Demonstration

Solinger Türke: "Viele schweigen aus Angst"

Türken in Berlin gegen den Putsch
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Solinger Türken fühlen sich innerhalb der Gemeinschaft gespalten.

Zwei Wochen nach dem gescheiterten Militärputsch in der Türkei wird eine Spaltung innerhalb der 6000 Solinger Türken deutlich.

Von Stefan Prinz

Die Polizei ermittelt in der Klingenstadt erstmals im Fall eines gewalttätigen Übergriffs auf einen Erdogan-Kritiker. Zudem spricht ein in Solingen lebender Türke von einem Klima „der Verunsicherung und auch der Angst“ in der türkischen Gemeinschaft.

Noch vor einigen Tagen zeigte sich Fatih Zingal, Solinger Rechtsanwalt mit türkischen Wurzeln, von der Geschlossenheit der Solinger Türken überzeugt. Die 6000 hier lebenden Menschen mit türkischem Pass stünden alle hinter Staatspräsident Erdogan, betonte der Anwalt im Gespräch mit dem ST. Offenen Widerspruch zu dieser Äußerung gab es kaum.

Standpunkt von Stefan Prinz

Die Situation ist aber in der Zwischenzeit offensichtlich eine andere: Es geht ein Riss durch die Solinger Türken. Der hier lebende türkische Journalist Hüseyin Topel weiß aus Gesprächen mit seinen Landsleuten, dass viele verunsichert sind. „Meine Landsleute stehen zwar alle hinter ihrem Land, aber nicht alle hinter dem Staatspräsidenten“, sagt Topel.

Und obwohl die weitaus größte Zahl auf der Seite von Erdogan ist, gebe es eine schweigende Minderheit der Kritiker. „Wer anderer Meinung ist, äußert sich besser nicht.“ Dass diese Sorge berechtigt ist, haben die vergangenen Tage gezeigt: Bislang ist der Polizei zumindest ein Fall bekannt, bei dem ein Erdogan-Anhänger einen 46-Jährigen und dessen Frau versuchte zu schlagen, sagt Polizeisprecherin Anja Meis. „Ein Zeuge hielt ihn davon ab.“ Aus dem benachbarten Remscheid sind drei solcher Angriffe bekannt. Schlimmere tätliche Übergriffe wie im Ruhrgebiet gab es offensichtlich nicht.

Hüseyin Topel weiß von zahlreichen Beleidigungen gegen Erdogan-Kritiker in Solingen. Türkische Geschäftsleute hätten Angst vor finanziellen Nachteilen, wenn sie sich als Erdogan-Kritiker positionierten. Andere wollten ihre Freundschaften nicht aufs Spiel setzen, indem sie sich gegen die Mehrheitsmeinung stellen. „Manche schweigen in Solingen aus Angst“, sagt Topel.

„Wer anderer Meinung ist, der äußert sich besser nicht.“

Hüseyin Topel türkischer Journalist

Diese Vorsicht reicht bis in die Schulen, so Topel. Bekannte von ihm vermieden politische Diskussionen in Anwesenheit ihrer Kinder. Weil diese dann in der Schule unbedachte Äußerung machen könnten. Und das würde dann negativ auf die Eltern zurückfallen.

Auch in den sozialen Medien seien Solinger Türken für Erdogan aktiv. „Bei facebook gibt es eindeutige Kommentare von Erdogan-Befürwortern“, erklärt Topel. Auch staatliche Aufrufe aus der Türkei, Regierungskritiker zu melden, würden von Solinger Türken verbreitet.

30 000 WOLLEN FÜR ERDOGAN DEMONSTRIEREN

DEMONSTRATION Für die Polizei in der Region wird der kommende Sonntag zu einer ganz besonderen Herausforderung. Dann werden schätzungsweise 30.000 Türken in Köln zu einer Demonstration für den türkischen Staatspräsidenten Erdogan erwartet. Zu den erwarteten Teilnehmern zählen auch zahlreiche Türken aus Solingen. Bereits am vergangenen Wochenende hatte die Union Europäisch-Türkischer Demokraten (UETD) zu einer großen Demonstration für Erdogan nach Düsseldorf geladen. In der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt wurde der Antrag zu dieser Demonstration von den Behörden allerdings nichts genehmigt.

Für Deutsche seien die Auseinandersetzungen schwer zu durchschauen, weil die Diskussionen im Internet oft auf Türkisch geführt würden, weiß Hüseyin Topel. Nach eigenen Aussagen habe er Beweise dafür gesammelt, dass sich türkische Funktionäre in der Stadt immer noch für die Todesstrafe aussprechen. „Diese Diskussion ist überhaupt nicht erledigt“, sagt Topel. Der türkische Staatspräsident fordert die Todesstraße nicht mehr offen, sondern verweist auf den Volkswillen. Und unter den Türken werde die Todesstrafe immer noch gefordert – auch in Solingen. 

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