Manchmal wird ein Engel lebendig

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Theologen laden im ST zur Andacht ein – heute Pfarrerin Friederike Höroldt

Liebe Leserin, lieber Leser,

auf dem Fronhof liegt ein Engel. Er ist leicht zu übersehen. Wenn ich genau hinsehe, erkenne ich, dass ihn erst drei Symbole zu einem Engel machen: ein Stern, ein Halbmond und ein Kreuz. Die Symbole für das Judentum, den Islam und das Christentum. So entstehen seine Konturen: der Kopf und die beiden Flügel. Dieser Engel ist in den Boden des Fronhofs eingelassen worden als Symbol der Hoffnung auf ein friedliches Miteinander der Kulturen und Religionen.

Gerade in den letzten Wochen haben wir wieder erlebt, wie gefährdet und wenig selbstverständlich das ist. Und ich spüre nicht nur, wie unerreichbar der Frieden im Nahen Osten ist, sondern wie Angst und Gewalt auch in unserem Land Spuren hinterlässt, wenn Steine auf Synagogen fliegen und Fahnen verbrannt werden.

Vor 28 Jahren brannte am 29. Mai ein ganzes Haus. Eine Familie verlor fünf geliebte Menschen. Solingen wurde ein Name dafür, wie zerbrechlich Toleranz und Vielfalt auch in unserem Land sind. Auf dem Fronhof liegt ein Engel. Und ich glaube: Manchmal wird er lebendig – nicht das Metall und der Stein, aber seine Botschaft der Hoffnung.

Vor drei Jahren wurden am 29. Mai, da wo der Engel liegt, Zelte aufgebaut. Solingerinnen und Solinger waren von der Moschee-Gemeinde zum gemeinsamen Iftar-Essen geladen. Vorher aber versammelten sich viele von ihnen in der Stadtkirche. Der Runde Tisch der Religionen und die Jüdische Kultusgemeinde Wuppertal luden ein zu einem Gebet der Religionen: muslimische, jüdische und christliche Menschen unter einem Dach. Erkennbar verschieden, nicht in allem einig, aber für diesen besonderen Abend ging es weniger um die Unterschiede, sondern um die große Vision des friedlichen Miteinanders.

Die Kirche war voller Menschen, manche Gesichter waren mir bekannt: die junge Frau aus der muslimischen Ditib-Gemeinde, die alte jüdische Dame aus Russland, die mich manchmal in der Kirche besucht, christliche Geschwister aus den katholischen und evangelischen Gemeinden. Aber die meisten Menschen hatte ich vorher noch nie hier gesehen. Und dann wurden wir alle ermuntert: Sprecht euch einen Friedenswunsch zu in eurer Sprache! Auf Deutsch „Friede sei mit euch“, auf Arabisch „Salam aleikum“, auf Hebräisch „Schalom alechem“, auf Türkisch „Baris ve huzur dileriz“, auf Russisch „Mir Bam“. Und was da passierte, war größer als wir: Es war, als ob der Geist Gottes sanft und stark durch diese Kirche wehte, als ob der Engel vom Fronhof seine Flügel ausbreitete und seine Flügelspitzen die Menschen berührte. Geraunte Friedenswünsche gingen durch den Kirchsaal und noch mehr: Schüchtern lächelte ich einer jungen unbekannten Frau vor mir zu. Sie nahm mich in den Arm: „Salam aleikum“.

„Ich wünsche mir und uns allen noch viele Gelegenheiten, wo wir so offen und gastfrei sein können.“

In der Bibel heißt es: „Die Gastfreundschaft vergesst nicht; denn durch sie haben etliche, ohne dass man es wusste, Engel beherbergt“ (Hebräerbrief 13,2). An diesem Abend sind viele rund um den Fronhof zu Engeln geworden. Zu Boten Gottes. Zu Boten der Hoffnung, dass Versöhnung und Frieden möglich sind.

Wenn ich an dieser Welt verzweifle, daran, was unsere Menschheit auseinanderreißt, dann denke ich manchmal an diesen Abend zurück und daran, was aus den dunkelsten Stunden einer Stadt wachsen kann.

Ich wünsche mir und uns allen noch viele Gelegenheiten, wo wir so offen und gastfrei sein können, damit solche Engel-Begegnungen möglich werden: in der Stadt und auf der Arbeit, in den Gemeinden und Vereinen, in der Nachbarschaft und in der Schule. Bleibt behütet, bleiben Sie behütet!

Ihre Pfarrerin Friederike Höroldt

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