Montagsinterview

TBS-Experte Wulf Riedel: Gewässeranrainer besser schützen

Wulf Riedel ist studierter Bauingenieur und Spezialist für Siedlungswasserwirtschaft. Bei den Technischen Betrieben Solingen (TBS) beschäftigten ihn Themen wie Starkregen und Hochwasser schon länger. Er sagt, der Schutz von Gewässeranrainern müsse verbessert werden. Foto: Christian Beier
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Wulf Riedel ist studierter Bauingenieur und Spezialist für Siedlungswasserwirtschaft. Bei den Technischen Betrieben Solingen (TBS) beschäftigten ihn Themen wie Starkregen und Hochwasser schon länger. Er sagt, der Schutz von Gewässeranrainern müsse verbessert werden.

Wulf Riedel kümmert sich bei den Technischen Betrieben Solingen um die Beseitigung von Hochwasserschäden. Im ST-Interview spricht er darüber, welche Baustellen jetzt Priorität haben, warum größere Kanäle ein Hochwasserszenario noch verschlimmern würden und welche Maßnahmen stattdessen ratsam wären.

Von Philipp Müller

Die Flut von Wupper, Eschbach, anderer Gewässer und der Starkregen im Stadtgebiet vom 14. Juli sind jetzt gut drei Wochen her. Gab es ein Ereignis oder eine Begebenheit, die Ihnen besonders in Erinnerung bleiben wird?

Wulf Riedel: Am Abend wurde der Krisenstab einberufen. Als es dort hieß, in Unterburg werden Hubschrauber zur Menschenrettung eingesetzt, wurde mir die Dramatik der Lage erst richtig bewusst. Schnell wurde deutlich, dass es überall Schäden gibt, die die Technischen Betriebe Solingen (TBS) betreffen.

Wie haben Sie da das Management aufgebaut?

Riedel: Mit erheblichem Einsatz haben wir inzwischen alle Schäden an Straßen, Brücken und Entwässerungsanlagen erfasst. Auf dieser Basis passen wir jetzt unsere Maßnahmenprogramme an. Vor allem im Bereich der Brückenbauwerke wird das großen Einfluss auf unsere weitere Planung nehmen - auch für Maßnahmen, die bereits ins Auge gefasst sind.

Hohe Priorität hat die Juckelbrücke.

Wulf Riedel

Als Zuständiger für Verkehr und Tiefbau haben Sie die Schäden der Infrastruktur im Blick. Was muss jetzt noch in Angriff genommen werden?

Riedel: Mit hohem Einsatz haben wir zunächst dafür gesorgt, dass die für den regionalen Verkehr wichtigen Brücken wieder freigegeben werden konnten. Inzwischen sind auch die gravierendsten Böschungsabgänge an Glüderstraße, Leichlinger Straße und Mühlendamm wieder hergestellt. Nun können wir die Beseitigung von Straßenschäden, etwa Kotzerter Straße, Pohligshof oder Wipperaue in Angriff nehmen.

Hohe Priorität hat die Juckelbrücke. Damit sie zeitnah wieder genutzt werden kann, muss sie verkehrssicher wieder hergestellt werden. Vordringlich ist es außerdem, die weggerissene Fußgängerbrücke am Obenrüdener Kotten aus der Wupper zu bergen. Sehr wichtig ist zudem die Instandsetzung der Wegeverbindungen bei fünf kleineren verlorengegangenen Fußgängerbrücken.

Ein großes Lob geht hier an die ortsansässigen Baufirmen, auf die wir uns in diesem Notfall absolut verlassen konnten.

Wulf Riedel

Werden die TBS das allein schaffen, oder müssen auch Fremdarbeiten ausgeschrieben werden – und wann passiert das?

Riedel: Die TBS leisten mit eigenem Personal grundsätzlich nur die anstehenden Unterhaltungsarbeiten an Straßen, Kanälen und Brücken. Alle größeren Reparatur- und Neubaumaßnahmen werden ausgeschrieben beziehungsweise durch die beauftragten Jahresvertragsunternehmen ausgeführt.

Ein großes Lob geht hier an die ortsansässigen Baufirmen, auf die wir uns in diesem Notfall absolut verlassen konnten. Der Neubau der Brücken an der Ölmühle über den Eschbach und am Obenrüdener Kotten über die Wupper bedarf einer fundierten ingenieurtechnischen Planung sowie der Abstimmung in Politik und Verwaltung. Hier ist realistisch mit einem Neubau in frühestens zwei Jahren zu rechnen.

Können Sie heute schon abschätzen, wie lange die ganzen Sanierungen und Reparaturen brauchen und wie arbeiten Sie dabei mit anderen Stadtdiensten zusammen?

Riedel: Alle kleineren Sanierungsmaßnahmen im öffentlichen Straßenraum werden wir vermutlich innerhalb der nächsten Wochen und Monate abarbeiten können. Während der akuten Phase gab es eine hervorragende Zusammenarbeit mit den Stadtdiensten Ordnung und Natur und Umwelt sowie mit Polizei, Feuerwehr, Stadtwerken und Pressestelle. Mit den Stadtdiensten Planung, Mobilität und Denkmalpflege sowie Natur und Umwelt stehen wir im ständigen engen Austausch. Durch umfangreiche Zuarbeit an die Kämmerei wurde auch die Aufstellung der Kosten in Millionenhöhe für die Schäden, die an der Infrastruktur entstanden sind, inzwischen an das Ministerium gemeldet.

Aus der Politik kommt jetzt der Ruf nach mehr Hochwasserschutz. Wie wollen die TBS auf dieses Thema reagieren?

Riedel: Die TBS sind zuständig für den Überflutungsschutz in den Siedlungsgebieten. Dieser Schutz bedingt natürlich die Ableitung des Niederschlagwassers in eines der zahlreichen Solinger Gewässer. Hier setzt dann der Hochwasserschutz an, der in der Verantwortung der zuständigen Wasserverbände liegt. Gemeinsam mit dem Stadtdienst Natur und Umwelt sowie den beiden Wasserverbänden müssen jetzt auch die kleineren hochwassergefährlichen Gewässer identifiziert und entsprechende Schutz- und Alarmierungsmaßnahmen erarbeitet werden. Außerdem gilt es, das gesamte Thema von Rückhaltung, Retentionsflächen et cetera neu zu bewerten und ergänzende Maßnahmen zu planen.

Nehmen wir mal ein Beispiel: Bei Starkregen lief viel Wasser über die Straßen und die Gullys und Kanäle haben das nicht mehr überall gepackt. Gibt es dafür kurzfristige und langfristige Lösungen?

Riedel: Die Kanalisation spielt bei solch extremen Hochwasserereignissen wie am 14. Juli keine entscheidende Rolle mehr. Das Zuviel an Niederschlagswasser läuft dann über die Oberflächen dem natürlichen Gefälle folgend in das taltiefste Gewässer. Eine Vergrößerung der Kanäle wäre nicht zielführend – im Gegenteil: Das Regenwasser würde sogar noch schneller in die Gewässer abgeleitet und die Hochwassergefahr dort erhöhen.

Wird dabei die Strategie der TBS wie das Hochwasserkataster oder die Simulation, wie viel Wasser entlang der Straßen laufen könnte, neu bewertet werden müssen?

Riedel: Erste Überflutungsschutzmaßnahmen im Stadtgebiet haben bereits gegriffen. So waren diesmal die sonst üblichen Überflutungen zum Beispiel in den Tiefpunkten der Brucknerstraße, der Brühler Straße, Weinsbergtalstraße, Wachtelstraße, Agnesstraße oder der Adolf-Clarenbach-Straße ausgeblieben. Unsere Methodik zur Identifizierung von Überflutungsschwerpunkten und die Wirksamkeit der daraus abgeleiteten Maßnahmen wurden damit bestätigt. Jetzt gilt es vor allem, für die unmittelbaren Gewässeranrainer den größtmöglichen Schutz zu schaffen, da gerade hier die massivsten Schäden entstanden sind.

Bei den Hochwassereinsätzen war die Dankbarkeit der betroffenen Menschen groß, wie schnell die TBS helfen konnten. Brauchen Sie für solche künftigen Ereignisse mehr oder andere technischen Geräte oder Fahrzeuge?

Riedel: Unsere Mitarbeiter vor Ort waren hochmotiviert bei der Sache und froh, so gut es ging, helfen zu können. Ihnen gebührt der Dank. Die TBS sind fahrzeug- und gerätetechnisch gut und angemessen ausgestattet. Die Frage nach dem Ersatz von verbrennungsgetriebenen Fahrzeugen durch elektrisch oder wasserstoffbetriebene Fahrzeuge wird unter dem Aspekt solcher Ausnahmesituationen sicherlich noch mal neu bewertet werden.

Besonders in den ersten Tagen nach dem Hochwasser gewann das Tageblatt den Eindruck, ein Zahnrad der TBS griff gut in das andere – und auch in die von THW, Feuerwehr und Co. Sind jetzt allen näher zusammengerückt?

Riedel: Das zumindest verbleibt für mich als das Positive an dieser Katastrophe. Es hat sich gezeigt, dass sich alle Dienststellen aufeinander verlassen können und schnell einsatzbereit sind.

Zur Person: Wulf Riedel

Wulf Riedel wurde 1965 in Wermelskirchen geboren, er ist verheiratet und hat einen Sohn. Nach Abitur und Bundeswehr absolvierte er von 1987 bis 1991 ein Bauingenieurstudium Siedlungswasserwirtschaft. Seit 1997 ist er zunächst als Projektleiter bei der Stadt Solingen beschäftigt. 2010 folgte die Abteilungsleitung Planen und Bauen. Seit dem Jahr 2020 ist Riedel der Teilbetriebsleiter der TBS für Tiefbau und Verkehr.

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