Pandemie

Long-Covid-Ambulanz in Solingen hilft Betroffenen

Bei Covid-19-Patienten, die lange auf der Intensivstation lagen, aber auch nach milderen Verläufen können sich Long-Covid-Symptome entwickeln. Foto: Christian Beier
+
Bei Covid-19-Patienten, die lange auf der Intensivstation lagen, aber auch nach milderen Verläufen können sich Long-Covid-Symptome entwickeln.

Auch Jüngere oder Patienten mit weniger schweren Corona-Verläufen leiden oft lange unter Beschwerden

Von Simone Theyßen-Speich

Solingen. Zwei Jahre Pandemie haben auch in Solingen viele Erkenntnisse über das heimtückische Virus und seine Gefahren gebracht. „Ganz auffällig ist, dass wir jetzt in der vierten Welle bei einem hohen Stand an Infektionen deutlich weniger Todesfälle haben“, erklärt Prof. Dr. Winfried Randerath, Chefarzt der Lungenfachklinik Bethanien. Das Impfen helfe ganz eindeutig, vor schweren Krankheitsverläufen oder dem Tod zu schützen.

Aber gut 20 Monate nachdem die ersten Menschen in Solingen an Covid-19 erkrankt sind, ist auch eine andere Erkenntnis gewachsen: Es gibt eine besorgniserregend große Zahl an Long-Covid-Patienten, Menschen, die auch lange nach der Infektion noch an Symptomen leiden, teilweise in ihrem Alltag stark eingeschränkt sind.

Einer dieser Long-Covid-Patienten, der in Bethanien in Behandlung ist, ist Sven Imkamp. Im Gespräch mit dem ST erzählt der 37-jährige seine mittlerweile viermonatige Leidensgeschichte. „Anfang September haben die Symptome begonnen. Zunächst war es starker Schwindel, so dass ich kaum laufen konnte, sogar hingefallen bin“, berichtet er. Damals lag seine Corona-Infektion vom April schon fünf Monate zurück. Die Infektion selbst sei nahezu ohne Symptome verlaufen. Als Betreuer im Altenheim sei er schon früh geimpft gewesen, so Imkamp. „Ich möchte mir nicht ausmalen, wie schlecht es mir ohne Impfung ergangen wäre.“

Aber auch die Long-Covid-Symptome belasten ihn schwer. Sven Imkamp bekommt nur schwer Luft und hat Schmerzen in der Brust. „Ich schaffe es kaum, die Spülmaschine auszuräumen, Wäsche aufzuhängen oder eine Etage Treppen zu steigen“, schildert er. In der Long-Covid-Ambulanz in Bethanien wurde er jetzt umfangreich untersucht. „Ein Kardiologie-Termin steht noch aus, weil auch mein Herz betroffen sein könnte“, so der 37-Jährige, der seit vier Monaten nicht arbeiten gehen kann. Ein Belastungstest habe ergeben, dass er aktuell nur 40 Prozent seiner normalen Leistungsfähigkeit besitze.

Long Covid: Lungenprobleme und kognitive Störungen sind häufig

Für diese Long-Covid-Patienten hat die Lungenfachklinik in Aufderhöhe Anfang Oktober eine Post-Covid-Ambulanz eröffnet. „Weil nicht nur Beeinträchtigungen der Lunge, sondern auch viele neurologische Einschränkungen in das Krankheitsbild hineinspielen, haben wir das Angebot gemeinsam mit Dr. Ulrich Bock, Neurologe im Klinikum, aufgebaut“, erklärt Prof. Randerath.

Patienten, die unter Long-Covid-Symptomen leiden und die Ambulanz kontaktieren, erhalten zunächst Fragebögen, mit denen Symptome wie Luftnot, Einschränkungen der Leistungsfähigkeit aber auch kognitive Störungen wie Einschränkungen bei Aufmerksamkeit, Konzentration oder Erinnerungsfähigkeit, abgefragt werden.

Nach Auswertung dieser Angaben erfolgen Zusatztests, etwa zur Herz-Lungen-Belastung oder der Riech- und Schmeck-Fähigkeit. „Nach den ersten zehn Wochen mit im Schnitt vier neuen Patienten pro Woche können wir schon sagen, dass ein großer Teil der von Long-Covid Betroffenen unter kognitiven Einschränkungen wie Erschöpfung und Konzentrationsproblemen leidet“, so der Mediziner.

Aber auch Lungeneinschränkungen oder kardiologische Probleme seien verbreitet. Bei vielen hielten die Long-Covid-Einschränkungen mehrere Monate an, bei einigen auch schon länger als ein Jahr. „Es gibt Patienten, die nach Monaten noch so kraftlos sind, dass sie nicht arbeiten können“, so Prof. Randerath.

Und eine weitere Erkenntnis ist in der Long-Covid-Ambulanz gereift. Es seien eher jüngere als ältere Menschen von Langzeit-Folgen betroffen. Viele fühlten sich „einfach nur platt“, können die Hausarbeit nicht mehr leisten oder keinen Sport mehr machen.

„Jüngere Menschen empfinden das Herausgerissensein aus ihrem normalen Alltag natürlich auch noch extremer als ältere Menschen.“ Das habe, so Prof. Randerath, auch mit der Krankheitsverarbeitung und deren psychologischen Folgen zu tun.

Corona-Ambulanz

Kontakt: Überweisung in der Regel durch den Hausarzt in die Corona-Ambulanz in Bethanien, Tel. 63-00

Auswertung: Aktuell sammelt Bethanien die Auswertungsergebnisse der Long-Covid-Ambulanz, die eventuell auch wissenschaftlich erfasst werden sollen.

Standpunkt

simone.theyssen-speich@solinger-tageblatt.de

Kommentar von Simone Theyßen-Speich

Die Viruserkrankung einfach „durchmachen“, vielleicht unter leichten Erkältungsbeschwerden leiden und nach zwei Wochen Quarantäne als „Genesener“ das Thema Corona überstanden haben – wer darauf spekuliert, die Impfung somit umgehen zu können, der sollte mit Betroffenen sprechen, die unter Langzeitfolgen der Covid-19-Erkrankung leiden. Junge Menschen, die die Treppe in ihre Wohnung kaum noch hochgehen können. Leistungssportler, die kräftemäßig weit davon entfernt sind, sich überhaupt wieder sportlich zu betätigen. Oder Menschen, die beruflich mitten im Leben standen und auch über ein Jahr nach ihrer Erkrankung noch nicht an ihren Arbeitsplatz zurückkehren können. Nicht nur, weil er ihre Schicksale täglich vor Augen hat, wirbt Bethanien-Chefarzt Prof. Winfried Randerath für die Impfung. Geimpfte infizierten sich deutlich weniger und seien vor allen Dingen vor schweren Verläufen geschützt, spricht er sich für eine allgemeine Impfpflicht aus. Von den 580 Menschen, die in den vergangenen zwei Jahren in Bethanien verstorben sind, seien 202 Corona-Todesfälle gewesen, so die traurige Bilanz.

Das könnte Sie auch interessieren

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

Impfpflicht für Personal wirft in Solingen Fragen auf
Impfpflicht für Personal wirft in Solingen Fragen auf
Impfpflicht für Personal wirft in Solingen Fragen auf
Das Laser-Duell im Dunkeln kann beginnen
Das Laser-Duell im Dunkeln kann beginnen
Das Laser-Duell im Dunkeln kann beginnen
Corona: Inzidenz steigt auf 1138,9
Corona: Inzidenz steigt auf 1138,9
Corona: Inzidenz steigt auf 1138,9
Corona: Inzidenz liegt in Solingen erstmals über 1000
Corona: Inzidenz liegt in Solingen erstmals über 1000
Corona: Inzidenz liegt in Solingen erstmals über 1000

Kommentare