Die Woche von Stefan M. Kob

Das Land blickt fasziniert auf den Digitalprimus Solingen

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stefan.kob@solinger-tageblatt.de

Als Außenstehender muss man fast den Eindruck haben, dass wir hier in Solingen der digitale Primus im Lande sind.

Solingen. Das sind doch mal beeindruckende Zahlen: 91 Prozent der Schüler nutzen im Unterricht täglich digitale Medien. Jede Schule verfügt über ein stabiles Wlan-Netz. 97 von 100 Schülern tauschen sich über digitale Lernplattformen aus. Das Klassenbuch, Noten, Fehlzeiten, Hausarbeiten – alles läuft digital. Warum nur gibt es denn dann diese unsägliche Diskussion über die Probleme beim digitalen Unterricht? Weil diese Zahlen, ermittelt durch die internationale Vergleichsstudie ICILS, die Lage der Weltwirtschaftsmacht Dänemark widerspiegeln. Da kann der digitale Zwerg Deutschland natürlich nicht mithalten. Nicht, dass die deutsche Jugend keine digitalen Medien nutzte. Nur halt nicht im Unterricht. Oder, präziser gesagt: nicht für den Unterricht. Hierzulande tun das nämlich gerade einmal vier Prozent täglich. Daher ist der Streit über den „Solinger Weg”, ob man halbe Klassen wechselweise ins Homeschool-Office schickt, ziemlich einmalig deutsch. Er offenbart ein unfassbares Staatsversagen in einem Bereich, der als mit Abstand wichtigste Voraussetzung für unseren Wohlstand gesehen wird: die Bildung.

Wenn dieses Virus aber auch nur etwas Gutes bewirkt, dann das: Es zwingt uns gnadenlos zur Aufholjagd, die nicht einfach wird. Der unerschrockene Gesamtschulleiter Andreas Tempel, der bei der bockigen Landesregierung mutig das Recht erstritt, drei Tage auf dem „Solinger Weg” zu gehen, hat gezeigt, dass längst nicht alles klappt. Es fehlt noch viel: fertig eingerichtete Endgeräte, kompetente Fachkräfte, Programme oder auch Breitbandanschlüsse. War das Veto des Landes also richtig? Das Gegenteil ist der Fall. Wenn man nicht irgendwann loslegt und ausprobiert, wird man Schwachstellen nie offenlegen. Wir können noch Jahre an Konzepten tüfteln, Endgeräte anschaffen, Lehrer schulen – allein die Praxis wird uns gnadenlos aufzeigen, wo verbessert und nachgesteuert werden muss.

Natürlich dürfen unsere Kinder keine Versuchskaninchen sein. Aber wenn man der Kanzlerin folgt (im Gegensatz zu den zaudernden Länderchefs), werden die weiter steigenden Infektionszahlen die Schüler bald ohnehin flächendeckend in die Quarantäne zwingen. Was ist dann genau besser gegenüber dem vielleicht unvollkommenen Solinger Modell, das ja den Präsenzunterricht so lange wie möglich gewährleisten will?

Immerhin bringt der Streit die widerborstigen Solinger bundesweit positiv in die Schlagzeilen: Das Heute-Journal interviewt den Oberbürgermeister, die überregionale Presse von FAZ bis TAZ blickt interessiert gen Klingenstadt. Mehr Imagewerbung geht kaum. Oder doch? Dass der US-Riese IBM dem Solinger Gründer Mirko Novakovic seine IT-Schmiede Instana für mutmaßlich mehrere hundert Millionen Dollar abkaufte, sorgte ebenfalls in dieser Woche für erhebliches Aufsehen in der Republik. Das ist einer der größten IT-Deals der Geschichte des Wirtschaftsstandort Deutschland. Als Außenstehender muss man fast den Eindruck haben, dass wir hier in Solingen der digitale Primus im Lande sind. Was ja eigentlich gar nicht stimmt. Aber so falsch wiederum auch nicht ist.

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