Entsorgung

Im Müllheizkraftwerk Solingen: Wo aus Abfall Wärme und Strom wird

Das Tageblatt lernte das Müllheizkraftwerk an der Sandstaße aus verschiedenen Blickwinkeln kennen.
+
Das Tageblatt lernte das Müllheizkraftwerk an der Sandstaße aus verschiedenen Blickwinkeln kennen.

Das Müllheizkraftwerk in Solingen – eigentlich ein Ort zum Wohlfühlen. Das klingt wie ein Gegensatz. Doch die Müllverbrennungsanlage hat einiges zu bieten, nicht nur zweibeinigen Besuchern.

Von Timo Lemmer

Solingen. Das Solinger Müllheizkraftwerk ist ein Ort zum Wohlfühlen. Glauben Sie nicht? Dann nutzen Sie unbedingt die nächste Gelegenheit zur Gruppenführung, wenn die wieder möglich sind, und mit ein wenig Glück ist es ebenso wolkenlos wie beim ST-Termin mit Olaf Schmidt.

Dann endet der Ausblick vom Dach nicht beim aus dieser Perspektive ohnehin schon imposanten Panorama der Klingenstadt, sondern unter anderem scheint der Kölner Dom fast zum Greifen nah. Und Schmidt, Chef der Abfallwirtschaft bei den Technischen Betrieben Solingen (TBS), bringt in dieser Atmosphäre passende, weitere Argumente an. Da sei der Wanderfalke, der seit Jahren auf dem Gelände auf der Sandstraße zuhause ist. Der lässt sich schließlich nur nieder, wo er sich wohlfühlt – wer mag da widersprechen? Schmidt: „Im dritten Jahr in Folge gibt es auch Junge.“

Olaf Schmidt, der Chef der Abfallwirtschaft der Technischen Betriebe, in der Schaltzentrale.

Schmidt, seit 2016 bei den TBS und seit 2018 alleine für die umgangssprachlich auch gerne Müllverbrennungsanlage genannte Einrichtung verantwortlich, sagt: „Der Solinger liebt sein Müllheizkraftwerk.“ Abgesehen von der ersten Corona-Phase, als das MHKW für private Anlieferer mal geschlossen war, und es deshalb online teils wirsche Kritik gegeben habe, seien nicht nur die allermeisten Rückmeldungen positiv. Da sei eben auch dieses hohe Aufkommen, unterstreicht Schmidt: „Im Jahr haben wir etwa 120 000 private Anlieferungen. 2020 haben wir 142 300 Tonnen Müll verbrannt. 8000 Tonnen davon kommen aus den privaten Anlieferungen.“ Zahlen hat der Ingenieur noch und nöcher parat. „Berufskrankheit“, entschuldigt sich Schmidt, und führt ins Innere der Anlage.

Das MHKW ist einer der fleißigsten Mitarbeiter der Stadt. 24 Stunden am Tag, 365 – oder 366, wie Schmidt betont – Tage im Jahr läuft es. Seit mehr als 50 Jahren wird der private und vor allem gewerbliche Müll der Stadt nicht mehr auf einer Deponie gelagert, sondern sauber verbannt – und daraus noch Energie gewonnen. Zurück zu den Zahlen: 75 000 Megawattstunden bringe das im Jahr, sagt Schmidt. Mit dem Dampf aus der Abwärme der Anlage werden drei Turbinen angetrieben. Das genügt für die gesamte städtische Verwaltung oder auch das Klinikum, für das alleine eine der drei Turbinen läuft, sowie weitere Einspeisungen ins Netz. Dazu kommen noch einmal „42 bis 45 000 Megawattstunden Fernwärme“, weiß Schmidt.

142 300 Tonnen Müll wurden 2020 verbrannt, 8000 Tonnen stammten aus privaten Anlieferungen.

Tief im Inneren sitzt der Leitstand, von dem aus „alles komplett gelenkt wird“, sagt Schmidt. Schichtleiter, Kesselfahrer und Maschinist haben von dort aus alles im Blick, während weiter oben die Kranfahrer sitzen. Luft- und Schadstoffkurven werden auf zahlreichen Monitoren verfolgt. Durch die Aufsichtsbehörde, die Bezirksregierung Düsseldorf, gibt es klare Regelungen – auch, dass in den Kesseln 850 Grad herrschen müssen, „weil so alle organischen Schadstoffe vernichtet werden“.

Was nicht vernichtet wird, landet am Ende in der Schlacke, und selbst die kann – zum Beispiel beim Deichbau in Holland – noch weiterverwertet werden. Übrigens: Der Raum mit der Schlacke ist nicht unbedingt einer zum Wohlfühlen, ein kurzer Abstecher genügt.

„Der Solinger liebt sein Müllheizkraftwerk.“

Olaf Schmidt, Chef der Abfallwirtschaft bei den Technischen Betrieben Solingen (TBS)

Schmidt ist jemand, der gute Laune ausstrahlt – beim Rundgang wird klar, dass das auf die Mitarbeiter abfärbt. Nur die unsachliche vorgebrachte Kritik an der Schließung im Frühjahr habe ihn gestört. Im zweiten Lockdown war es übrigens phasenweise umgekehrt: Während die Anlagen in den bergischen Nachbarstädten geschlossen waren, lief in Solingen der Normalbetrieb weiter.

Die Temperatur im Kessel liegt bei 1300 Grad.

Der Einsatzbereich von Schmidt, der zuvor unter anderem in Viersen und Bonn tätig war, wird sich zukünftig noch einmal vergrößern. 2021 werde zwar nicht mehr gebaut, der Genehmigungsantrag aber ist eingereicht: 3500 Quadratmeter Fläche werden hinzukommen, der aktuelle Wertstoffhof ein paar Meter verlegt, dafür muss unter anderem eine Parkfläche weichen. Wo jetzt noch der aktuelle Wertstoffhof steht, kommt dann in offenen Hallen der Fuhrpark der Abfallwirtschaft, der von der Dültgenstaler Straße umzieht. Der Bereich wird somit an der Sandstraße konzentriert.

MHKW Solingen: Die Notstromversorgung sichert ein 3000 PS starker Dieselmotor

Auf den freiwerdenden Platz an der Dültgenstaler Straße komme dann wiederum das, was aktuell noch an der Gottlieb-Heinrich-Straße – dieser Standort wird aufgegeben – beheimatet sei, sagt Schmidt: „Vor allem Verkehrstechnik.“ Zudem gibt es auf der Tersteegenstraße eine Umladestation, die erhalten bleibt.

Ein Blick auf die Kesselwasseraufbereitung.

Die Sandstraße aber bildet das Zentrum und Herzstück des TBS-Bereichs. Für den Fall, dass es mal den totalen Blackout geben sollte, sichert ein 3000 PS starker Dieselmotor die Notstromversorgung des MHKW. 600 Liter frisst der in der Stunde, mehr als genug Diesel ist auf dem Gelände gelagert.

Einmal pro Woche wird der Notstromdiesel hochgefahren, Einsatzwärme hat er immer: Zum Ausnahmefall ist es zwar noch nie gekommen. Aber selbst dann würde das immer fleißige Lieschen der Stadt weiter liefern.

Projekte

Abgeschlossen: Für rund 2,5 Millionen Euro wurden Ende 2020 die zwei Krananlagen ausgetauscht. Neben zwei der drei Turbinen waren sie „das Letzte, was noch von der Eröffnung 1969 stammte“. Die neuen Kräne verfügen über deutlich höhere Tragkraft – neun statt sechs Tonnen – und können mittels 3D-Laserscan den Müll-Bunker analysieren.

Geplant: Erste Schritte gehen die Technischen Betriebe Solingen gerade auf dem Weg, eine neue Rauchgas-Reinigungsanlage bauen zu können. 72 000 Kubikmeter Rauchgas entstehen beim Verbrennen pro Stunde. Die enthaltenen Schadstoffe müssen vernichtet werden. Man hofft, in den nächsten Jahren bauen zu können.

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesen

Stadt Solingen warnt vor dem Betreten von Waldwegen
Stadt Solingen warnt vor dem Betreten von Waldwegen
Stadt Solingen warnt vor dem Betreten von Waldwegen
Nach Unfall: Die L 74 ist wieder frei
Nach Unfall: Die L 74 ist wieder frei
Nach Unfall: Die L 74 ist wieder frei
Corona: Inzidenz liegt am Donnerstag erneut über 50 - Stadt verhandelt
Corona: Inzidenz liegt am Donnerstag erneut über 50 - Stadt verhandelt
Corona: Inzidenz liegt am Donnerstag erneut über 50 - Stadt verhandelt
Katastrophe trifft gesamtes Stadtgebiet - Anwohner hadern weiter mit Schäden
Katastrophe trifft gesamtes Stadtgebiet - Anwohner hadern weiter mit Schäden
Katastrophe trifft gesamtes Stadtgebiet - Anwohner hadern weiter mit Schäden

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Kommentare