Mein Blick auf die Woche in Solingen

Der Solingen-Flüsterer: Das Phänomen Tim Kurzbach 

stefan.kob@solinger-tageblatt.de
+
stefan.kob@solinger-tageblatt.de

Die Klingenstadt ist nicht immer die Beste in allem. Es hakt beim Verkehr, die Stadt hat zu viele Schulden und zu wenige Gewerbeflächen. Doch im Gegensatz zu seinen Amtsvorgängern bleibt die Kritik nie an dem Oberbürgermeister selbst hängen. Er ist der Liebling der Wirtschaft, meint Chefredakteur Stefan M. Kob und fragt sich, wie er das bloß macht.

Es war wieder so ein Abend: 200 Wirtschaftsbosse hingen am Montag auf dem IHK-Empfang an den Lippen von Oberbürgermeister Tim Kurzbach und spendeten seinen mit Verve vorgetragenen Botschaften anhaltenden Applaus. Was durchaus nicht selbstverständlich ist. Denn parteipolitisch dürfte die Mehrheit der Anwesenden nicht gerade zu den glühendsten Fans von SPD und Grünen gehören - also jenen Parteien, mit deren Unterstützung Kurzbach 2015 zum ersten und vor zwei Jahren zum zweiten Mal ins Amt gewählt worden war. Bei früheren Empfängen der Industrie- und Handelskammer saßen seine Amtsvorgänger meist eher schwitzend auf der Anklagebank: zu viele Schulden, keine Ausgabendisziplin, zu hohe Gewerbesteuern, zu wenig Gewerbeflächen oder miese Verkehrsverbindungen - Beispiele für die nach oben offene Unzufriedenheitsskala der Unternehmer.  

Heute gleichen Podiumsdiskussionen wie am Montag Kuschelabenden, auf denen man sich schulterklopfend Anerkennung und Trost spendet und ansonsten gemeinsam sauer ist: über untaugliche Förderprogramme der Landesregierung, die Gleichgültigkeit des Bundes gegenüber kommunalen Nöten, die Dumping-Steuersätze anderer Städte, die Weltpolitik im Allgemeinen. Schuld haben natürlich immer andere.  

Dabei sehen die Firmenchefs durchaus vieles kritisch, was in Solingen läuft. Oder besser gesagt nicht läuft: eine lahmende und lähmende Bürokratie, die sich eher um die Baumschutzsatzung kümmert, als zum Beispiel ausländischen Bewerbern, die Unternehmen dringend brauchen, beim Behördenlauf zu helfen; die Anhäufung eines astronomischen Schuldenbergs, der nachfolgende Generationen erdrückt;  städtische Personalkosten, die ungebremst wachsen. In Städte-Rankings landet Solingen oft im Mittelmaß,  die Innenstadt ist ein einziges Trauerspiel. Aber nicht einmal Kurzbachs vorsichtige Ankündigung, dass die Stadt auf Sicht nicht um Steuererhöhungen herumkommt, lässt den Blutdruck der Unternehmer steigen. Irgendwie kann er ja nix dafür, der Tim... Statt auf Kritik der Bosse zu warten, geht er zum Angriff über, was bekanntlich die beste Verteidigung ist: Fünf Unternehmer brauche er, donnert er mit fünf hochgereckten Fingern ins auserwählte Publikum. Fünf! Wenn fünf mutige Unternehmer mitziehen, würde er die Innenstadt retten, wie zuvor mit Multi-Millionär Mirko Novakovic den Stadtteil Ohligs.

Irdische Kritik erreicht ihn ohnehin kaum noch, etwa der Vorwurf des politischen Gegners, dass den vollmundigen Ankündigungen oft wenig Zählbares folgt. Lustreisen ohne Erkenntnisgewinn ins Silicon Valley werden bekrittelt, mit der Energie- und Verkehrswende gehe es nicht so wahnsinnig schnell voran, auf ein schlüssiges Verkehrskonzept warten wir jetzt wirklich schon lange

Tim Kurzbach ist nicht nur ein begabter Kommunikator, in dessen Kopf offensichtlich zahllose Schubladen sind, in denen er zu jeder Gelegenheit die passenden Worte findet. Er ist auch ein Netzwerker vor dem Herrn, der mit der halben Stadt per Du zu sein scheint. Wobei das “vor dem Herrn” durchaus wörtlich zu nehmen ist, denn als Vorsitzender des Diözesanrates im Erzbistum vertritt er die zwei Millionen Katholiken im Rheinland - was bei einer konservativen Klientel gut klingt. Als Familienvater von drei kleinen Kindern, verheiratet mit einer Grünen-Politikerin, kann er authentisch mit Fridays-for-Future-Sympathisanten reden. Und als FC-Fan mit biertrinkenden Fußballfans fachsimpeln. Kurzbachs große Stärke ist noch eine andere: Er ist in der Lage, immer und überall die wunde Solinger Seele zu streicheln. Wir sind eine wachsende Stadt, wir haben eine brillante Lage, wir haben die engagiertesten Vereine, tollsten Institutionen, Firmen, Bürger, Schulen, Feuerwehren, und auch sonst sind wir spitze. Allein: Wir glauben nicht an uns und machen uns unnötig klein. Und diesen Glauben an die eigene Stärke verbreitet der Solingen-Flüsterer an diesem und an jedem anderen Abend. So überzeugend, dass sich selbst die Gegner einer Eventarena am Weyersberg (von denen es nicht wenige gibt) plötzlich wie verzagte Kleingeister vorkommen, die schuld sind, dass die weltberühmte Klingenstadt wieder mal die Chance verpasst, dem grauen Mittelmaß zu entkommen. 

Glaube versetzt Berge. Und deshalb gilt Psychologie nicht nur im Sport als entscheidender Erfolgsfaktor. Ein Amateurverein kann Bayern München schlagen, wenn dieser fest an sich glaubt. Kann Solingen also eine erfolgreiche, attraktive Großstadt werden? Der Solingen-Flüsterer kennt die Antwort: Yes, we can. 

Unsere Themen in dieser Woche 

Operationen werden verschoben, eine Ärztin des Gesundheitsamts muss in Kinderklinik aushelfen: Nicht Corona, sondern das RV-Virus und eine heftige Grippewelle sorgen für dramatische Entwicklungen.

Spötter vermuten schon, dass eine U-Bahn unter der Viehbachtalstraße gebaut würde. Wir zeigen den Stand der Bauarbeiten. 

Keiner will es gewesen sein: Rätselraten um Verkehrsschild an der Baustelle Ohligser Markt.  

Let‘s Dance-Star Rurik Gislason ist wohl nicht gerade gut auf Solingen zu sprechen: Es geht um einen Streit mit einer Solinger Künstleragentur. 

Ein Freizeitspaß mehr: Eislaufen im Ittertal. Ab wann und zu welchen Zeiten man wieder auf die Kufen kann.   

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

Prinzessin sagt „Ja“ auf der Bühne im Walder Stadtsaal
Prinzessin sagt „Ja“ auf der Bühne im Walder Stadtsaal
Prinzessin sagt „Ja“ auf der Bühne im Walder Stadtsaal
Unfall mit bewusstloser Person, Rauchmelder führt zu hilfloser Person
Unfall mit bewusstloser Person, Rauchmelder führt zu hilfloser Person
Unfall mit bewusstloser Person, Rauchmelder führt zu hilfloser Person
Solinger Geheimnisse um öffentliches Eigentum
Solinger Geheimnisse um öffentliches Eigentum
Solinger Geheimnisse um öffentliches Eigentum
Wer erkennt dieses alte Schätzchen?
Wer erkennt dieses alte Schätzchen?
Wer erkennt dieses alte Schätzchen?

Kommentare