Interview

Luisa Skrabic: „Für viele Künstler reichen die Hilfen nicht aus“

Während des Lockdowns komponiert Luisa Skrabic viel zu Hause am heimischen Klavier. Foto: Christian Beier
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Während des Lockdowns komponiert Luisa Skrabic viel zu Hause am heimischen Klavier. Foto: Christian Beier

Sängerin und Musikerin Luisa Skrabic über die Lage der Kulturbranche und was der verlängerte Lockdown bedeutet.

Von Kristin Dowe 

Frau Skrabic, die Politik hat am Dienstag den Lockdown bis zum 14. Februar verlängert. Wie haben Sie und andere Künstler die vergangenen Monate erlebt?

Luisa Skrabic: Grundsätzlich verstehen meine Kollegen und ich, dass die Maßnahmen notwendig sind. Für uns ist es aber schon seit Monaten kein Lockdown „light“ mehr, sondern quasi ein komplettes Berufsverbot. Wir dürfen nicht arbeiten, wir dürfen keine Kunst und Musik auf den Bühnen machen, auf denen wir sonst stehen. Bei allem Verständnis war es ein Schock zu erfahren, dass dieser Zustand noch weiter anhält. Das ist schon ein deprimierendes Gefühl. Natürlich gibt es immer einen Funken Hoffnung, dass es besser wird und wir bei eventuellen Lockerungen doch unter strengen Hygieneauflagen auftreten dürfen.

Wie gehen die Künstler damit um?

Skrabic: Viele meiner Kollegen wie Leonora oder Jannik Föste sperren sich zurzeit in ihr Studio ein und schreiben fleißig neue Songs. Auch ich sitze viel am Klavier und komponiere. Livestream-Konzerte haben sich in Solingen dagegen weniger durchgesetzt, obwohl viele Künstler aus der Umgebung das verstärkt gemacht haben. Der Wille ist auf jeden Fall da, wenn ich etwa an See You denke, die ein Musikvideo mit allen Solinger Künstlerinnen und Künstlern produziert haben. Im Hintergrund versucht man, kreativ am Ball zu bleiben, am Ende fehlt aber einfach der Schritt auf die Bühne. Wir bereiten uns darauf vor, dass es irgendwann wieder losgeht.

Unterstützt die Politik die Kulturbranche ausreichend?

Skrabic: Ich war selbst von Februar bis November 2020 in der Situation, auf meine Ersparnisse zurückgreifen und staatliche Hilfe in Anspruch nehmen zu müssen. Das ist kein schönes Gefühl, für viele von uns aber momentan der letzte Ausweg. Auch deshalb bin ich sehr froh, dass ich durch mein Volontariat bei Radio RSG mittlerweile in einem festen Angestelltenverhältnis bin, da der Journalismus neben der Musik mein Traumjob ist. Für viele Künstler ist es aber ein Kampf, ausreichende Hilfen zu erhalten. Ich kenne etliche Beispiele, die sich dagegen wehren, zum Jobcenter zu gehen, weil sie sich schwertun, von ihrem Künstler- und Musiker-Dasein zu lösen. Denn das ist ihr Job. Zwar bin ich froh darüber, letztendlich in einem funktionierenden Sozialstaat zu leben, aber für viele Menschen in der Kulturbranche ist die Situation existenzbedrohend. Das gilt besonders für Newcomer, die erst seit kurzer Zeit von der Musik leben können. Gerade am Anfang kann man nicht viel zur Seite legen. Das ist kein 9-to-5-Job und man muss selbst viel investieren, damit am Ende etwas übrigbleibt.

Bekommen die Künstler auch blöde Sprüche, dass sie mal besser etwas „Ordentliches“ gelernt hätten?

Skrabic: Klar, gerade in der Krise hört man vermehrt die Frage, ob man statt der Musik nicht lieber etwas Vernünftiges machen will. Am Ende möchten aber doch alle auf Konzerte gehen und Musik und Kultur erleben. Das ist manchmal etwas zwiespältig. Allmählich steigt allerdings auch die Wertschätzung der Menschen, weil sie merken, dass etwas fehlt.

Was können Kulturfreunde tun, um gerade lokale Künstler zu unterstützen?

Skrabic: Zunächst ist es wichtig, dass die lokalen Künstler nicht in Vergessenheit geraten. In normalen Zeiten haben wir eine öffentliche Bühne, auf der wir uns präsentieren und auf uns aufmerksam machen können. Dann besucht man vielleicht mal die Webseite eines Künstlers und kauft seine CD. Es wäre schon ein kleiner Beitrag, wenn man einen Song mal für 99 Cent kauft, statt ihn sich bei Streaming-Diensten gratis zu ziehen. Darüber hinaus bieten viele Künstler Konzerte im Livestream an, bei denen die Zuschauer zum Beispiel über einen Paypal-Link für sie spenden oder ein virtuelles Konzertticket kaufen können. Da gibt es viele Ideen.

Worauf freuen Sie sich nach dem Lockdown am meisten?

Skrabic: Am meisten freue ich mich darauf, wieder auf der Bühne zu stehen und das unmittelbare Feedback vom Publikum zu bekommen. Gleichzeitig wird es auch schön sein, wieder zusammen mit anderen Menschen Musik und Kultur erleben zu können.

Vervollständigen Sie den Satz „Kunst ist systemrelevant, weil . . .

Skrabic: . . . sie den Menschen hilft, schwere Zeiten zu überwinden, ein Zusammengehörigkeitsgefühl zu entwickeln und schöne Momente noch schöner werden zu lassen.“ Kunst spiegelt die Gesellschaft wider und trägt dazu bei, dass sie sich weiterentwickelt. Sie ist auch politisch relevant, weil wir Künstler kritisch auf die Welt blicken und mit unserer Sprache Dinge ausdrücken können, die man sonst vielleicht nicht ausgesprochen hätte. Wir sind auch Sprachrohr der Gesellschaft, das ist eine wichtige Aufgabe von Kunst und Kultur.

Die Corona-Krise bedeutet für die Szene eine ungewisse Zukunft.

Zur Person

Luisa Skrabic ist Sängerin und Moderatorin. Sie stand in Solingen und darüber hinaus schon auf vielen Bühnen. Im vergangenen Jahr trat sie unter anderem bei der Castingshow „The Voice“ auf und war schon bei zahlreichen Sport-Events zu Gast. Aktuell absolviert sie ein journalistisches Volontariat bei Radio RSG. Weitere Infos gibt es online.

www.luisa-skrabic.com/

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