Gastronomin zieht die Reißleine

Markttreff beugt sich der Corona-Realität

Einzig die Außengastronomie hielt den Markttreff von Angelika Poschen seit Mitte Mai über Wasser. Das Lokal selbst bietet keine wirtschaftlichen Chancen ab Herbst. Es ist mit 48 Quadratmetern zu klein, um nennenswert Umsätze zu erzielen, die Abstandsregeln verhindern das. Foto: Christian Beier
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Einzig die Außengastronomie hielt den Markttreff von Angelika Poschen seit Mitte Mai über Wasser. Das Lokal selbst bietet keine wirtschaftlichen Chancen ab Herbst. Es ist mit 48 Quadratmetern zu klein, um nennenswert Umsätze zu erzielen, die Abstandsregeln verhindern das.

Gaststätte am Neumarkt schließt am Sonntag – Branche erleidet extreme Umsatzeinbrüche

Von Philipp Müller

Solingen. Der morgendliche Blick von Angelika Poschen gilt dem Wetterbericht. Wird es schön, dann füllt sich die Terrasse des Markttreffs am Neumarkt. Am Montag regnete es. Da ist dann nicht viel im Kellnerportemonnaie zu erwarten, also bleibt der Laden zu. Die erfahrene Gastronomin zieht deshalb am kommenden Sonntag schweren Herzens die Reißleine und schließt das beliebte Lokal. Der Name Markttreff war Programm. Dort trafen sich nicht nur Menschen aus der City. Ein letztes Bier vor dem Heimspiel des BHC in der Klingenhalle zog die Massen an. Nach dem Ende der Konzerte der Sommerparty war der Laden überfüllt. Am Wochenende konnte man dorthin – es war garantiert etwas los.

Nach außen trägt sie die Situation gelassen. Aber wenn Angeliki – sie stammt ursprünglich aus Griechenland – erzählt, dann merkt man: Hier steht eine Frau vor den Trümmern ihrer Existenz. Im Dezember 2005 eröffnete sie den nur 48 Quadratmeter großen Gastraum. Er sollte durch die Enge Gemütlichkeit erzeugen. Die Corona-Abstandsregeln machen das unmöglich. Die Enge sollte auch etwas familiäre Atmosphäre erzeugen. Die Familie darf sich aber dort jetzt nur mit vielleicht zehn oder zwölf Gästen treffen. Das mache keinen Sinn, sagt Poschen.

„Ich fand den Laden damals sehr interessant, es hat funktioniert“, blickt sie zurück. Schon mit 16 Jahren habe sie eins gewusst: „Ich will Wirtin werden.“ Über Remscheid kam ihre Familie 1983 nach Solingen, hatte ein Lokal im Dorfplatz am Theater. Das König Ludwig in der Karstadt-Passage folgte, später die Zille an der Friedrichstraße.

Mit ihrem Vermieter Sam Jordan hatte sie bereits im März eine Auflösung des Mietvertrags besprochen – da musste der Markttreff zunächst ganz schließen. Eigentlich galt die Bindung noch bis Ende 2021. Erfreut sei er nicht gewesen, sagt der Eigentümer des Signal-Hauses. Aber er habe großes Verständnis. Die Gaststätte soll durch einen neuen Betreiber geöffnet bleiben. Später zieht sie im Gebäude um, um Platz für einen Nutzer aus der Bankenbranche zu machen. Mehr Außenfläche am Neumarkt soll genutzt werden, sagt Jordan.

Sonntag ist für Poschen und ihr Team – sie hat auch zwei Geschwister beschäftigt – Schluss. Ihr graut vor dem Tag. Die 57-Jährige sucht jetzt nach einem neuen Lokal. Es soll unbedingt wieder in der City sein, dort leben ihre Gäste, da kennt sie sich aus.

„Ich kann ohne Kneipe nicht leben, ich liebe meinen Job.“

Angelika Poschen, Markttreff

Irgendwie muss es jetzt einfach weitergehen. Denn für sie zählt als Lebensmotto das: „Ich kann ohne Kneipe nicht leben, ich liebe meinen Job.“ Jetzt wird sie sich von Gästen verabschieden, die sie und ihre Familie seit 1983 durch alle Lokale begleitet hätten.

Damit es nicht zu einem großen Kneipensterben kommt, sei jetzt die Politik gefordert, sagt Thomas Kolaric, Geschäftsführer des Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga) Nordrhein. Er kündigte eine Offensive an.

Doch das Aus des Markttreffs wird nicht die letzte Gaststätte sein, die schließt. Poschen beziffert den Umsatzeinbruch auf etwa 50 Prozent. Damit liegt sie im Schnitt in NRW.

Das Statistische Landesamt meldete gerade, dass die ausschankgeprägte Gastronomie im Juni 47,5 Prozent weniger umgesetzt habe als im Vorjahresmonat. Doch der Juni war schön, der Juli auch und überdeckt die Probleme: Fallen die Außenplätze weg, werden die Gäste fehlen. „Viele haben immer noch Angst“, hat auch Angelika Poschen beobachtet.

Dehoga setzt auf Belüftungssysteme

Thomas Kolaric vom Dehoga Nordrhein erklärt, dass der Gaststättenverband in dieser Woche bei den Fraktionen im Landtag vorstellig werde und auch einen Termin bei NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann habe. Ziele: Zuschüsse für Belüftungssysteme die Aerosole mit den Corona-Viren aus der Luft holen. Verlängerung der Öffnungszeiten für Freiflächen, deren Vergrößerung wo es möglich ist. Dazu weitere Soforthilfen.

Auch das „La Gamba" in Ohligs musste schließen. Der Betreiber des spanischen Restaurants sieht in Corona-Zeiten keine Zukunft mehr.

Die Corona-Krise dauert für die Gastronomie an: Isabel Hausmann vom Deutschen Hotel- und Gaststättenverband spricht im Interview über die Lage der Branche.

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