Mein Blick auf die Woche in Solingen

Eine Stimme gegen Hass und Gewalt ist verstummt 

stefan.kob@solinger-tageblatt.de
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Mit Mevlüde Genç verliert die Stadt eine Persönlichkeit, die trotz des mörderischen Brandanschlags auf ihre Familie mit dem Herzen sprach. Statt zu hassen, rief sie zur Versöhnung auf und reichte mit ihrem Satz „Lasst uns Freunde sein“ allen die Hand. Ihr Herz und ihre Stimme werden fehlen, meint ST-Chefredakteur Stefan M. Kob.

Ministerpräsident Johannes Rau (SPD) war an ihrer Seite in der dunkelsten Stunde ihres Lebens, Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) kam spontan am Dienstag zum letzten Geleit, und auch die fünf Landeschefs dazwischen kannten sie und schätzten sie: Mevlüde Genç (79 †), die fünf ihrer Angehörigen beim mörderischen Brandanschlag 1993 in Solingen verlor, war eine ganz besondere Persönlichkeit - eine Solingerin, die bundesweit Bekanntheit erlangte, die sie nie hätte haben wollen und auf die sie sicherlich liebend gern verzichtet hätte. 

Aber so wie der Prophet im eigenen Lande oft nicht die richtige Anerkennung findet, so wollten einige Solinger sie - trotz allen Mitgefühls für ihren unermesslichen Verlust – schon aufgrund ihrer traditionellen Lebensweise und lückenhaften deutschen Sprachkenntnisse nicht als Musterbeispiel gelungener Integration sehen. Dass sie zwei Jahre, nachdem zwei ihrer Kinder, zwei Enkelinnen und eine Nichte in dem von Rechtsextremisten entfachten Feuersturm umkamen, sogar die deutsche Staatsbürgerschaft annahm, änderte an dieser Sichtweise wenig. Womöglich spielten auch niedere Motive wie Neid und Missgunst eine Rolle bei den Anfeindungen aus der eigenen Stadt.

Doch Mevlüde Genç ließ sich durch nichts und niemanden von ihrem Kurs der Versöhnung abbringen. Und für das, was sie ausdrücken wollte, brauchte sie wenig Worte. Sie sprach mit dem Herzen. Wie groß kann so ein Herz sein, dass sie noch unter dem Schock des Anschlags den Satz prägen konnte „Lasst uns Freunde sein”? Einer, der dafür Worte finden konnte, ist der Bundespolitiker Cem Özdemir: „Nach dem rassistischen Anschlag von Solingen hat sie sich geweigert, die Mörder zu hassen.” Hätte Özdemir nicht schon die Solinger „Schärfste Klinge” verliehen bekommen, spätestens mit diesem Satz hätte er sie endgültig verdient. 

Denn genau dieser Hass ist es, der langsam wie eine ätzende Säure unsere Gesellschaft zersetzt und jede Verständigung und Versöhnung unmöglich macht. Vielleicht wollte die lebenskluge Frau der unfassbaren Tat dadurch doch noch einen Sinn geben, indem sie mit ihren Versöhnungsbotschaften dazu beitrug, dass sich dieses Gift nicht noch tiefer in die Herzen frisst. Es muss für sie eine schreckliche Erkenntnis gewesen sein, dass trotz allem angesichts der neuen Flüchtlingsströme aus der Ukraine, gepaart mit gewaltigen wirtschaftlichen Sorgen und Ungewissheiten im eigenen Land, die Hetzer am rechten Rand wieder lauter und mehr werden und die Gefahr von weiteren rassistischen Anschlägen stündlich steigt. Ihre Stimme und ihr Herz fehlen, wenn Zusammenhalt und Wehrhaftigkeit der Demokraten erneut durch solche Taten auf die Probe gestellt werden sollten. 

Auch deshalb war die Anteilnahme bei der Trauerfeier an der Unteren Wernerstraße riesig - über alle Grenzen demokratischer Parteien, Nationen und Religionen hinweg. Und angesichts der gewaltigen Resonanz, die auch in allen bundesweiten Medien - von BILD bis ZDF - gewürdigt wurde, dämmert es vielleicht jetzt dem einen oder anderen Solinger, was Mevlüde Genç auch für unsere Stadt getan hat. Es ist vor allem ihr Verdienst, dass Solingen im Gegensatz zu vielen anderen Schauplätzen rechtsextremistischer Verbrechen gesehen wird für das Bemühen, die Spirale aus Hass und Gewalt zu durchbrechen. 

Es ist daher sehr tröstlich zu wissen, dass es diese Stadt mit vereinten Kräften geschafft hat, in kürzester Zeit und unter Einsatz aller Verantwortlichen - von Pressestelle bis Feuerwehr - einen würdigen und sicheren Rahmen für die Veranstaltung zu schaffen, damit die Trauerfeier der Ditib reibungslos ablaufen und die bundesweiten Kameras keine Bilder von unwürdigen Szenen einfangen mussten. Absolut keine Kleinigkeit bei einer Veranstaltung, die bis hin zur plötzlich angekündigten Rede des Ministerpräsidenten völlig unkalkulierbar war. Hier darf man als Solinger - bei aller Trauer - auch ein wenig stolz auf die eigene Stadt sein.  

Unsere weiteren Themen in dieser Woche

Die Gaspreise fahren Achterbahn - deshalb nutzen die Solinger Stadtwerke jetzt eine Ausstiegsklausel. Dazu Stimmen von Verbraucherzentrale, Immobilienverwalter und IHK.

Nach vielen Hiobsbotschaften für die City hier mal eine gute: Ausgerechnet ein e-commerce-Campus soll die Hauptstraße beleben.

Gerechtfertigte Forderung oder unverantwortliche Eskalation in schwierigsten Zeiten: IG Metall kündigt massive Streiks an und fordert 8 Prozent.

Am Sonntag beginnen die Martinszüge in der Stadt. Hier unsere Übersicht.

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