Mein Blick auf die Woche in Solingen

„Fußgängerwüste“: Für die City braucht es viele gute Nachrichten 

stefan.kob@solinger-tageblatt.de
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Auch wenn viele Menschen schlechte Nachrichten gar nicht mehr lesen wollen: Der Exodus weiterer Fachgeschäfte aus der Innenstadt ist ein weiterer herber Rückschlag für die Bemühungen, die City vor dem Niedergang zu bewahren. Doch es gibt auch Hoffnung, meint Chefredakteur Stefan M. Kob.

Angeblich sind manche Menschen müde von schlechten Nachrichten. Der Krisen-Dauermodus führt bei einigen schon zum Nachrichtenfasten, eine Strategie, die auch bei Vogel Strauß so lala klappt. Meinungsforscher des Rheingold-Instituts haben den Zustand als “Melancovid” diagnostiziert, der zu Symptomen wie Schockstarre und Resignation führt. Da zieht man sich besser die Decke über den Kopf und wartet, bis alles vorüber ist. Und dabei stören negative Schlagzeilen nur. 

Nun kann man bekanntlich jedes Ding von zwei Seiten sehen - wie das halbleere oder halbvolle Glas. Daher ein zuweilen geforderter Versuch, doch mal den Nachrichten der Woche einen positiven Aspekt abzugewinnen: „Der Müngstener soll morgen planmäßig fahren“, wäre so ein Beispiel. Oder wie wäre es mit: „Fortschreitende Klimaerwärmung macht städtischen Winterdienst deutlich günstiger.” Oder: „Keine Lärmbelästigung durch Public Viewing bei Winter-WM zu befürchten.” Oder aber: „Neue Chancen für das Projekt 2030: Bald können zwei weitere Ladenflächen an der Hauptstraße umgestaltet werden.”

Man merkt schnell: funktioniert nicht, ohne ins Lächerliche oder gar Zynische abzugleiten. Den Weggang von zwei weiteren Geschäften in der oberen Hauptstraße - Klauser und Tchibo - ist ohne Frage ein herber Rückschlag für die Bemühungen der Stadt, den Exodus der Geschäfte in der Innenstadt aufzuhalten und durch gezieltes Gegensteuern zu verhindern.

Schon jetzt reiht sich auf dem Weg von den Clemens-Galerien die Fußgängerzone herab eine düstere Schaufensterfront an die andere. Das Ganze noch ohne jedes Weihnachtslicht mag man sich gar nicht vorstellen. Mit dem Kaffeeröster und dem Schuhladen gesellen sich bald zwei neue Leerstände, dazu noch gegenüberliegende, hinzu. Hoffen lässt lediglich das Hämmern und Bohren der Handwerker in den Galerien, ebenso wie die Umbaupläne des Hofgartens.   

„Fußgängeroase” nannten die Solinger früher stolz ihre erste Einkaufspassage in der Innenstadt. Jetzt ist eher Wüste. Wie eine Oase in der Wüste wirkt die „Gläserne Werkstatt”, die ab Samstag endlich bestaunt werden darf und das seit Jahren leerstehende Gebäude von einstmals Appelrath-Cüpper belebt - mit über einem Jahr Verspätung. Für die Gründe kann die Stadt größtenteils nichts. Und doch hat man die bange Ahnung, dass es hoffentlich nicht zu spät ist, um das Ruder noch herumzureißen.  

Dabei ist das Konzept „City 2030” genau der richtige Weg, den alle Experten den darbenden Innenstädten empfehlen. Nicht mehr allein auf Handel setzen, der nie mehr so zurückkommt. sondern einen attraktiven Mix aus Wohnen, Gewerbe, Dienstleistung, Freizeit, Gastronomie und Erleben schaffen, bei dem Shoppen nur ein Puzzleteil unter vielen ist. Doch ob die Konzepte schnell genug greifen? Und ob sie reichen?

Die Probleme des stationären Einzelhandels sind nicht nur in Solingen, sondern überall massiv. Die Geschäfte haben sich größtenteils mit Mühe durch die Lockdowns der Pandemie gequält und dem Strukturwandel durch den Onlinehandel getrotzt. Und stehen jetzt vor massiven Kostensteigerungen bei der Energie und Beschaffung, überall fehlendem Verkaufspersonal und der generellen Kaufunlust des wenig geneigten Publikums. Sie sorgen sich um das Weihnachtsgeschäft. Kein Wunder, dass der Einzelhandel nach der aktuellen IHK-Umfrage zu den größten Verlierern des Abschwungs gehört.

Erschwerend hinzu kommt, dass der Identifikationsgrad der Solinger mit „ihrer Mitte”  erschreckend gering ist. In den Stadtteilen, die auch ihre Probleme haben, sieht das anders aus. In Wald beispielsweise kümmern sich so viele Vereine, Initiativen, Einzelpersonen und Institutionen um ihr Quartier, dass es manchmal schon ein bisschen Reibung gibt - aber die erzielt immerhin bekanntlich Wärme. In Ohligs - und teilweise auch in Gräfrath - gibt es heimatverliebte potente Unternehmer, die Millionen in Lieblingsprojekte stecken, die sich „nur noch” harmonisch mit den städtischen Plänen verbinden müssen. In Ohligs, mit dem magischen Viereck aus Werbegemeinschaft OWG, Immobiliengemeinschaft ISG, Ohligser Jongens und Familie Novakovic gelingt das derzeit besonders gut. Da kann die tapfere Werbegemeinschaft WIR in der City nur neidvoll zuschauen. 


Unsere Themen in dieser Woche 

Seit fast einem Jahr steht das ehemalige Steinhaus-Restaurant am Alten Bahnhof leer – welche Pläne hat die Stadt? 

Stadt-Sparkasse erhöht Gebühren für Privatkunden: Wer jetzt wieviel zahlen muss.  

Der Graveur, einst ein Solinger Renommierberuf, ist vom Aussterben bedroht – wenn jetzt nicht schnell gehandelt wird. 

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