75 Jahre nach Kriegsende

Lebenslange deutsch-amerikanische Freundschaft

Die 100-jährige Ilse Michels denkt an die Zeit der Befreiung im April 1945 zurück. Foto: Christian Beier
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Die 100-jährige Ilse Michels denkt an die Zeit der Befreiung im April 1945 zurück.

Ilse Theodore Michels berichtet über ihre Erinnerungen an 75 Jahre Kriegsende.

Von Stephanie Licciardi

Solingen. Als sei es erst gestern gewesen, spricht Ilse Theodore Michels über ihr Leben vor 75 Jahren. Die 100-jährige Solingerin blickt auf ein langes und bewegtes, auf ein spannendes und ereignisreiches Leben zurück. In ihrem Appartement im Sankt Joseph Wohnpark blättert Ilse Theodore Michels durch Unterlagen der US-amerikanischen und britischen Besatzungszeit, betrachtet Familienfotos und sinniert über das Leben. Ihr Leben. Als 25-Jährige erlebte sie im April 1945 die Befreiung und Besetzung Solingens. Angst habe sie nicht gehabt. „Ich war sehr froh, dass der Krieg endlich vorbei war“, erzählt Ilse Michels.

Die junge Frau lebte mit ihrer Familie in der damaligen Heinrich-Diehl-Straße, als sich wie ein Lauffeuer die Ankunft der US-Amerikaner verbreitet. Eines Tages, kurz nach der Befreiung steht Dechant Dr. Heinrich Reinarz mit zwei Offizieren vor der Tür.

„Sie waren auf der Suche nach einer Sekretärin.“
Ilse Michels über die Offiziere

„Die beiden Offiziere, First Lieutenant (Oberleutnant) Robben Wright Fleming und Sergeant Krug, trugen ihre Helme unter dem Arm, als sie mit Dechant Reinarz eintraten“, erzählt Michels. „Sie waren auf der Suche nach einer Sekretärin in der Verwaltung der US-Armee“, erklärte sie das Anliegen der drei Besucher. Durch die guten Kontakte der Familie während des Krieges – ihre Familie hatte mit der Partei und den Nationalsozialisten nichts zu tun – empfiehlt der Dechant die junge Ilse. „Ich hatte überhaupt keine Erfahrungen in der Verwaltung oder mit Büroarbeit“, erzählte sie lachend. „Mein Interesse galt der Musik.“

Ihr Studium der Musikwissenschaften in Köln habe die damals 25-Jährige für die Tätigkeit als Sekretärin unterbrechen müssen. Schnell ergriff sie die Gelegenheit, für die Amerikaner zu arbeiten. „Jeden Tag wurde ich mit dem Jeep zur Villa Baum gebracht, in der die Truppe untergebracht war. Meine Aufgaben waren, den Kontakt zum Publikum aufrechtzuerhalten, beispielsweise Bittschriften oder Anträge für Geschäftseröffnungen weiterzuleiten“, erinnert sich die 100-Jährige. Eine Geschichte ist ihr in besonderer Erinnerung geblieben: „Damals, kurz nach Kriegsende, gab es ja nichts zu essen. Bei den Amerikanern wurde ich zum Glück verköstigt. Wenn ich an das Weißbrot mit Erdnussbutter denke, das war köstlich, etwas ganz Besonderes.“

Der Kontakt zu Robben Wright Fleming, bald „Bob“ entwickelt sich mit der Zeit. Der 29-jährige Soldat hat eine Odyssee hinter sich. Neben Stationen in Nordafrika nahm er im Juni 1944 an der Landung in der Normandie teil und gelangte im März 1945 nach Deutschland. Die Deutsche und der Amerikaner verstehen sich. Als nach sechs Wochen die britische Armee ihre amerikanischen Kameraden ablösen – die Truppen wurden ins bayerische Landshut verlegt – erhält Ilse nicht nur von Fleming ein Dankesschreiben, sondern auch von Major John Hall. Dieses ermöglicht ihr, bei den Briten die Tätigkeit als Sekretärin fortzusetzen. „Allerdings nur bis Ende 1945, da habe ich wieder mein Studium aufnehmen können.“

Elend und Hunger beherrschen allerdings noch lange das zerstörte Solingen. Irgendwann um 1946 oder 1947 traf ein Brief von Fleming ein. Inzwischen ist der US-Offizier in seine Heimat zurückgekehrt und erkundigte sich in dem Schreiben nach der Familie Michels. Als er von ihrer Not erfährt, schickt er Carepakete. „Das war eine große Überraschung für uns“, erinnert sich Michels.

Fleming wurde nach dem Krieg Professor an der University of Michigan und veröffentlichte die Autobiografie „Tempets into Rainbows“, in dem er seine Erlebnisse während des Zweiten Weltkrieg schildert. Ehrensache, dass Freundin Ilse ein Exemplar zugesendet bekommt.

Bis zu Flemings Tod 2010 bestand die jahrzehntelange Lebensfreundschaft über zwei Kontinente hinweg. Ihre letzte Begegnung fand in den neunziger Jahren während eines Zwischenstopps ihrer Rheintour statt, die das Ehepaar Fleming nach Europa führte. „Ich bin dankbar dafür, wie alles gekommen ist. Unsere Freundschaft hat mich bereichert“, berichtet Michels.

Kriegsende in Solingen

Am 8. Mai 2020 jährte sich zum 75. Mal das Ende des Zweiten Weltkrieges. Durch die britischen Bombenangriffe im November 1944 war damals besonders die Innenstadt des „aule Solig“ betroffen. Nach Auskunft des Stadtarchives Solingen wurde die Stadt am 16. und 17. April 1945 von US-amerikanischen Truppen eingenommen und befreit. Sechs Wochen später folgten die englischen Besatzer als Nachfolger.

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