Mein Blick auf die Woche in Solingen

Ohne Eigenverantwortung kommen wir nicht aus der Krise 

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stefan.kob@solinger-tageblatt.de

Die Omikron-Variante ist Fluch und Segen zugleich, Chefredakteur Stefan M. Kob plädiert deshalb zu mehr Eigenverantwortung, die in der Pandemie eine ganz neue Bedeutung bekommt, während die staatlichen Verordnungen nicht allein reichen, um gegen das Coronavirus zu bekämpfen.

Solingen. Eigenverantwortung: in einem Land wie dem unseren, in dem man sich schon wundert, warum Schleifebinden oder Zähneputzen nicht gesetzlich geregelt sind, bisher ein Fremdwort. Vater – oder gern auch Mutter –Staat regelt alles und jedes, fürsorglich, immer in bester Absicht, aber mitunter mit elterlicher Strenge. In der aktuellen Phase der Pandemie bekommt der Wert der Eigenverantwortung aber eine neue Bedeutung – warum? Es reift zum einen die Erkenntnis, dass sich das Virus mit Dutzenden Seiten widersprüchlicher und unübersichtlicher Verordnungen nicht erschlagen lässt. Widersprüche und Wirrwarr sind zudem die natürlichen Feinde der Akzeptanz. Und die verliert unser Staat inzwischen selbst bei Wohlmeinenden und Folgsamen.

Zum anderen stehen wir mit dem Rücken zur Omikron-Wand, bei der uns nur die Eigenverantwortung weiterhelfen kann. Das gilt in allererster Linie für das Impfen. Aber eben auch für die Einstellung zum Virus. Omikron, das schält sich immer mehr heraus, kann Fluch und Segen zugleich sein. Fluch, weil die Mutante die Infektionszahlen in astronomische Höhen schießen lässt: Auf dem Höhepunkt der Pandemie im vergangenen Jahr löste die 300er-Grenze in Solingen Panik aus. Nun liegen wir beständig über dem Doppelten, und auch vierstellige Inzidenzzahlen bei den Jugendlichen lassen keine Alarmsignale schrillen.

Denn das scheint der Segen von Omikron zu sein: Weil die Zahlen auf den Intensivstationen nicht im selben Maße steigen wie die Inzidenz, bleibt die Lage in den Kliniken noch relativ entspannt. Es scheint sich zu bewahrheiten, was Virologen auch aus den internationalen Entwicklungen herauslesen: Die Ansteckungsgefahr ist hoch, die Inzidenz fällt aber auch wieder rasch ab, gleichzeitig stagnieren die Zahlen der Klinikaufnahmen und Todesfälle. Deshalb ist es folgerichtig, jetzt mehr in den Fokus zu nehmen, das Funktionieren wichtiger öffentlicher Bereiche durch angepasste Quarantäneregeln zu gewährleisten und nicht wie das Kaninchen auf die Schlange auf das Infektionsrisiko zu schauen.

Hierbei spielt die Eigenverantwortung eine gewaltige Rolle. Die Stadt hat damit schon einmal vorgelegt. Denn leider werden, wie in der gesamten Zeit der Pandemie üblich, in Berlin und Düsseldorf die neuen Regeln verkündet, ohne den Städten, die diese umzusetzen und zu kontrollieren haben, rechtzeitig die rechtlichen Grundlagen dafür zu liefern. Die Solinger setzen die neuen Regeln nun auch ohne die fehlenden oberbehördlichen Dekrete rückwirkend um.

Nun sind wir Bürger am Zug, denn es kann nur im Vertrauen darauf funktionieren, dass jeder und jede Einsicht in die Notwendigkeiten zeigt und eigenverantwortlich die Bestimmungen beachtet, wann welche Quarantänevorschrift gilt und welche Tests vorzunehmen sind, um die notwendige Sicherheit zu gewährleisten. Denn bei den stark ansteigenden Zahlen kann kein Gesundheitsamt der Welt hierüber noch wachen und nachverfolgen. Das müssen wir jetzt schon selber tun. Dass man 3G böse interpretiert als geimpft, genesen oder gerissen, muss der Vergangenheit angehören.

Das ist nicht nur für unser tägliches Leben, für Schule oder auch Freizeit buchstäblich überlebenswichtig. Es ist von existenzieller Bedeutung für unsere gesamte Wirtschaft. Das haben in einem eindrucksvollen Doppelinterview der Präsident der bergischen Industrie- und Handelskammer, Henner Pasch, und deren Geschäftsführer Michael Wenge deutlich gemacht.

Denn nicht nur Handel, Gastronomie oder Eventbranche sind in ihrer Existenz bedroht, wenn es nicht gelingt, den immer wiederkehrenden Zyklus der Viruswellen zu brechen. Auch die Industrie leidet auf ihre Weise: durch gestörte Lieferketten, explodierende Energiepreise und Fachkräftemangel - denn die Personalsuche und -gewinnung ist durch Corona ebenfalls zusätzlich erschwert.

Wir tun uns also alle gemeinsam einen Gefallen, wenn wir Eigenverantwortung nicht als Fremdwort, sondern als wichtigste Aufgabe betrachten. 

Weitere Themen der Woche: 

Landesregierung setzt Ausrufezeichen für die Bewerbung der Müngstener Brücke als Welterbe.

Zwar rollt im ehemaligen Union-Stadion schon lange kein Ball mehr, aber immer mehr Leben zieht ins “Heimspiel” in der Ohligser Heide.

Freud’ und Leid liegen für Autofahrer oft nahe beieinander: Wo in diesem Jahr groß gebaut wird und welche Verbesserungen geplant sind.

Werden Hausärzte zur bedrohten Art? In Solingen droht schon bald ein Mangel an Allgemeinmedizinern.

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