Mein Blick auf die Woche in Solingen

Mauern bauen oder Windmühlen – oder am besten beides 

stefan.kob@solinger-tageblatt.de
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Das Hochwasser, die Corona-Krise und auch der Krieg gegen die Ukraine haben trotz all dem Schlechten, etwas Positives bewirkt: schnelle Veränderungen. Wie diese in Solingen aussehen, erläutert Chefredakteur Stefan Kob im Wochenkommentar.

Solingen. Wenn der Wind der Veränderung weht, bauen die einen Mauern und die anderen Windmühlen. Was das alte chinesische Sprichwort sagen will: Mit Problemen und Gefahren kann man sehr unterschiedlich umgehen. Die einen – man darf behaupten, wohl die meisten – versuchen sich dagegen abzuschirmen, um unbehelligt zu bleiben und möglichst nichts verändern zu müssen, während andere den heraufziehenden Sturm als Chance begreifen und ihn gewinnbringend nutzen. Welche Strategie langfristig die bessere ist, darüber muss man nicht lange sinnieren. 

Nun leben wir in Zeiten, in denen kein Wind der Veränderung weht, sondern ein Orkantief nach dem anderen über uns hinwegfegt, die uns durcheinanderwirbeln wie nichts zuvor seit Kriegsende. Und doch: Selbst in den entsetzlichsten Entwicklungen stecken immer wieder überraschende Veränderungs-Booster, die ohne die Katastrophe niemals gezündet worden wären. 

Beispiel Überschwemmung: Mit genau einem Jahr Abstand sind die Ansätze zu erkennen. Der Katastrophenschutz, von einer Sonnenschein-Generation stiefmütterlich vernachlässigt, bekommt einen völlig neuen Stellenwert. Das Nebeneinander von unterschiedlichen Ebenen und Zuständigkeiten wird grundlegend durchleuchtet und miteinander verzahnt. Feuerwehr und Technisches Hilfswerk erhalten ungeahnten Zulauf von Freiwilligen. Ihr unermüdlicher Einsatz in der Flutnacht und danach hat den Stellenwert der Hilfsorganisationen jedem deutlich vor Augen geführt: Hier geht es nicht um gemütliche Kameradschaftsabende bei Bier und Grünkohl, sondern um die Rettung von Menschen, die andernfalls keine Chance hätten. Überhaupt hat der gespürte Zusammenhalt in einer Gesellschaft, die schon hoffnungslos zerrüttet schien, neue Gemeinschaften geschweißt, die für Wärme und Hoffnung sorgen. 

Beispiel Corona: Das Virus, das uns vollkommen unvorbereitet getroffen hat, legt schonungslos unsere Schwachstellen offen – vor allem in der Digitalisierung. Nicht, dass völlig unbekannt gewesen wäre, wie weit unser Land im internationalen Vergleich hinterherhinkt. Aber plötzlich wurde offensichtlich, was es bedeutet, wenn Schulen nicht am Breitbandnetz hängen, wenn Funklöcher die Kommunikation erschweren, wenn unsere behäbigen Verwaltungswege papier- und nicht bit-basiert funktionieren. Und auf einmal werden Mittel und Energien frei, von denen wir vorher gar nicht wussten, dass es sie gibt. Die Arbeitswelt wandelt sich in einem Tempo, das uns atemlos macht. Nicht, dass schlagartig alles besser würde, dazu sind die Lücken zu groß. Aber jetzt sind Wille und Kraft zur Veränderung plötzlich da. 

Beispiel Krieg: Es verbietet sich allein der Gedanke, dem Massensterben mitten in Europa irgendetwas Positives abzugewinnen. Und dennoch: Das Verteidigungsbündnis Nato, noch vor kurzem aus den eigenen Reihen als “hirntot” deklariert, ist quicklebendig und erhält ungeahnten Zulauf aus den einst neutralen Nordländern. Das zerstrittene Europa rafft sich zu neuer Gemeinsamkeit und Stärke auf. Plötzlich scheint es gar nicht mehr so selbstverständlich, dass wir für unsere Freiheit nichts tun müssen.  

Und: Angesichts der plötzlich hochproblematisch gewordenen Abhängigkeit von russischem Erdgas kommt die Energiewende in Schwung, wie keine Warnung vor der Klimakatastrophe es vorher jemals vermocht hatte. Die Investitionen in die Erneuerbaren, die angesichts billigen Russland-Gases nur zögerlich flossen, entwickeln eine Wucht, sodass selbst solche Ideen wie eine Wasserstoffgewinnung in der Solinger Müllverbrennungsanlage plötzlich ernsthaft geprüft werden.

So machen wir bei Licht besehen derzeit sogar beides: Mauern bauen, um unsere westlichen Werte vor einem imperialistischen Aggressor zu schützen. Und jede Menge Windmühlen, um unseren Energiebedarf künftig auf klimaneutrale Weise zu erzeugen. 

Unsere weiteren Themen in dieser Woche 

Urlaubsfeeling, Sonne, Strand und Cocktail am Wochenende? Geht, beim Street Beach Festival in den Clemens-Galerien

Achtung Blitzer: Auf der Schützenstraße gibt es drei neue Tempo-30-Zonen. 

Zum Fest gab‘s Rehbraten und Helgoländer Hummer: Vor genau 125 Jahren wurde die Müngstener Brücke eingeweiht. 

„Oben ohne“ durchs Bergische: Der Doppeldecker-Cabriobus ist wieder unterwegs. 

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