Montagsinterview zu den Lehren für den Hochwasserschutz

„Herr Wulf, was hätte anders gemacht werden müssen - und was hat der Wupperverband gelernt?“

Georg Wulf vom Wupperverband – hier im Sommer beim „ST vor Ort“ in Unterburg zum Thema Hochwasser – sieht den Hochwasserschutz als gesamtgesellschaftliche Aufgabe.
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Georg Wulf vom Wupperverband – hier im Sommer beim „ST vor Ort“ in Unterburg zum Thema Hochwasser – sieht den Hochwasserschutz als gesamtgesellschaftliche Aufgabe.

Welche Lehren zieht der Wupperverband aus der Hochwasser-Katastrophe 2021? Vorstand Georg Wulf über ein „Rotes Telefon“, weitere Pegel, Maßnahmen auch in Unterburg und mehr Mosaiksteine für Hochwasserschutz. Und was Bürger selbst tun müssen.

Herr Wulf, mehr als ein Jahr liegt die Flutkatastrophe vom 14. Juli 2021 nun zurück. Wie sehen die Grundzüge des Hochwasserschutzkonzepts des Wupperverbandes aus?

Georg Wulf: Hochwasservorsorge ist eine Gemeinschaftsaufgabe. Wir arbeiten eng mit den verschiedenen Akteuren zusammen, hierzu gehören Kommunen, Kreise und Behörden. Aber auch die Bürgerinnen und Bürger sind zur Eigenvorsorge aufgerufen.

Als Wupperverband haben wir in unserem Zukunftsprogramm Hochwasserschutz unsere Maßnahmen gebündelt. Wir bearbeiten sechs Themenfelder: Hierzu gehören der technische Hochwasserschutz, beispielsweise Hochwasserrückhaltebecken, sowie der „grüne Hochwasserschutz“ wie Renaturierung und Wasserrückhalt in den Auen. Wir passen die Talsperrenbewirtschaftung an, optimieren Messdaten durch neue Pegel und Sensoren.

Ein zentraler Aspekt ist, Information und Kommunikation zwischen den Akteuren zu verbessern. Und wir beseitigen Schäden unter anderem an unseren Anlagen und den Flussläufen.

Welche konkreten baulichen Maßnahmen stehen für den Hochwasserschutz im Bereich der Wupper und ihrer Nebenflüsse perspektivisch an?

Wulf: Das wird ein ganzes Bündel von Maßnahmen sein, je nach Anforderungen und Gegebenheiten vor Ort. Erkenntnisse dazu haben wir mit unserer Hotspotanalyse gewonnen, die wir durch Gespräche mit den Kommunen fortlaufend ergänzen. Dies mündet in ein Prioritätenkonzept.

Zum Beispiel starten wir in diesem Herbst mit dem Bau eines kombinierten Hochwasser- und Regenrückhaltebeckens am Mirker Bach. Das ist ein Gemeinschaftsprojekt mit den städtischen Partnern und den Stadtwerken Wuppertal. Das Projekt ist Bestandteil eines umfassenderen Hochwasserschutzkonzeptes.

Auch am Eschbach in Solingen-Unterburg werden die Planungen für den Hochwasserschutz fortgeführt. Hier knüpfen wir an den schon umgesetzten Bauabschnitt an. Durch Renaturierungen schaffen wir an der Wupper mehr Raum für den Fluss, was Ökologie und Hochwasservorsorge zugutekommt.

Ein wichtiger Aspekt für die Wupper ist die Anpassung der Talsperrensteuerung, Stichwort mehr Stauraum im Sommerhalbjahr frei halten und durch situative erhöhte Abgabe bei Bedarf den Puffer kurzfristig vergrößern.

Die Räumung von Geröll aus dem Unterlauf des Eschbachs in Unterburg wurde laut Wupperverband im Juli abgeschlossen. Die Planungen für den Hochwasserschutz werden fortgeführt.

Wie werden die Maßnahmen finanziert? Gibt es Fördermöglichkeiten?

Wulf: Fördermöglichkeiten gibt es über das Land Nordrhein-Westfalen, die Förderquote für Hochwasserschutz- und Gewässerentwicklungsmaßnahmen kann bis zu 80 Prozent betragen. Wird durch den Wupperverband ein Hochwasserschutzprojekt umgesetzt und vom Land gefördert, legen wir den verbleibenden Eigenanteil auf die Nutznießer um, zum Beispiel die beteiligten Kommunen.


Wie geht es mit dem Ausbau der Sensoren zur Messung von Pegelständen voran?

Wulf: Unser Gesamtkonzept im Wupperverband sieht unter anderem vor, bereits bestehende Systeme online-fähig auszustatten. Messung und Übertragung werden dann redundant sein, damit verbessern wir die Ausfallsicherheit. Und wir werden die Zahl der Pegel von 56 um weitere 40 erweitern.

Darüber hinaus vernetzen wir uns mit Akteuren und arbeiten zusammen. Für das Forschungsprojekt Hochwasserwarnsystem 4.0 läuft gerade der Förderantrag. Insgesamt geht es also darum, mehr Messdaten zu generieren und mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz Warnsysteme zu entwickeln.

Das Ergebnis des Gutachtens entbindet uns ja nicht davon, aus Erfahrung zu lernen.“

Georg Wulf über das Gutachten der RWTH Aachen. Es hatte den Wupperverband entlastet.

Auch wenn das Gutachten der RWTH Aachen den Wupperverband entlastet hat: Was hätte rückblickend – und mit dem heutigen Wissen über die tatsächlichen Regenmengen am 14. Juli – anders gemacht werden müssen?

Wulf: Das Ergebnis des Gutachtens der RWTH Aachen entbindet uns ja nicht davon, aus Erfahrung zu lernen. Hier haben sich Themen gezeigt, die wir mit hoher Priorität gemeinsam mit den Akteuren bearbeitet haben, zum Beispiel in der Taskforce der Stadt Wuppertal und auch in ähnlichen Konstellationen mit anderen Kommunen, die ja unsere Mitglieder sind.

Gerade das Thema Information und Meldewesen wurde aufgearbeitet und erweitert. Wir bereiten mit den Kommunen einen Hochwasser-Melde-Pass vor. Er enthält alle relevanten Infos, zum Beispiel Meldegrenzen an den jeweiligen Pegeln, Hotspots im Stadtgebiet, Verteiler der Meldungen. Dies optimiert die Kommunikation untereinander und erleichtert die Einsatzvorbereitung des Katastrophenschutzes.

Zudem: Mit dem Wissen von heute hätten wir die Talsperren sicher auch stärker vorentlastet, um so die Flutfolgen in einigen betroffenen Wupperabschnitten abzumildern.

Flutkatastrophe in Solingen jährt sich - So sieht es heute aus

Die Flutkatastrophe hat in Solingen große Schäden verursacht. So sieht es ein Jahr später aus.
Ein Bild, das sich eingeprägt hat: Der Eschbach trat über die Ufer und überflutete die Eschbachstraße und alle angrenzenden Häuser. © Michael Schütz
Die Flutkatastrophe hat in Solingen große Schäden verursacht. So sieht es ein Jahr später aus.
Das gleiche Bild ein Jahr nach dem verheerenden Hochwasser. © Michael Schütz
Eine tragende Mauer des Hauses am Mühlendamm wurde am 14. Juli von den Fluten weggerissen – in der Außenwand klaffte nach dem Hochwasser ein riesiges Loch.
Eine tragende Mauer des Hauses am Mühlendamm wurde am 14. Juli von den Fluten weggerissen – in der Außenwand klaffte nach dem Hochwasser ein riesiges Loch. © Michael Schütz
Die Flutkatastrophe hat in Solingen große Schäden verursacht. So sieht es ein Jahr später aus.
Nach dem Hochwasser musste das Haus abgerissen werden. © Michael Schütz
Die Flutkatastrophe hat in Solingen große Schäden verursacht. So sieht es ein Jahr später aus.
Auch das Wasserwerk in Glüder wurde beim Hochwasser schwer beschädigt.  © Michael Schütz
Die Flutkatastrophe hat in Solingen große Schäden verursacht. So sieht es ein Jahr später aus.
Der Vorbau am alten Pumpenhaus wird abgerissen, Risse im Beton sind der Grund. Der Damm auf der rechten Seite wurde nur teilweise wieder aufgebaut. Wupperwasser fließt hier nie mehr. © Michael Schütz
Die Flutkatastrophe hat in Solingen große Schäden verursacht. So sieht es ein Jahr später aus.
Bis zu 1,70 Meter hoch stand das Wasser in der Nacht des Hochwassers vom 15. Juli im Balkhauser Kotten. © Michael Schütz
Die Flutkatastrophe hat in Solingen große Schäden verursacht. So sieht es ein Jahr später aus.
Ein Jahr nach der Katastrophe ist die Wupper wieder zu einem ruhigen Fluss geworden. Jedoch gibt es ein neues Problem: Die Wupper hat sich ein neues Flussbett geschaffen und spült die Böschung nach und nach weg. © Michael Schütz
Die Flutkatastrophe hat in Solingen große Schäden verursacht. So sieht es ein Jahr später aus.
Helfer müssen zusehen, was der Juli-Dauerregen angerichtet hat. © Michael Schütz
Die Flutkatastrophe hat in Solingen große Schäden verursacht. So sieht es ein Jahr später aus.
Beinahe alle sichtbaren Spuren des Hochwassers sind ein Jahr danach beseitigt. © Michael Schütz
Die Flutkatastrophe hat in Solingen große Schäden verursacht. So sieht es ein Jahr später aus.
Am Café Meyer in Unterburg stand das Wasser teilweise so hoch, dass die Eingangstür kaum noch zu sehen war. © Michael Schütz
Die Flutkatastrophe hat in Solingen große Schäden verursacht. So sieht es ein Jahr später aus.
Inzwischen hat das Café Meyer wieder geöffnet. © Michael Schütz
Die Flutkatastrophe hat in Solingen große Schäden verursacht. So sieht es ein Jahr später aus.
Die Flutkatastrophe hat in Solingen große Schäden verursacht. So sieht es ein Jahr später aus. © Michael Schütz
Die Flutkatastrophe hat in Solingen große Schäden verursacht. So sieht es ein Jahr später aus.
Die Flutkatastrophe hat in Solingen große Schäden verursacht. So sieht es ein Jahr später aus. © Michael Schütz
Die Flutkatastrophe hat in Solingen große Schäden verursacht. So sieht es ein Jahr später aus.
Die Flutkatastrophe hat in Solingen große Schäden verursacht. So sieht es ein Jahr später aus. © Michael Schütz
Die Flutkatastrophe hat in Solingen große Schäden verursacht. So sieht es ein Jahr später aus.
Die Flutkatastrophe hat in Solingen große Schäden verursacht. So sieht es ein Jahr später aus. © Michael Schütz
Die Flutkatastrophe hat in Solingen große Schäden verursacht. So sieht es ein Jahr später aus.
Die Flutkatastrophe hat in Solingen große Schäden verursacht. So sieht es ein Jahr später aus. © Michael Schütz
Die Flutkatastrophe hat in Solingen große Schäden verursacht. So sieht es ein Jahr später aus.
Die Flutkatastrophe hat in Solingen große Schäden verursacht. So sieht es ein Jahr später aus. © Michael Schütz

Die Ratsfraktion der Grünen warf dem Wupperverband zuletzt trotz seines wasserrechtlich korrekten Handels mangelnde Sensibilität für Wetterextreme im Zuge des Klimawandels vor. So ging aus dem Gutachten etwa hervor, „der Verband müsse lernen, dass es Hochwasser auch im Sommer geben kann“. Wie begegnen Sie dieser Kritik?

Wulf: Wir beschäftigen uns mit den Folgen der Klimaveränderung für die Wasserwirtschaft seit geraumer Zeit. Bei unseren Talsperren hatten wir mit den Orientierungslinien unterhalb des Vollstaus in den Sommermonaten auch eine gewisse Vorsorge für Sommerhochwasser getroffen, aber nicht für eine Dimension, wie wir sie am 14. und 15. Juli 2021 erleben mussten. Sommerretentionsräume und situative Vorentlastung sind daher im Fokus.

Aber wir müssen uns auf beide Extreme einstellen, wie der jetzige Dürresommer zeigt. Es ist ein komplexes Zusammenspiel aus vielen Faktoren: Wassermenge, Wassergüte, Ökologie, Nutzungen und mehr. Wenn wir an einer Stellschraube drehen, behalten wir die Auswirkungen auf andere Bereiche im Blick. Daher richtet unser Zukunftsprogramm Hochwasserschutz ganz klar den Blick auf das gesamte Spektrum von Hochwasservorsorge bis zum Wassermanagement in Trockenzeiten.

Und wir müssen das Thema von der Quelle bis zur Mündung im Sinne eines ganzheitlichen Flussgebietsmanagements denken.

Welche Veränderungen strebt der Wupperverband bei der Warnkette an?

Wulf: Das Thema Informieren und Melden bearbeiten wir gemeinsam mit unseren Aufsichtsbehörden beim Land NRW sowie unseren Kreisen und Kommunen, die für den Katastrophenschutz zuständig sind. Wir sind hier ein Akteur in der Kette. Ganz konkret haben wir bereits gemeinsam Optimierungen umgesetzt: Ergänzend zu unserer seit Jahren bewährten Bereitschaft „Hydrologe vom Dienst“ und dem Hochwasserportal im Internet bietet ein Videokanal bei Bedarf die Möglichkeit, gemeinsam mit dem Katastrophenschutz die Lage und Maßnahmen zu besprechen.

Wir haben weitere Meldegrenzen festgelegt, so dass Kommunen, Kreise und Einsatzkräfte bei Erreichen dieser Meldegrenzen von Gewässerpegeln oder Talsperrenabgaben automatisierte Mails oder SMS bekommen.

Durch das „Rote Telefon“ werden Anrufe des Wupperverbandes bei der Feuerwehrleitstelle Wuppertal/Solingen auch bei hoher Anrufauslastung unmittelbar durchgestellt. An diesen Themen arbeiten wir weiter, einige Übungen und Testläufe sind bereits erfolgt.

Welche Vorsorgemaßnahmen müssen Bürgerinnen und Bürger, die in Flussnähe wohnen, aus Ihrer Sicht künftig selbst treffen?

Wulf: Eigenvorsorge und Eigenverantwortung sind ganz wichtig. Übrigens nicht nur in Flussnähe, sondern generell, denn Überflutungen können bei Starkregen auch abseits von Gewässern durch Oberflächenabfluss auf Straßen und Wegen entstehen. Man sollte sich fragen: Kann ich betroffen sein? Wie kann ich mein Grundstück, meine Immobilie schützen?

Einige Tipps haben wir auf unserer Internetseite gebündelt und empfehlen hier auch jedem gefährdeten Eigentümer den Hochwasserpass des Hochwasserkompetenzzentrums in Köln. Die zweite wichtige Säule ist Information, also Warn-Apps nutzen, sich kontinuierlich über unser Hochwasserportal im Internet und auch über die Medien zu informieren, wenn Starkregen oder Hochwasser prognostiziert werden. Und dann vorsorglich die entsprechenden Maßnahmen ergreifen.

Zur Person: Georg Wulf

Vorstand: Georg Wulf ist seit 2014 Vorstand des Wupperverbandes. Die Körperschaft des öffentlichen Rechts ist zuständig für die Wasserwirtschaft im Einzugsgebiet der Wupper und hat ihren Sitz in Wuppertal.

Tipps: Weitere Infos rund um das Thema Hochwasserschutz und Eigenvorsorge vom Wupperverband gibt es hier..

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