Montagsinterview

Jugendamtsleiter: „Mitarbeiter müssen trauern dürfen“

Rüdiger Mann, Leiter des Stadtdienstes Jugend, spricht mit dem ST über die Familientragödie in der Hasseldelle. Foto: Michael Schütz
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Rüdiger Mann, Leiter des Stadtdienstes Jugend, spricht mit dem ST über die Familientragödie in der Hasseldelle.

Jugendamtsleiter Rüdiger Mann über die Familientragödie in der Hasseldelle und deren Folgen für sein Team.

Von Kristin Dowe 

Herr Mann, die Familientragödie in der Hasseldelle hat bundesweit für Entsetzen gesorgt. Wie haben Sie und Ihr Team die Nachrichten aufgenommen?

Rüdiger Mann: Uns hat die Nachricht vom Tod der fünf Kinder hier am 3. September erreicht. Alle Kollegen, mit denen ich an diesem Tag gesprochen habe, waren zutiefst betroffen, schockiert und traurig. Und sie konnten gleichzeitig kaum glauben, dass hier so etwas Schreckliches passiert ist. Im Kontakt mit der Polizei haben wir dann relativ schnell herausgefunden, um welche Familie es sich handelt. Dann stellen sich viele Kolleginnen und Kollegen natürlich Fragen, was sie in ihren betreuten Familien gemacht und wie sie gearbeitet haben und ob dort alles in Ordnung ist.

In solchen Fällen schieben manche Menschen gerne reflexartig die Schuld auf das Jugendamt. Was möchten Sie solchen Leuten gerne entgegnen?

Mann: Ich möchte diesen Menschen sagen, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Jugendamtes alles dafür tun, dass so etwas nicht passiert. Sie arbeiten intensiv mit Familien zusammen, gehen Hinweisen auf eine Kindeswohlgefährdung – falls vorhanden – nach und tun alles, um Kinder zu schützen. In diesem Fall lagen aber tatsächlich überhaupt keine Erkenntnisse vor, dass dort Kinder gefährdet sein könnten. Anstatt nach Schuldigen zu suchen, fände ich es hilfreicher zu überlegen, was wir besser machen können. Wir schauen den Menschen niemals in ihre Seele, sondern immer nur vor den Kopf. Und auch unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter müssen trauern dürfen.

Das Jugendamt hatte in der Vergangenheit Kontakt zu der Familie – beispielsweise gab es einen Polizeieinsatz, bei dem der Ehemann der Mutter mit Selbstmord gedroht haben soll. War das kein Warnsignal?

Mann: Dazu möchte ich zwei Dinge festhalten: Wenn ein Mensch die Absicht äußert, sich zu töten, wird nicht unbedingt das Jugendamt informiert. Auch dann nicht, wenn Kinder in der Familie sind. Wenn sich die Situation anschließend klären lässt und die Person nicht etwa zwangsweise in ein psychiatrisches Krankenhaus eingewiesen wird, dann erfahren wir gar nicht unbedingt davon, wie in diesem Fall übrigens auch. Dennoch deutet so ein Vorfall natürlich auf Unterstützungsbedarf in einer Familie hin. Die Schwelle einer Kindeswohlgefährdung ist damit aber noch lange nicht erreicht.

Welche Handlungsmöglichkeiten hätte das Jugendamt gehabt, wenn es von den Problemen der Familie gewusst hätte?

Mann: Wir haben ein breites Portfolio an Unterstützungsmöglichkeiten. Ich denke da beispielsweise an die Schwangeren- und Erziehungsberatung, Frühförderung, die Familienhilfe-Zentren, Mütter-Kind-Café oder ambulante Hilfen. Bei einer Kindeswohlgefährdung, die wir hier im Jugendamt einschätzen, sprechen wir aber nicht nur über freiwillige Maßnahmen, sondern auch solche, die mit Zwang ausgeführt werden. Das geht bis hin zu einer Inobhutnahme von Kindern. So lange diese Schwelle einer unmittelbaren oder konkreten Bedrohung aber nicht erreicht ist, liegen wir im Bereich der freiwilligen Leistungen. Wenn Menschen Hilfe ablehnen und glaubhaft vermitteln können, dass sie diese auch nicht benötigen, können wir nichts gegen ihren Willen unternehmen. Auch im vorliegenden Fall gab es durchaus konkrete Angebote an die Familie, die nicht in Anspruch genommen wurden. Man muss sich ja eines immer klar machen: Für Maßnahmen, die mit Zwang durchgeführt werden, sind sehr gute Begründungen notwendig, die auch juristisch standhalten müssen. Es muss zweifelsfrei eine akute echte Gefahr erkennbar und nachweisbar sein. Denn wenn wir eingreifen, beschneiden wir ja auch massiv Freiheiten und Rechte.

Welche Voraussetzungen müssen für die Inobhutnahme eines Kindes erfüllt sein?

Mann: Es muss eine unmittelbare Gefährdung des Kindes vorliegen. Das bedeutet, dass seine körperliche, seelische oder geistige Unversehrtheit mit einer hohen Wahrscheinlichkeit gefährdet ist. Diese Gefahr muss dabei jetzt – also akut und aktuell zum Zeitpunkt der Betrachtung – bestehen und nicht etwa erst in zwei Wochen oder Monaten eventuell vermutet werden. Und diese Gefährdung muss mit einer Wahrscheinlichkeit von 80 Prozent zu einer Schädigung des Kindes führen. Das ist die Definition einer Kindeswohlgefährdung. Die Inobhutnahme erfolgt dann erst, wenn mildere Mittel wie etwa ein Schutzplan nicht zu einer wirksamen Gefahrenabwehr führen.

Können Sie uns ein Beispiel nennen?

Mann: Nehmen wir mal an, eine Frau benachrichtigt uns darüber, dass sie sich Sorgen um das Kind einer Nachbarin macht. Diese ist vielleicht alleinerziehend, hat einen Säugling zu Hause, und sie scheint psychische Probleme zu haben. Ihr Kind hat man länger nicht gehört und gesehen. Dann fahren wir in höchster Alarmbereitschaft dorthin und überprüfen die Situation. Denn gerade bei hohen Temperaturen besteht bei einem Säugling zum Beispiel sehr schnell Lebensgefahr, wenn er zu wenig zu trinken bekommt. Eine Kindeswohlgefährdung liegt auch dann vor, wenn ein Kind unmittelbar körperlicher oder sexueller Gewalt ausgesetzt ist oder wenn es vernachlässigt wird und überhaupt keine emotionale Zuwendung erfährt. Letzteres ist schwieriger zu greifen als blaue Flecken bei einer Misshandlung.

Wie arbeitet das Jugendamt in solchen Fällen mit der Polizei zusammen?

Mann: Die Polizei hat relativ häufig Einsätze wegen häuslicher Gewalt. Wir werden in solchen Fällen immer dann informiert, wenn in dem Haushalt auch Kinder leben. Denn wenn Kinder elterliche Gewalt mitbekommen, die sich nicht einmal gegen die Kinder selbst richten muss, ist das Kindeswohl gefährdet. So etwas geht immer mit einer seelischen Verletzung einher. Dann nehmen wir Kontakt zu der Familie auf. Was glauben Sie aber, in wie vielen Fällen jemand im Affekt damit droht, sich umzubringen, wenn der Partner ihn verlässt? Wenn das jedes Mal zu einer Inobhutnahme führen würde, müssten wir uns vermutlich dafür rechtfertigen, warum wir so vielen Familien die Kinder wegnehmen.

Wie sieht das übliche Prozedere im Falle einer Kindeswohlgefährdung aus?

Mann: Grundsätzlich müssen wir alles dafür tun, um diese Gefährdung für das Kind zu beenden. Im ersten Schritt machen wir meist den Versuch, mit den Eltern einen Schutzplan zu entwickeln, ausgehend von der Frage: Was können wir tun, damit euer Kind geschützt ist? Wenn wir bei dem Beispiel der psychisch kranken Frau mit dem Säugling bleiben, könnte das eine Mitarbeiterin sein, die sie einmal am Tag besucht. Die-se prüft, ob alles in Ordnung ist. Sie geht dann vielleicht einkaufen und schaut nach, ob der Kühlschrank gefüllt ist. Die Versorgung des Kindes hat oberste Priorität. Das sind Maßnahmen, die ein Schutzplan enthalten könnte. Erst wenn diese Möglichkeiten nicht funktionieren, kann ein Kind in Obhut genommen werden.

Der überlebende elfjährige Junge lebt zurzeit bei seiner Großmutter.Wird sie das Sorgerecht für ihn erhalten?

Mann: Es ist noch zu früh, das zu beurteilen. Künftig wird sich auch die Frage stellen, wo dieser Junge dauerhaft leben möchte. Im Moment geht es eher darum, ihm konkrete Hilfe zu bieten, diese schrecklichen Erlebnisse zu verarbeiten und eine Perspektive für sein Leben zu entwickeln. Das geschieht auch bereits.

Hintergrund

Sachverhalt: Am 3. September wurde bekannt, dass eine Mutter (27) in der Hasseldelle mutmaßlich fünf ihrer sechs Kinder getötet und anschließend versucht hat, sich selbst das Leben zu nehmen. Ein Sohn (11) überlebte die Tat.

Hilfe: Anonyme Beratung bieten u. a. Diakonie, Caritas, oder der Kinderschutzbund Solingen. Die Fachstelle Kinderschutz des Jugendamtes ist unter Tel. 290-23 45 erreichbar.

Die fünf Kinder aus der Hasseldelle, die mutmaßlich von ihrer 27-jährigen Mutter getötet worden waren, wurden inzwischen in Mönchengladbach beigesetzt.

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