Geschichte

Langläufer Herbert Schade musste eine Nacht in Haft

Herbert Schade, Alain Mimoun und Emil Zátopek (v.l.) bei den Olympischen Spielen 1952 in Helsinki. Foto: Stadtarchiv
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Herbert Schade, Alain Mimoun und Emil Zátopek (v.l.) bei den Olympischen Spielen 1952 in Helsinki.

Weil sein Pass nicht lange genug gültig war, machte Herbert Schade kuriose Erfahrungen in den USA.

Von Wilhelm Rosenbaum

„Wenn der Deutsche mal irgendwo hingehen muss, braucht er einen Ausweis“, beginnt eine Glosse des brillanten Satirikers Kurt Tucholsky, der sich 1920 über die „Ausweiskrankheit“ auslässt und zu dem garstigen Fazit kommt: „Was den Leuten hier fehlt, ist der gesunde Menschenverstand. Dafür haben sie den Ausweis.“

Eine Generation später – wir wechseln vom Geistes- zum leichtathletischen Wettkampfsport – machte vor 65 Jahren ein prominenter Langläufer der Klingenstadt eine ähnliche Erfahrung, und das in den vermeintlich doch so weltoffenen USA. Die Rede ist von Herbert Schade, dem populären Vorzeigesportler der 50er Jahre, der zu transatlantischen Hallenstarts startete, die für ihn indes mit einem stabilen „Hindernisrennen“ begannen. Am Idlewild Airport, außerhalb New Yorks, stellte ein mürrischer US-Beamter nach der Landung des deutschen Athleten fest, dass Schades Reisepass nicht – wie gefordert – sechs Monate Gültigkeit hatte und da er für den Officer überdies auch keine New Yorker Kontaktadresse nennen konnte, wurde der Solinger völlig überraschend in Haft genommen. Mit zwei weiteren „Pass-Sündern“, einem Libanesen und einem Uruguayer, landete Schade unter Polizeiaufsicht in einem Hotel in der City, bis er am nächsten Morgen zum deutschen Generalkonsulat begleitet wurde. Der verlängerte gottlob den Pass gleich um etliche Jahre, im Hafen der Millionenstadt gab es schließlich auch noch den zum Aufenthalt in den Staaten erforderlichen Stempel dazu.

In seiner Biografie schlägt Schade für das Jahr 1956 noch einmal einen Bogen zu diesen kuriosen USA-Erfahrungen: Bevor er zum Silvesterlauf in Sao Paulo starten konnte, monierte eine Konsulatssekretärin bei der Erteilung seines Visums für Brasilien, dass seine Passbilder auf bräunlich-gelbem Chamoispapier gedruckt seien. Was war zu tun am Tag vor Heiligabend, wenn‘s mit dem Flug nach Südamerika noch klappen sollte? Schade rannte zurück in die Stadt, „um mir bei einem Foto-Tempo binnen kurzer Zeit neue Bilder zu beschaffen.“ Die Qualität entsprach zwar nicht seinen Vorstellungen, aber die Sekretärin akzeptierte die neuen Lichtbilder auf dem vorgeschriebenen weißen Papier.

Auch ST-Reporter Wolfgang Koch passierte einst eine Ausweispanne

HERBERT SCHADE

BIOGRAFIE Herbert Schade wurde am 26. Mai 1922 in Solingen geboren und starb dort am 1. März 1994. Schon als Jugendlicher war der Solinger fasziniert vom Laufsport. Sein ganz persönliches Training: Als Bäckerlehrling trug er die Brötchen im Laufen aus.

OLYMPISCHE SPIELE Schades größer Erfolg war die Bronzemedaille 1952 bei den Olympischen Spielen in Helsinki. Mit dem Mann, der damals Gold holte, Emil Zátopek, war Schade ein Leben lang befreundet.

Ende der 50er ereilte in Sachen Ausweis und Sport schließlich auch einen bekannten Solinger Sportjournalisten, den ST-Olympia-Reporter und späteren Lokalredakteur Wolfgang Koch, ein vergleichbares Schicksal. Bei den Sommerspielen von Rom teilte er sich 1960 mit dem niederrheinischen Kollegen Theo Janssen die Berichterstattung, aber als Koch zur „Halbzeit“ eintraf, ging die „Wachablösung“ in der chaotischen Organisation des Pressezentrums daneben. Es war unmöglich, im offiziellen Olympiapass den Namen Janssen gegen Koch auszutauschen, so dass der Solinger Reporter endlich entnervt mit dem Ausweis von Theo Janssen weiter berichtete. Des Risikos der Entdeckung war Koch sich bewusst, „unsere Ähnlichkeit war etwa so groß wie die zwischen einem Fahrrad und einer elektrischen Waschmaschine“. Janssen war überdies erkennbar älter, aber mit einer großen Sonnenbrille und energischem Auftreten zog der Rom-Berichterstatter durch die Arenen. Am vorletzten Tag der Spiele erwischte es ihn dennoch in den Thermen des Caracalla: Ein Kontrolleur misstraute dem Pass, rief sofort die Polizei, Koch wurde dort eine Stunde lang verhört, am Ende wurde sein Olympia-Pass eingezogen.

Die ST-Leser mussten trotzdem nicht auf die Eindrücke des Redakteurs verzichten: Koch schaffte es auch ohne Akkreditierung zum Konstantinsbogen, Ziel des Marathonlaufs, und wurde Augenzeuge, „als Bikila Abebe, der Leibwächter des Kaisers von Äthiopien, barfüßig als Erster durchs Ziel lief“. Wie er das ohne Ausweis überhaupt schaffte, das verriet der Mann fürs Tageblatt selbstverständlich nicht. Berufsgeheimnis eben.

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