Mein Blick auf die Woche in Solingen

Der Weg zur digitalen Stadt ist steinig und schwer 

stefan.kob@solinger-tageblatt.de
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Nichts geht mehr ohne Digitalisierung. Auch in Solingen nicht. Wir alle müssen mit der Zeit gehen, dürfen jedoch ältere Generationen nicht alleine lassen, meint Chefredakteur Stefan M. Kob.

Solingen. Dem einen ist sie viel zu schnell, dem anderen kann sie gar nicht schnell genug gehen. So unterschiedlich die Meinung zum Tempo der Digitalisierung ist, so eindeutig steht die Gewissheit: Sie bestimmt unser Leben in einem Ausmaß, das sich niemand vor wenigen Jahrzehnten vorstellen konnte, als die PC-Festplatte das Laufen lernte. Ohne digitale Technologie fährt kein Zug und kein Auto, kein Kraftwerk liefert Strom, keine Supermarktkasse verarbeitet Preise.

Für viele ist ihr Smartphone zum unverzichtbaren Lebensmittelpunkt geworden. Dass man ein Telefon nur zum Telefonieren nutzte, ist gerade einmal 15 Jahre her. Heute ist die Telefon-App eine Funktion unter vielen, bei vielen wahrscheinlich eher die unwichtigste. Kontostand checken, Tisch reservieren, Fahrplan studieren, Urlaubsbilder austauschen, Haushaltsgeräte steuern, navigieren, kommunizieren, Mails checken, Termine planen, Musik hören, Filme gucken - für den einen sind das gerade mal die Basics, für andere böhmische Dörfer. 

In diesem digitalen Dilemma steckt auch das Rathaus, an dessen Wänden häufig die Digitalisierungswelle abprallte. Natürlich will und muss die Stadtverwaltung mit der Zeit gehen. Auch um Kosten zu sparen, ist es sinnvoll, Behördengänge für Standardprozesse online zu erledigen. Übrigens für beide Seiten. Daher ist es gut, dass sich die Stadt längst auf den Weg zur Smarten City gemacht hat und bis Ende des Jahres viele Amtsbesuche überflüssig gemacht haben will. Dabei sind die technischen Prozesse das eine, Datensicherheit und rechtskräftiges Dokumentenmanagement etwas anderes. Deshalb kann das eine oder andere ehrgeizige Projekt noch etwas dauern. Auf der Webseite solingen.digital ist ganz gut zu sehen, was die Stadt in den nächsten Jahren noch so alles vorhat. Allerdings - siehe oben: Nicht jeder und jede fühlt sich im digitalen Dschungel sicher. Hier darf man insbesondere die ältere Generation nicht zurücklassen. Nicht jeder verfügt über hilfsbereite Enkel, die zur Stelle sind, wenn Opa mal wieder das Internet kaputt gemacht hat. 

Noch wichtiger, um nicht zu sagen überlebenswichtig, ist das Thema Digitalisierung für die Unternehmen. Wer hier nicht mit der Zeit geht, wird mit der Zeit gehen. Das gilt selbst für klassische Industrieprodukte wie etwa die Messerherstellung. Ohne chipgesteuerte Roboter wäre Wüsthof oder Zwilling längst nicht in die Weltklasse aufgestiegen und würde sich dort behaupten können. Oder ein Industrieschwergewicht wie Dirostahl, das Teile bis 35 Tonnen schmieden kann: Ohne prozessorgesteuerte Anlagen und hochtechnisierte Prüflabore käme es nicht über die Runden. Aber gilt das auch für den einfachen Handwerksbetrieb? Braucht ein Gebäudedienstleister Sensoren in den Dachrinnen der Kunden, die melden, wenn sie gereinigt werden wollen? Wer das für ferne Zukunftsmusik hält, sollte sich noch einmal die Entwicklung der letzten 15 Jahre vergegenwärtigen. 

Da gibt es auch noch gute Nachrichten für alle Zweifler und Bedenkenträger: Die Bergische Universität, die in diesem Jahr ihr 50-jähriges Bestehen feiert, will aus der Bergischen Region ein “Digital Valley” machen und öffnet ihre Türen für kooperationswillige und ratsuchende Unternehmer noch weiter als ohnehin schon. Mit dem Projekt “Divabre” (Digital Valley Bergische Region) soll die Digitale Transformation des Mittelstands unterstützt werden. Und dem Team um Projektleiter Richard Meyes käme so ein Dachrinnenfall sehr willkommen. Denn obwohl unter der Leitung des scheidenden Uni-Rektors Lambert T. Koch das Miteinander von Wirtschaft und Hochschule völlig neue Dimensionen erreicht hat, ist die Hemmschwelle für viele Firmen offensichtlich noch hoch. Eine Tradition, wie sie zwischen Unternehmen und der RWTH Aachen gelebt wird, muss erst noch wachsen. Wenn man in die Städteregion Aachen schaut, sieht man, dass dies für beide Seiten enorme Chancen bietet. Dass ein Großteil des Wuppertaler Projektteams vorher genau dort gearbeitet hat, muss nicht das schlechteste Vorzeichen sein. 

Vor dem Hintergrund ist es mehr als verwunderlich, dass der Breitbandausbau in Solingen so schleppend verläuft. Denn um von den Chancen der digitalen Transformation profitieren zu können, braucht es einen leistungsfähigen Anschluss an den Datenhighway, der mindestens ebenso wichtig ist wie zur “richtigen” Autobahn. Schon seit Jahren läuft sich die Stadt bei den Betrieben die Hacken ab, um sie für den Anschluss ans Glasfasernetz zu erwärmen und endlich alle Gewerbegebiete ans schnelle Netz zu bringen. Jetzt sollen mithilfe von Förderprogrammen von Bund und Land sowie einem neuen Kooperationspartner die letzten “weiße Flecken” in den nächsten zwei Jahren vom Solinger Stadtplan verschwinden.

Unsere weiteren Themen in dieser Woche

 Über die Feiertage noch nichts vor? Dann nichts wie raus und mitmachen bei unserer diesjährigen Osterwanderung. Spannende Rätselfragen warten wieder auf unserem Rundkurs, und zu gewinnen gibt es auch etwas. 

Freizeittrasse oder Radschnellweg? Die schmale Korkenziehertrasse bietet Raum für jede Menge Konflikte? 

Ein bisschen royaler Glanz: Solinger treffen niederländischen König in Partnerstadt Gouda. 

Besitzer von denkmalgeschützten Häusern schöpfen neue Hoffnung: Gesetzesänderung soll Solaranlagen und andere Modernisierungen ermöglichen. 

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