Geschichte

Leserbriefschreiber wird Bestsellerautor

Jürgen Thorwald schrieb 1934 für die Leserrubrik des ST eine frühe Mordgeschichte – damals noch unter dem Namen Heinz Bongartz.Foto: ST-Archiv
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Jürgen Thorwald schrieb 1934 für die Leserrubrik des ST eine frühe Mordgeschichte – damals noch unter dem Namen Heinz Bongartz.

Meinungsäußerungen ans ST haben manchmal ihre ganz eigene Geschichte.

Von Wilhelm Rosenbaum

Solingen ST-Leser haben seit Jahrzehnten ihre Seite: Sie bietet aufmerksamen, durchaus kritischen Lesern ein Podium, um ihre Sicht zu veröffentlichten Nachrichten und Kommentaren mitzuteilen.

Logisch, dass die Wirkung dieser Leserbriefseite an die Aktualität der publizierten Texte geknüpft ist. Wenn dann Meinung auf Meinung prallt, wird ein oftmals spannender und interessanter Austausch erreicht. Welche Langzeitwirkung einmal veröffentlichte Artikel jedoch gelegentlich auch haben können, zeigt ein Blick in die jüngere Tageblatt-Zeit.

Da hatte das ST zum Tod des Komikers Karl Dall Ende November einen kurzen Nachruf veröffentlicht und dazu eine Konzertkritik zitiert, die 1969 über die Insterburgs mit Karl Dall im Tageblatt stand. Die Überschrift von den „Pop-Clowns“ gefiel allerdings unserem Leser Jürgen Weidlich überhaupt nicht. Er hatte damals weder „Pop gehört noch Clowns gesehen“ und teilte das auch per Leserbrief mit. Wir halten fest: Zwischen der zitierten Schlagzeile und der aktuellen Reaktion darauf liegen stramme 51 Jahre.

Hausinterner Rekord: 145 Druckzeilen

Nicht einer alten Formulierung, sondern gleich einem kompletten Text von stattlichen 145 Druckzeilen gehörte bisher hausintern der Rekord in der Abteilung „Besondere Leserbriefe“. Den hielt mit fantastischen 26 Jahren Zeitdifferenz der Heimatfreund und ST-Leser A.W. Tückmantel.

Doch erzählen wir die Geschichte chronologisch. In der historischen Beilage „Die Heimat“, in der das Tageblatt den bergischen Heimatforschern ein Forum bot, veröffentlichte ein Heinz Bongartz, ein 18-jähriger Autor vom Unnersberg, am 26. Mai 1934 „eine Geschichte aus Solingens Vergangenheit. Mit einem bisschen Liebe, viel Wahrheit und einem sehr tragischen Ende“. Eine Mordgeschichte war das, vom „Kölsch Look“ (so der Titel), denn ein Franz Stamm bringt darin aus schierer Eifersucht in einem stillen Solinger Tal seine Verlobte Friderike Kölsch um und endet später in einem Irrenhaus im „Wunderland Amerika“.

Was in den 30ern noch kein ST-Leser ahnen konnte: Der jugendliche Verfasser sollte – unter seinem später gewählten Pseudonym Jürgen Thorwald – einmal ein international bekannter Sachbuch-Autor mit Millionenauflage werden.

Doch zurück zum Stichwort Leserbriefseite: In der Februar-Ausgabe der „Heimat“ im Jahr 1960 (!) meldete sich detailreich zur alten Kölsch-Look-Geschichte besagter Tageblatt-Leser A.W. Tückmantel zu Wort. Er setzte sich mit der Faktenlage des realen Mordes aus dem Jahre 1845 auseinander und kritisierte vor allem die spannungsfördernden Passagen, mit denen der Verfasser Bongarzt seine Darstellung damals ausgeschmückt hatte.

Natürlich ist die Frage wohl berechtigt, welcher ST-Leser nach einer so langen Zeitstrecke denn noch diese Kritik verstehen oder eventuell mit dem Original hätte vergleichen können. Aber die Redaktion des ST interessierte doch schon, was Thorwald – der 1960 gerade mit seinem Buch „Die Entlassung – das Ende des Chirurgen Ferdinand Sauerbruch“ für erhebliches Aufsehen sorgte – wohl zu dieser späten Meinungsäußerung sagen würde.

In einem Brief nach Solingen zeigte er sich versöhnlich: Er erinnerte sich noch, dass er sich für das erste Honorar von sechs Reichsmark einen Ententeich genannten Künstler-Hut kaufte, und teilte mit, der deutlich verspätete Leserbrief selbst habe ihn amüsiert.

Die Anfänge

Gezählt hat sie wohl noch niemand, alle Leserbriefe in der über 200-jährigen Geschichte des Tageblatts und seiner historischen Vorgänger seit 1809. Immerhin ist der allererste überliefert, den der Verleger Carl Siebel für seinen „Verkündiger“ erhielt. Zwei Wochen nach seiner Presse-Premiere bereits hatte ein Solinger eine in der Tat glänzende Idee, denn Siebel teilte am 15. Juli 1809 mit, er habe eine Leser-Anfrage erhalten, ob er nicht – bis heute ein Eckpfeiler unserer Berichterstattung – einen Wetterbericht in sein junges Blatt aufnehmen könne. So fing es an mit den Leserbriefen. Schon im Oktober 1809 beklagte sich ein kritischer Geist über „gewisse Charakterzüge“ und nannte die Solinger sogar „Kinder der unbegrenzten Schreiblust“.

Leserbrief

Der erste Leserbrief, den der Verleger Carl Siebel für seinen „Verkündiger“ erhielt, wurde überliefert. Siebel teilte am 15. Juli 1809 mit, er habe eine Leser-Anfrage erhalten, ob er nicht einen Wetterbericht in sein junges Blatt aufnehmen könne.

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