grenzen?

Neumann: Es gibt beispielsweise im erheblichen Maße Versuche, im sogenannten Darknet Straftaten zu begehen. Aber auch dort waren in den letzten Jahren mehr Ermittlungserfolge zu verzeichnen. Früher war das Darknet tatsächlich ein dunkler Raum, in dem die Ermittlungsbehörden wenig Möglichkeiten hatten, Straftaten aufzudecken. Das gelingt inzwischen aber immer häufiger. Schwierig bleibt unsere Arbeit in diesem Bereich aber weiterhin.

Mit welchen Delikten haben Sie es bei der Staatsanwaltschaft Wuppertal am meisten zu tun?

Neumann: Da kann ich Ihnen vorweg ein paar Zahlen nennen: Im Jahr 2020 hatten wir rund 70 000 Verfahren zu bearbeiten, die meistens aus Strafanzeigen resultierten. 46 000 davon richteten sich gegen namentlich bekannte Tatverdächtige. Die größten Deliktgruppen sind Diebstahls- und Betrugstaten, Sachbeschädigung und Körperverletzung. Die Öffentlichkeit nimmt das oft anders wahr, da spektakulärere Taten wie etwa Kapitaldelikte oder sonstige große Verfahren eine höhere Aufmerksamkeit erregen.

Wie sind die Verfahren auf die Kommunen im bergischen Städtedreieck verteilt?

Neumann: Grob über den Daumen hatten wir in Wuppertal rund 45 000 Verfahren, davon 16 000 gegen unbekannte Täter. In Remscheid waren es 15 000 Verfahren und 3500 gegen Unbekannt und in Solingen ebenfalls circa 15 000 Verfahren, 5700 davon gegen Unbekannt. Die Variable „Unbekannt“ hängt immer von den Umständen ab. Wenn ein Mensch als Beschuldigter in Verdacht gerät oder jemand mir etwas getan hat und ich diese Person namentlich anzeige, dann habe ich natürlich einen Beschuldigten. Wenn auf der anderen Seite Straftaten begangen werden und niemand aktuell tatverdächtig ist, läuft das Verfahren gegen Unbekannt.

Die Polizei spricht häufig von einer Kluft zwischen dem persönlichen Sicherheitsempfinden der Bürger und der tatsächlichen Situation. Wie sehen Sie das?

Neumann: Das Sicherheitsempfinden der Bürger hängt maßgeblich davon ab, wie und durch welche Medien sie sich informieren. Wenn ich seriöse Quellen nutze, kann ich da schon zu einer realistischen Einschätzung gelangen. Wenn ich mich aber nur sehr einseitig informiere, kann manchmal das Bild erzeugt werden, dass wir von Mördern und anderen Schwerkriminellen permanent umgeben sind. Das ruft Unsicherheit hervor. Ich bin der Meinung, dass wir eigentlich in einem sicheren Land leben. Das stellt man vor allem fest, wenn man sich mal außerhalb von Deutschland umschaut. Die Staatsanwaltschaft versucht unter anderem durch ihre Medienarbeit, einen Einblick in ihre Arbeit zu gewähren. Wenn wir die Menschen überzeugen können, dass wir seriös und rechtsstaatlich arbeiten, trägt das auch zu einem stabilen Sicherheitsempfinden bei.

Im Jahr 2020 gab es viele Betrugsfälle um die Corona-Soforthilfen. Wie ist da der aktuelle Sachstand?

Neumann: Der Trend deutet darauf hin, dass der Boom bei diesen Delikten etwas abebbt. Eine Zeit lang kamen diese Fälle sehr geballt vor. Insgesamt haben wir 390 Verfahren gegen 485 Tatverdächtige gezählt. Ein erheblicher Teil davon ist bereits abgeschlossen und die Täter wurden teilweise zu Geld- oder sogar Freiheitsstrafen verurteilt.

Wie sah die übliche Masche der Betrüger aus?

Neumann: Die Täter machen Angaben, dass sie in einem erheblichen Umfang selbstständig tätig seien, um an die Soforthilfe zu kommen. Bei näherer Betrachtung stellt man dann fest, dass diese Angaben nicht der Wahrheit entsprechen können. Das nennen wir Subventionsbetrug und lässt sich eigentlich sehr gut ermitteln. Die Täter versuchen, schnell und unkompliziert an Geld zu gelangen – und unsere Aufgabe ist es, genau das aufzudecken.

Mit welchen persönlichen Gefühlen starten Sie jetzt in die neue berufliche Herausforderung?

Neumann: Ich habe hier eine gut funktionierende Behörde übernommen, was mir die Einarbeitung erheblich erleichtert. Insgesamt habe ich ein sehr positives Bild von den Mitarbeitenden gewonnen. Und deshalb freue ich mich, dass ich in dieser Behörde mitarbeiten kann, um die rechtsstaatliche Bearbeitung der Verfahren zu unterstützen und an der Sicherheit der Bürgerinnen und Bürger in unserem Geschäftsbereich mitzuwirken.

Zur Person

Uwe Neumann (60) ist der neue Leitende Oberstaatsanwalt bei der Staatsanwaltschaft Wuppertal und übernimmt die Leitung der Behörde von seinem Vorgänger Michael Schwarz. Zuletzt war Neumann als Leitender Oberstaatsanwalt bei der Generalstaatsanwaltschaft Düsseldorf tätig, wo die Verfolgung von Organisierter Kriminalität und Kartellverstößen zu seinen Aufgaben gehörte.

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