Mein Blick auf die Woche

Corona: Wo viel Schatten ist, da gibt es auch viel Licht 

stefan.kob@solinger-tageblatt.de
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Mit Impfvordränglern hat das Jahr begonnen, mit Omikron endet es. Die Corona-Pandemie überschattet die anderen Themen des Jahres. Dabei gibt es auch Positives in diesem Jahr 2021. Chefredakteur Stefan M. Kob äußert daher im Wochenkommentar einen Wunsch für das neue Jahr.

Solingen. Erinnern Sie sich noch an das Wort “Impfvordrängler”? Als im Frühjahr die ersten Spritzen aufgezogen wurden, gerieten diejenigen unter Beschuss, die altersmäßig noch nicht dran waren, aber sich, ob unbedacht oder unverschämt, ihre erste Dosis besorgten. Heute rollt man den Impfwilligen den roten Teppich aus, weil mehr Stoff vorhanden ist als Interessenten für die inzwischen dritte Dosis. Und weil die Infektionswellen einfach nicht abebben wollen, nicht zuletzt, weil sich eine Minderheit standhaft der Spritze verweigert. Darüber ist das Klima rau geworden in unserer Gesellschaft, die Gräben zwischen den beiden Lagern werden immer tiefer. Inzwischen versammeln sich auch in Solingen hunderte Bürger, um - gottlob friedlich - gegen die staatlichen Coronamaßnahmen zu protestieren. Schon der Name “Solinger Widerstand” mit der Symbolik zweier geballter Fäuste verstört. 

Dabei hatte das Jahr mit so viel Hoffnung begonnen, dass wir es dank der modernen Medizin schaffen könnten, das Virus zu beherrschen, ohne dass in überfüllten Kliniken darüber entschieden werden muss, wer überleben darf und wer zum Sterben verurteilt wird. Da zitterte die Welt noch vor Delta. Jetzt macht Omikron alles noch schlimmer. 

Doch wir dürfen uns nicht in einen Modus eines „Immerschlimmerismus“ hineintreiben lassen, wie ihn Zukunftsforscher Daniel Dettling beschreibt. Denn dann besteht die Gefahr, dass wir das Vertrauen und den Mut verlieren, weil wir die vielen positiven Themen schlicht und einfach übersehen. Wie etwa den ersten Meilenstein zum Welterbe Müngstener Brücke. Dass NRW die Brücke als einziges Projekt für den bundesweiten Wettbewerb eingereicht hat, war schon eine kleine Sensation. Parallel wurde - seltsamerweise ohne Diskussionen im Vorfeld - im Sommer der Müngstener Brückensteig eröffnet, mit dem man kletternd dem Stahlriesen nahe kommt wie nie zuvor. Die Idee des etwas hochtrabend benannten “Skywalk” könnte ein weiterer Anziehungspunkt werden. Im neuen Jahr wird sich weisen, ob der Fuß- und Radweg unterhalb der Bahngleise überhaupt realisierbar ist, und ob es gelingt, die Befürchtungen der Anwohner in Bezug auf eine Touristenschwemme zu entkräften. 

Eine große Chance besteht im neuen Jahr, den Gegensatz in der City zwischen besserer Aufenthaltsqualität und Erreichbarkeit aufzulösen - samt der verhärteten Fronten bei diesem Thema. Gelingen soll das mit einem umfassenden Verkehrskonzept. Dass die ebenfalls heiß diskutierte Eventarena am Weyersberg da noch mit hineinspielt, macht die Sache nicht eben einfacher. Aber manchmal hilft es ja, etwas größer zu denken, wenn man sich im Klein-Klein verheddert hat. Die Frage ist, ob sich unsere Stadt so ein selbstbewusstes Projekt wie eine Arena für 8000 Besucher wirklich zutraut oder ob es - wie meist in der Klingenstädter Historie - bei der kleinsten denkbaren Lösung bleibt: die Renovierung der alten Klingenhalle.

Wahlen gab es im Herbst nicht nur zum Bundestag, sondern zuvor auch in der Bergischen Industrie- und Handelskammer. Und die endeten mit einer faustdicken Überraschung: mit deutlicher Mehrheit wurde der Solinger Henner Pasch zum jüngsten IHK-Präsidenten aller Zeiten gewählt. Der 40-jährige setzte ziemlich schnell eine erste Duftmarke, indem er bei seinem ersten Jahresempfang die jahrzehntealte Forderung der Kammer nach einem Weiterbau und Anschluss der Viehbachtalstraße abräumte und stattdessen einen Radschnellweg auf der dann überdimensionierten Trasse vorschlägt. 

So viel Revolution war noch nie in der Kammer. Man darf gespannt sein, was da noch so kommt. Vielleicht sieht man ihn demnächst zu allem Überfluss noch auf einem der E-Roller fahren, die seit dem Sommer auch in Solingen herumstehen und bei vielen Stein des Anstoßes sind: Die Entscheidung, die hippen Flitzer zuzulassen, ließ die kritische Solinger Seele fast überkochen. Dabei könnte man dem Nachbarn Remscheid inzwischen eine lange Nase drehen, denn dort verbarrikadierte die Politik den Zugang der Rolleranbieter aufs Stadtgebiet. 

In die Kategorie desaströs fiel sicher die sogenannte Jahrtausendflut. Aber sie hat bei allem Unheil, die sie auch über Solingen gebracht hat, wiederum das Beste in uns Menschen nach oben gespült: Zusammenhalt, Hilfsbereitschaft, Achtsamkeit, Großzügigkeit. Manchmal bewirken große Krisen das: Wenn Menschen merken, dass eine Gemeinschaft tragen kann, wo der einzelne verloren wäre. Wenn es doch nur gelänge, diesen Geist auf die Coronakrise zu übertragen, könnten wir noch mit viel mehr Zuversicht auf 2022 schauen. 

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