Müngsten

Der Minigolfplatz ist seit einem halben Jahrhundert Familiensache

Idylle unter der Müngstener Brücke: Stefan und Gerd Böhm betreiben mit den anderen Familienmitgliedern die Minigolfanlage. Die erste Trinkhalle wurde 1951 gebaut. Fotos: Uli Preuss (2), Archiv Familie Böhm (2)
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Idylle unter der Müngstener Brücke: Stefan und Gerd Böhm betreiben mit den anderen Familienmitgliedern die Minigolfanlage. Die erste Trinkhalle wurde 1951 gebaut.

In der fünften Generation bewirtschaften die Böhms die kleine Anlage unter Deutschlands höchster Eisenbahnbrücke.

Von Uli Preuss

„Zwei Mark fuffzig“ kostete Minigolf am 1. Mai 1968 auf der schon damals idyllisch gelegenen Anlage am Müngstener Wupperufer. Zwei Münzen behielten Gründer Heinrich Böhm und sein damals 13-jähriger Sohn Gerd zur Erinnerung für sich, Gerds spätere Ehefrau Elsa Böhm klebte sie ins Fotoalbum. Was 1968 begann, geht ins 50. Jahr. Kaum etwas hat sich geändert. Lebkuchenherzen hängen an der Wand des Kassenhäuschens, im Inneren des Kiosks, der schon 1951 eröffnet wurde, brennt Gerd Böhm wie eh und je seine knackigen Mandeln. Wann aus dem schlichten Kaffee „Jacobs Krönung“ wurde, weiß keiner mehr.

Politik unter der Brücke (v. l.): Christiane Rau, die Ex-Oberbürgermeister Gerd Kaimer und Uli Uibel, Ministerpräsident Johannes Rau und Elsa Böhm.

Selbst die Bahnen der Minigolfanlage haben sich kaum verändert, lediglich einige wurden zur Regionale 2006 aufgefrischt. 18 Löcher sind es nach wie vor, der Looping auf Bahn Nr. 6 und der Betonkeil auf Nr. 14 sind immer noch schwierig, glaubt man den langsam weniger werdenden Minigolfspielern. Die zahlen heute als Erwachsene 2,30 Euro für die Runde und können von März bis Oktober von 10 bis 18 Uhr einlochen. In Müngsten hat der Ausflugsverkehr abgenommen. „Die lauten Bauarbeiten auf der Brücke und die weit entfernten Parkplätze schrecken die Kunden“, sagt Gerd Böhm und erinnert sich an Zeiten, an denen unter seiner Brücke der „Bär steppte“.

Besonders am 1. Mai, dem Geburtstag seiner Frau Elsa, traf sich halb Solingen in Müngsten. Für „Elsa“ kamen die „Meigener“, Deutschlands ältester Männerchor, früher von der Konzertreise aus England zurück, um ihr ein Geburtstagsständchen zu singen.

Elsa Böhm duzte Bürgermeister und sogar Landesvater Johannes Rau.

Elsa Böhm, damals als unbequemes Solinger Original weit über das Wupperufer bekannt, kannte sie alle und duzte neben den Oberbürgermeistern Solingens auch Landesvater Johannes Rau. „Allerdings nur, wenn die beiden alleine hier unten saßen“, erinnert sich Sohn Stefan. Seine Mutter starb, gerade 80 Jahre alt geworden, vor kaum einem Jahr. Die Böhm-Familie führt in ihrem Sinne die Trinkhalle und die Minigolfanlage weiter.

Anna Böhm war die Mutter von Gründer Heinrich Böhm. Sie trug zeitlebens ihr Kopftuch.

Immer noch kommen Stammgäste wie Roswitha und Gerd Tönnes. Der Gräfrather hat mitgezählt. 700 Mal sind die beiden schon von ihrem Wohnort nach Müngsten gewandert. Dort zieren jetzt Stiefmütterchen und Gartenzwerge die Ränder der Bahnen. Überall stehen Tische und Bänke, zum Ausruhen und zum zuckersüßen „Wupperschlamm zoppen“. Die Chefin kam auf den Gedanken, das Gebäck mit dem Namen „Magenbrot“ neu zu benennen. „Seitdem ist es bei uns ein Renner“, meint Gerd Böhm grinsend.

Die Böhms hauchen seit 1951 und in der fünften Generation der Anlage Leben ein. Allen voran – neben Gründer Heinrich Böhm – die Urgroßmutter Anna Böhm.

Wasser, so weit das Auge im Müngstener Tal reicht: Besonders schlimm war das Hochwasser 1970.

„Es gab nicht nur einfache Jahre“, sagt Enkel Stefan Böhm und denkt an das schwere Hochwasser 1970. „Bevor die Wuppersperre gebaut wurde, hatten wir hier jeden Winter Hochwasser“ , sagt er.

Dass Betreiber von Minigolf-Plätzen gefährlich leben, weiß Gerd Böhm aus der Zeit, als er zum Schutz vor Einbrechern noch in der abgelegenen Trinkhalle übernachtete. „Als ich mich bemerkbar machte, schossen die Diebe durch die verschlossene Tür“, erinnert sich Böhm an eine Nacht in den 60er Jahren und weiß noch, dass die Täter zu fünf und dreieinhalb Jahren „Zuchthaus“ verknackt wurden.

Lange her ist auch die Zeit, als in der Nacht noch Güterzüge über die Brücke holperten. Fast 50 Jahre später rattert der Abellio zwischen Remscheid und Solingen – alle zwanzig Minuten. Alle haben sich daran gewöhnt. Doch unerträglich wird es, wenn auf der Brücke die Sandstrahlgeräte angeworfen werden.

Mit der Baustelle soll Ende 2018 Schluss ein. Solange will Gerd Böhm hier unten bleiben. Dann ist er 80 Jahre alt und will endgültig an die Kinder übergeben.

GESCHICHTEN ZUM MINIGOLF IN SOLINGEN

GESCHICHTE Elf Minigolfanlagen gab es in den 60er Jahren noch in der Klingenstadt. 

MINIGOLF Ziel: den Ball mit möglichst wenigen Schlägen mit dem Schläger in das Loch zu bekommen. Minigolf, auch Bahnengolf genannt, hat meist 18 Bahnen. 

ANLAGEN Solingen hat mit den Plätzen Glüder, Scheider Mühle und Müngsten drei Plätze. Unlängst wurde der Spielbetrieb in der Wipperaue eingestellt. 

ANGEBOT Ostersamstag kann man auf der Anlage Müngsten zu den Preisen von 1968 spielen.

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