Mein Blick auf die Woche

Meinung: Eine große Brücke und große Fußstapfen 

stefan.kob@solinger-tageblatt.de
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Diese Frage lässt ST-Chefredakteur Stefan M. Kob nicht los: Warum eigentlich herrschen im Bergischen eher Missgunst und Zwietracht zwischen den Städten? Warum verzweifelt ein sonst so erfolgreicher Rektor ausgerechnet an einer Sache?

Solingen. Manchmal will es der pure Zufall, dass bedeutsame Ereignisse zeitlich eng zusammenfallen: wie die Feiern am Wochenende zu 125 Jahre Müngstener Brücke und am Freitag zu 50 Jahre Bergische Universität – inklusive Stabübergabe des Rektorats. Auf den ersten Blick haben diese Themen nicht viel miteinander zu tun. Doch bei Licht besehen sogar sehr viel.

Denn die Riesenbrücke, die auf dem Weg zum Welterbe ist, und die Hochschule, die enorm an Renommee und Studentenzahlen gewonnen hat unter dem Rektorat von Prof. Dr. Lambert T. Koch, besitzen beide eine Strahlkraft für das Städtedreieck, die man gar nicht überschätzen kann. Das hat nichts mit haltlosem Lokalpatriotismus zu tun, sondern mit harten Fakten.

Die Eisenbahnbrücke mit ihrem markanten Stahlgitterbogen ist, wie der Eiffelturm in Paris, der Ausweis der damaligen Bauingenieurkunst. Sie entspringen sogar demselben – damals revolutionär neuen – Konstruktionsprinzip. Die Widmung als Kaiser-Wilhelm-Brücke zeigt den ganzen Nationalstolz, der vor 125 Jahren mit diesem spektakulären Projekt verbunden war.
Dazu: Wer erbaute die Müngstener Brücke wirklich?

Was fällt einem denn als erstes ein, wenn nach dem Wahrzeichen von Paris gefragt wird? Und da soll die Müngstener Brücke keine Bedeutung haben? Gelingt der Welterbe-Coup (und die Chancen stehen aufgrund der cleveren Bewerbung im Verbund mit europäischen Schwesterbrücken gar nicht so übel), löst das einen Schub im Tourismus aus. Für den man allerdings auch gerüstet sein sollte, um Honig daraus zu saugen. Dazu gehören Erreichbarkeit, Anbindung und Parkplatzsituation, die alles andere als zeitgemäß ist.  

Ebenso wie die Welterbe-Bewerbung wurzelt die Bergische Universität fest im Städtedreieck und übt von hier aus eine Magnetwirkung insbesondere auf junge Menschen in ganz Deutschland, ja sogar weltweit aus. 23.000 Studierende zählt die Uni heute, mehr als jeder Zehnte kommt aus dem Ausland zu uns ins Bergische. Und viele bleiben, weil sie hier nach dem Studium einen interessanten Arbeitgeber gefunden haben. Ohne diese Sauerstoffzufuhr würde die Region und würden unsere Firmen, die mehr denn je auf kluge Köpfe angewiesen sind, verkümmern.  

Dass sich die Studierendenzahlen seit 2008, als Lambert T. Koch zum Rektor gewählt wurde, nahezu verdoppelt haben, ist nicht zuletzt seinem 14-jährigen Wirken zu verdanken. Anders als sein Vorgänger, der Soziologe Volker Ronge, der vor allem die Lehrerausbildung forcierte, setzte der Wirtschaftswissenschaftler Koch von Anfang an auf eine engere Verzahnung mit der Wirtschaft und der Region. Er entwickelte das Profil der Bergischen Universität systematisch weiter, insbesondere in den etwas stiefmütterlich behandelten Ingenieurwissenschaften.

Sein Wirken und sein Erfolg blieben auch außerhalb des Bergischen nicht verborgen: viermal ehrte ihn der Deutsche Hochschulverband als Rektor des Jahres und anschließend als „Rektor des Jahrzehnts“. Es sind riesengroße Fußstapfen, in die seine Nachfolgerin Birgitta Wolff getreten ist. In einem Interview hat Lambert T. Koch einmal die Bergische Uni als seinen persönlichen Glücksfall bezeichnet. Umgekehrt ist es mindestens genauso.  

An einer Sache ist der erfolgsverwöhnte Wissenschaftler allerdings verzweifelt: Trotz seiner Bemühungen, das Städtedreieck enger zusammenzuführen, um die Schlagkraft der Region zu vervielfachen, musste auch er die Grenzen erkennen. Obwohl er ein kluges Leitbild für das Städtedreieck entwickelte und obwohl er in allen drei Rathäusern höchstes Ansehen genießt, bleibt die Region nach wie vor weit hinter ihren Möglichkeiten zurück – ganz einfach deshalb, weil sie Missgunst und Zwietracht, aber keine gemeinsame Identität und kein gemeinsames Profil entwickelt.  

Dabei sind die Universität, die Brücke in Müngsten oder auch Schloss Burg, ehemaliger Regierungssitz der Region, monumentale Identifikationspunkte, auf die alle drei Städte stolz sein dürfen. Was genau haben denn etwa Hunsrück, Eifel oder Sauerland an Vergleichbarem aufzuweisen? Allesamt schöne Wandergebiete, okay. Aber selbst das können wir auch. Wenn wir nur – gemeinsam – wollen. 


Unsere Themen in dieser Woche: 

Hundehasser legen in Wald und Ohligs gefährliche Köder aus – was die Polizei sagt und wie man sich bei einem Fund richtig verhält. 

Von der Klingenstadt zur Schneckenstadt: Solingen soll zur Tempo-40-Zone werden. 

Solinger Polizisten können jetzt auch die knallgelben Elektroschocker einsetzen – doch es gibt bereits kritische Expertenstimmen

 Sorge um Verkehrswende: Das Millionenloch im öffentlichen Nahverkehr wächst immer weiter. 

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