Montagsinterview

Peter Heinen und Elke Suffenplan: „Wir möchten die Menschen mitnehmen“

Peter Heinen und Elke Suffenplan stellen sich ihrer neuen Verantwortung im Vorstand der Lebenshilfe Solingen. Foto: Michael Schütz
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Peter Heinen und Elke Suffenplan stellen sich ihrer neuen Verantwortung im Vorstand der Lebenshilfe Solingen.

Peter Heinen und Elke Suffenplan schildern im ST-Gespräch, wie sie die Lebenshilfe künftig aufstellen wollen.

Von Kristin Dowe

Herr Heinen, Frau Suffenplan, Sie beide sind in Ihren neuen Rollen als Vorsitzender beziehungsweise Stellvertreterin des Vorstands der Lebenshilfe Solingen kürzlich ins kalte Wasser gesprungen. Konnten Sie sich schon ein wenig einarbeiten?
Peter Heinen: : Die Einarbeitung ist momentan eher schwierig, weil gerade Urlaubszeit ist und viele Beteiligte nicht zu erreichen sind. Dennoch haben wir schon sehr viele Gespräche geführt und tauschen uns innerhalb des Vorstands intensiv aus. Uns ist bewusst, dass wir vor einer gewaltigen Aufgabe stehen.
Der alte Vorstand hatte ja seine Ämter bei der Mitgliederversammlung überraschend niedergelegt. Wie spontan war dann Ihr Entschluss?
Elke Suffenplan: Die Situation war wirklich ein Showdown. Wir haben im Vorfeld kurz darüber gesprochen, was an dem Abend passieren könnte, dennoch haben wir den Entschluss alle relativ spontan gefasst. Nachdem der alte Vorstand zurückgetreten war, haben wir uns während der Pause in der Mitgliederversammlung kurz beraten und dachten uns schließlich: ,Wenn wir es jetzt nicht tun, dann ändert sich auch nichts.’
Haben Sie die Entscheidung schon bereut?
Suffenplan: Nein. Aber auch ich sehe eine große Verantwortung vor uns liegen, die in der ersten Zeit zu einigen schlaflosen Nächten geführt hat. Und ein wenig Angst vor der eigenen Courage war sicherlich auch dabei. Die ersten Gespräche im Vorstand mit der Geschäftsführung der Lebenshilfe haben dennoch gezeigt, dass wir jetzt mutig voranschreiten und uns auf die Aufgabe einlassen können. Nun sortieren wir die Dinge und gehen dann hoffentlich bald auf die Suche nach einem geeigneten Standort für eine Werkstatt für Menschen mit Behinderung.
Eben diese Standortfrage hat innerhalb der Einrichtung zu einer scharfen Kontroverse zwischen dem alten Vorstand auf der einen und weiten Teilen der Lebenshilfe auf der anderen Seite geführt. Ist der Standort Wuppertaler Straße jetzt endgültig vom Tisch?
Heinen: Wir sind ja dafür angetreten, die Menschen mit Behinderung in die Mitte der Gesellschaft zu holen, wo sie ja auch hingehören. Wir sehen die von uns zu betreuenden Beschäftigten nicht am Rande der Stadt Solingen.
Die Befürworter des Standorts Gräfrath haben immer argumentiert, Inklusion bedeute, dass die Menschen mit Behinderung dort arbeiten, wo auch andere Arbeitnehmer tätig sind – eben auch in eher peripher gelegenen Gewerbegebieten. Inwiefern sehen Sie das anders?
Suffenplan: Wir sind ja Angehörige von Menschen mit Behinderung und sehen diese nicht am Stadtrand. Selbst wenn Arbeitsinklusion vielleicht so aussehen könnte, finden wir, dass das gesellschaftliche Leben auch einen großen Stellenwert haben muss. Eine Werkstatt in dieser Randlage würde noch viele weitere Probleme mit sich bringen. So müssten die Beschäftigten zum Beispiel ein Stück weit ihre Selbstständigkeit aufgeben, die sich die Menschen mit Behinderung über lange Zeit hart erarbeitet haben. All das wäre am Standort Gräfrath nicht gewährleistet.

„Möglicherweise sollte man in Betracht ziehen, die Werkstatt auf verschiedene Standorte zu verteilen.“

Peter Heinen
Könnten die Beschäftigten nicht üben, mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu ihrem Arbeitsplatz zu gelangen?
Heinen: Man kann vieles einüben. Aber viele der Menschen, die beispielsweise in der Nähe des heutigen Standorts an der Freiheitstraße wohnen, sind kurze Wege gewohnt, auf die sie vom Grad ihrer Behinderung her auch angewiesen sind. Für sie wäre es schwierig bis unmöglich, tatsächlich solche weiten Wege zu bewältigen. Außerdem könnte es Schwierigkeiten mit dem Umsteigen am Central geben, wenn die Menschen in Richtung Gräfrath den Bus wechseln müssten. Das wäre ein weiteres Hindernis.
Suffenplan: Der Weg zur Arbeit mag zwar trainierbar sein, aber diese Lösung brächte einen großen zusätzlichen Arbeitsweg mit sich. Das wäre in einer zentralen Lage in der Stadt deutlich besser zu bewerkstelligen.
Welche Alternativen stehen jetzt noch im Raum?
Suffenplan: Momentan beschäftigen wir uns noch mit den Machbarkeitsstudien, die der alte Vorstand unter anderem für die Freiheitstraße in Auftrag gegeben hatte. Dann gab es auch Gespräche für das Grossmann-Gelände mit dem Unternehmer Sam Jordan. Auch damit setzen wir uns auseinander. All diese Themen haben wir noch vor der Brust. Ansonsten sind wir noch dabei, uns zu finden. Dazu gehört auch, dass wir uns den Mitarbeitern an den einzelnen Standorten vorstellen und ihnen unsere Arbeit transparent vermitteln.
Eine gute Fee kommt und Sie dürfen sich einen Standort wünschen. Welcher wäre das?
Heinen: Mein Wunsch an eine gute Fee wäre, einen zukunftsfähigen Standort zu finden, mit dem alle Parteien zufrieden in die Zukunft sehen können. Wir gehen offen an die Sache heran und schauen uns alle vorhandenen Möglichkeiten an. Wir prüfen zum einen die Freiheitstraße, aber auch die Angebote, die uns in Vorgesprächen Oberbürgermeister Tim Kurzbach in Bezug auf den Südpark gemacht hat, falls möglicherweise dort doch noch eine Baumöglichkeit für die Lebenshilfe geschaffen werden kann. Möglicherweise sollte man auch in Betracht ziehen, die Werkstatt auf verschiedene Standorte zu verteilen und sich nicht nur auf einen einzigen Bau konzentrieren. Vielleicht müssen wir da ein wenig flexibler werden. Dieser Option steht übrigens auch der Landschaftsverband Rheinland offen gegenüber.
Wenn es auf den jetzigen Standort an der Freiheitstraße hinausliefe, müssten die Werkstatt-Beschäftigten während der Bauzeit anderweitig untergebracht werden. Wie wollen Sie das meistern?
Suffenplan: Da haben wir noch keine konkreten Vorstellungen. Diesbezüglich hat der alte Vorstand schon mal vorgearbeitet, da es ja eine Machbarkeitsstudie zur Freiheitstraße gibt. Darin wurde eine Container-Lösung angesprochen. Wir haben uns bislang allerdings noch nicht damit beschäftigt. Wenn die Satelliten-Lösung, also die Verteilung der Werkstatt auf verschiedene Standorte, eine Lösung wäre, müssen wir uns die Frage stellen, wie Menschen bei einem Neubau überhaupt ausgegliedert werden können.
Haben Sie mit Siegfried Lapawa, dem möglichen Investor an der Wuppertaler Straße, denn Gespräche geführt?
Heinen: Ich möchte betonen, dass es in dieser Diskussion nie um Personen ging, sondern in erster Linie um den aus unserer Sicht problematischen Standort in Gräfrath. Zudem sind wir gerade mal knapp zwei Wochen im Amt. Natürlich haben wir Überlegungen angestellt, die alle konkretisiert und berechnet werden müssen. Da müssen wir mit Architekten und allgemein mit Experten sprechen, die uns die baulichen Möglichkeiten umfassend aufzeigen.
Suffenplan: Das sehe ich genauso. Selbst wenn man die Wuppertaler Straße als Teilstandort in Betracht ziehen würde, liegen mir keine Informationen dazu vor, dass sich eine solche Möglichkeit realisieren ließe. Eine Überlegung wäre es eventuell für Menschen wert, die dort in der Nähe wohnen. Momentan sind das aber Zukunftsvisionen, mit denen wir noch gar nicht konfrontiert sind.

„Unser großes Ziel ist, unsere Arbeit so transparent wie möglich zu machen.“

Elke Suffenplan
Der Streit um den Werkstattneubau hat die Lebenshilfe in eine ernsthafte Krise gestürzt. Haben sich die Wogen mit dem personellen Wechsel inzwischen geglättet?
Suffenplan: Das kann man noch gar nicht sagen. Generell haben wir das feste Ziel, von Anfang an alle mitzunehmen. Es gab ja auch einzelne Befürworter der Wuppertaler Straße, die jetzt sicherlich nicht begeistert davon sind, dass jetzt noch einmal andere Standorte gesucht werden. Diese Menschen möchten wir gegebenenfalls von Alternativen überzeugen.
Heinen: Wir haben im Vorfeld mehr Transparenz gefordert und möchten keine Verhandlungen hinter verschlossenen Türen führen. In naher Zukunft gibt es mehrere Gesprächstermine etwa mit dem Werkstattrat und dem Betriebsrat, um die Menschen mitzunehmen. Wir möchten ihnen zeigen, dass der Vorstand für sie da ist und gehen deshalb in alle Standorte, um mit den Beteiligten zu sprechen.
Bei der Mitgliederversammlung gab es einen Antrag, in dem kritisiert wurde, dass der alte Vorstand größtenteils personenidentisch mit dem Verwaltungsrat war. Wird sich das mit Ihnen ändern?
Heinen: Aktuell fehlt uns noch ein Mitglied, um den Vorstand zu komplettieren. Wenn er vollständig ist, werden wir auch einen Verwaltungsrat etablieren und auch dieses Problem angehen, damit Verwaltungsrat und Vorstand nicht in der gleichen Führung sind. Dabei ist mir ein Punkt sehr wichtig: So lange es noch keinen Verwaltungsrat gibt, geht zunächst der Vorstand in dieses Gremium, weil erst mal Mitglieder für diese Aufgabe gesucht werden müssen. Das soll aber kein dauerhafter Zustand bleiben – wir möchten keineswegs in alte Strukturen fallen.
Suffenplan: Wir streben an, mittelfristig einen Verwaltungsrat zu installieren, der nicht überwiegend aus Vorstandsmitgliedern besteht. In der aktuellen Phase wird uns das wahrscheinlich noch nicht gelingen, weil wir kurzfristig zur Arbeitsfähigkeit der Organe kommen müssen. Das Verwaltungsorgan sollte zukünftig nicht von Menschen dominiert werden, die ihre Verantwortung im Vereinsvorstand haben.
Abgesehen vom Werkstattneubau – welche Ziele hat sich der Vorstand noch für die Lebenshilfe gesetzt?
Suffenplan: Unser großes Ziel ist, unsere Arbeit so transparent wie möglich zu machen. In der Mitgliederversammlung wurde beschlossen, eine Projektgruppe zu installieren. Darin sollen Menschen mit und ohne Behinderung den Weg zu einer neuen Werkstatt mitgestalten. Diese Themen treiben uns am meisten um.
Heinen: Das, was wir heute bei der Lebenshilfe anstoßen, ist zukunftsweisend für die nächsten Jahrzehnte. Schließlich baut man nicht alle zehn Jahre eine neue Werkstatt. Deshalb müssen wir eine nachhaltige Lösung finden, die Sicherheit für die Zukunft und die nächsten Generationen gibt.

Vorstand

Peter Heinen ist der neue Vorsitzende des Vorstands der Lebenshilfe Solingen, Elke Suffenplan seine Stellvertreterin. Sie wurden kürzlich in diese Ämter gewählt, nachdem der alte Vorstand im Zuge der Debatte um den Werkstattbau geschlossen seinen Rücktritt erklärt hatte. Außerdem gehören Renate Wischnewski und Gerd Schulz dem neuen Vorstand an, in dem ein Posten noch vakant ist.

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