Mit Langeweile dem Alltag entfliehen

Michael Mohr ist als Stadtdechant auch für die Pfarreingemeinschaften St. Johannes der Täufer und St. Clemens zuständig. Archivfotos: Christian Beier
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Michael Mohr ist als Stadtdechant auch für die Pfarreingemeinschaften St. Johannes der Täufer und St. Clemens zuständig. Archivfotos: Christian Beier

Theologen laden im ST zur Andacht ein – heute der katholische Stadtdechant Michael Mohr

Liebe Leserinnen und Leser,

Kennen Sie Goethe? Bestimmt. Eines seiner Zitate lautet: „Langeweile! Du bist Mutter der Musen.“ Würden Sie das so unterschreiben? Oder ist für Sie Langeweile vor allem eins: langweilig? Kinder sind sehr direkt und offen, wenn es darum geht, Langeweile zu benennen. Wir Erwachsenen sind da diplomatischer: Wir mögen uns unseren Teil denken, aber es wirklich aussprechen . . . ? Eher nicht. Und dann auch noch die Langeweile als „Mutter der Musen“? Das ist doch wirklich zu viel. Aber: Langeweile gehört nicht nur als Kind, sondern auch als Erwachsener zum Leben dazu.

Bei mir ist das, ehrlich gesagt, häufig beim Beten des Rosenkranzes der Fall. Ich fand das anstrengend. Fünfzigmal das „Ave Maria“, immer mal wieder unterbrochen vom Vaterunser und ergänzt durch verschiedene Anrufungen. Irgendwie monoton. Die Texte kann ich auswendig, was soll mir die ständige Wiederholung also bringen?

Kennen Sie das auch? Vielleicht geht es Ihnen beim Vaterunser oder sogar in Gottesdiensten ähnlich. Allerdings ist das nicht auf religiöse Übungen beschränkt: Auch im beruflichen oder privaten Umfeld gibt es sicher diese Routinen, die man äußerlich abspulen kann und innerlich seinen Gedanken nachhängt. Sicher, zu oft sollte das nicht passieren, sonst könnte es im Beruf gefährlich werden oder das Verhältnis zum Partner, Verwandten oder Freunden belasten. Aber es gehört eben ab und zu zum Alltag, nicht zu 100 Prozent bei der Sache zu sein.

Ist das eigentlich schlimm? Müsste man nicht mit ganzem Herzen bei den Sachen oder bei den Menschen sein, die gerade jetzt da sind? Müsste ich nicht viel konzentrierter sein? Was das Beten angeht, ist es mir irgendwann dann beim Rosenkranz passiert: Auf einmal war mir nicht mehr langweilig. Das ist mir nicht sofort aufgefallen, denn das Gebet perlte sozusagen vor sich hin. Aber als ich es gemerkt habe, dachte ich: Wie kann das sein? Was ist anders gewesen? An den immer gleichen Texten hat sich doch nichts geändert. Aber ich habe mich in genau diesen so vertrauten Sätzen verloren; habe nicht mehr von Satz zu Satz, von Wort zu Wort gedacht.

Bei Langeweile geht es um viel mehr als sinnloses Nichtstun

Also hat sich sozusagen meine innere Einstellung geändert. Ich habe gespürt, dass es mir guttut, mich in dieses uralte Gebet zu geben, ohne dass ich ständig selbst texten muss. Und ohne, dass ich selbst aktiv sein muss. Im Grunde ist es wie bei einer Meditation: Einschwingen in einen Gebetsrhythmus, der mir und meinen Gedanken den Raum lässt, zu wandern und über Gott und die Welt nachzudenken. Vielleicht sogar Gott zu hören. Das ist im oft hektischen Alltag gar nicht so einfach.

Ich glaube, dass „Langeweile“ von Zeit zu Zeit jedem guttut, auch wenn sie im ersten Augenblick vielleicht nervt. Selbst Kinder, da sind sich viele Experten einig, brauchen ein gewisses Maß an Langeweile, um ihrer Kreativität Raum zu geben. Das klingt für mich sehr sinnvoll, auch wenn ich bewusst die „Langeweile“ in Anführungszeichen gesetzt habe. Denn es geht um mehr als sinnloses Nichtstun. Es geht um Zeiten, in denen ich aus dem dränge(l)nden Alltag herauskomme und leer werden kann, um Atem zu holen und zur Ruhe zu kommen. Und so hoffentlich Gottes Stimme für meinen Alltag besser höre. Das mag für viele vielleicht zwecklos klingen. Aber es ist erstaunlich sinnvoll.

Wenn Sie vielleicht ab und an beten, versuchen Sie es doch mal mit dem Rosenkranzgebet: So einfach, wie es ist, braucht es nicht viel Übung. Und wenn man sich darauf einlässt, dann wird mitten im Alltag Raum frei, auf die innere Stimme – und auf Gott – neu zu hören. Natürlich kann das auch mit anderen Gebeten gelingen. Oder auch mit ganz bewusst ausgehaltener Stille. Oder einem Spaziergang ganz allein. Oder, oder, oder... Probieren Sie es einfach aus! Es wird anfangs vielleicht schwierig sein. Aber es wird Ihnen sicher gut tun.

Ihr Michael Mohr

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