Krankenhaus

So ist die Lage in der Notaufnahme der Solinger Kliniken

ZNA-Chefarzt Dr. Patric Tralls im Schockraum des Klinikums, wo schwerverletzte Notfälle versorgt werden.
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ZNA-Chefarzt Dr. Patric Tralls im Schockraum des Klinikums, wo schwerverletzte Notfälle versorgt werden.

Verletzte sollen schnell behandelt werden. Aber auch in den Kliniken gibt es Personalausfälle und unkalkulierbare Situationen. Ein Ampelsystem soll die Lage zeigen, damit Patienten in die richtige Klinik gefahren werden können.

Von Simone Theyßen-Speich

Solingen. Wenn es bei einem medizinischen Notfall um Sekunden geht, dann müssen Rettungsdienst und Notaufnahme Hand in Hand gehen. Deshalb war die Verwunderung eines ST-Lesers groß, dass Verletzte aus Solingen teilweise den weiteren Weg in Kliniken der Nachbarstädte gebracht werden.

Dass sich die Solinger Krankenhäuser wegen kompletter Überlastung beim Rettungsdienst von der Notaufnahme abmelden, sei die totale Ausnahme, erklärt Stefan Nippes, Leiter der Operativen Dienste beim DRK-Kreisverband. Das DRK übernimmt mit Feuerwehr, Maltesern, Johannitern und Arbeiter-Samariter-Bund die Rettungswagenfahrten.

Tatsächlich gebe es aber immer wieder Engpässe in den Kliniken. Corona-Ausfälle beim Personal und steigende Zahlen von Notfällen sind oft schwer zu kalkulieren. Um schon bei der Anfahrt des Rettungswagens zu wissen, welches Krankenhaus welche Kapazitäten hat, wurde vergangenes Jahr ein Ampel-System des Landes auch in den Solinger Kliniken eingeführt, erklärt Michael Pölcher, Rettungsdienstleiter in der Feuerwehr-Leitstelle, wo die Einsätze koordiniert werden.

„Dabei schicken die Krankenhäuser Betten-Nachweise in die Leitstelle, das Programm erstellt daraus ein Ampel-System“, erklärt Pölcher. Bei einer roten Ampel wissen die Retter, dass Betten belegt sind, bei Grün, dass noch Kapazitäten frei sind. „In das System kann man nicht nur aus Solingen hineinschauen, sondern auch etwa aus dem Kreis Mettmann, von wo aus ja auch Solinger Krankenhäuser angefahren werden.“

Ganz klar sei aber: „Auch wenn das System Rot zeigt, müssen Solinger Patienten im Krankenhaus für eine Notfall-Erstversorgung aufgenommen und dann eventuell weiterverlegt werden“, betont Michael Pölcher. Aber beispielsweise Wunschpatienten aus den Nachbarstädten gehörten dann erstmal in ihre eigenen Krankenhäuser.

Ziel der Feuerwehr ist es, „vor die Lage zu kommen“

Die Feuerwehr-Leitstelle stehe in ständigem Kontakt mit den Kliniken, um Notfall-Ströme zu steuern und die Überlastung der einzelnen Notaufnahmen zu verhindern. Die Strategie der Feuerwehr sei dabei, „vor die Lage zu kommen“. „Deshalb fahren auch die Solinger Rettungswagen teilweise in Nachbarstädte, wenn es hier eng wird“, sagt Pölcher.

Das sei aber auch immer abhängig von der Schwere des Notfalls. „Ein klassischer Herzinfarkt geht sofort ins Klinikum mit seinem Herzkatheterlabor, ein Schlaganfall-Patient in Ohligs in die Stroke-Unit der St. Lukas Klinik. Andere nicht so schwer verletzte oder erkrankte Patienten werden dann schon mal je nach Ort des Einsatzes von Ohligs in Kliniken nach Hilden oder Langenfeld, von Gräfrath nach Wuppertal oder von Burg nach Wermelskirchen gebracht.

Engpassmeldungen in Kliniken seien kein Solinger Problem, bestätigt auch Dr. Patric Tralls, Chefarzt der Zentralen Notfallambulanz (ZNA) am Klinikum. Dort werden derzeit 10 bis 15 Prozent mehr Patientenkontakte im Vergleich zu 2019 verzeichnet. „Neben der Zunahme von älteren Menschen mit Mehrfacherkrankungen ist auch die große Zahl von akuten Behandlungen von Krankheiten, die in der Pandemie verschleppt wurden, auffällig. Anders als vor der Pandemie werden wir aktuell von vielen kranken bis schwerkranken Patienten aufgesucht. Derzeit ist es keine Seltenheit, dass mehrere Dutzend Patienten in kurzer Zeit eintreffen und versorgt werden müssen“, berichtet Tralls.

Hauptproblem für die Engpässe seien nicht der Personalmangel, sondern die Corona-Auswirkungen auf das vorhandene Klinikpersonal. „Die Einhaltung der strengen Hygieneregeln erschwert deutlich das Arbeiten. So kommt es zu Verzögerungen bei den Entlassungen, während in der Notaufnahme Patienten auf die stationäre Aufnahme warten“, erklärt Tralls den Engpass.

Man mache sich die Entscheidung über eine Engpassmeldung nicht leicht, bestätigt Dr. Thomas Standl, Medizinischer Direktor des Klinikums. „Wenn sich aber abzeichnet, dass im Akutfall nicht alle notwendigen Maßnahmen ergriffen werden können, ist es ein Weg, die Versorgung an einem anderen Standort zu sichern.“ Die Engpassmeldungen am Klinikum beliefen sich auf zwei bis drei Prozent der Rund-um-die-Uhr-Betriebszeit.

Auch die St. Lukas Klinik, die ebenfalls in das Betten-Meldesystem eingebunden ist, bestätigt, dass Engpassmeldungen der Notaufnahme selten seien. „Mit Blick auf die Pandemie gibt es aber noch keine Entspannung in den Krankenhäusern“, so Kplus-Sprecherin Lisa Tamms. „Die Zahl an stationären Patienten und die Krankenquote der Fachkräfte sind im Herbst wieder deutlich gestiegen.“

Rettungsdienst

Rettungsdienst: Fahrten übernehmen: Feuerwehr, Deutsches Rotes Kreuz, Malteser, Johanniter und Arbeiter Samariterbund.

Notarzt: Notärzte sind am Klinikum stationiert, werden von dort im Einsatzfall abgeholt und treffen im „Rendezvous-Prinzip“ vor Ort auf das Rettungswagen-Team.

Standpunkt von Simone Theyßen-Speich: Abwägen ist schwierig

simone.theyssen-speich@solinger-tageblatt.de

Mehrfach haben wir in der Vergangenheit auch an dieser Stelle kritisiert, dass Menschen, die eigentlich beim niedergelassenen Arzt behandelt werden könnten, aus Bequemlichkeit abends oder an den Wochenenden auch mit weniger schweren Erkrankungen die Notaufnahmen der Krankenhäuser belasten.

Auf der anderen Seite stellen Ärzte jetzt vermehrt fest, dass Patienten während der Coronazeit auf eigentlich notwendige Behandlungen verzichtet haben. Diese verschleppten und verschlimmerten Erkrankungen tauchen jetzt vermehrt in den Kliniken auf und sorgen dort für weitere Engpässe. Es bleibt also eine schwierige Abwägung.

Natürlich steht das Gesundheitssystem an 365 Tagen im Jahr rund um die Uhr zur Verfügung, um Patienten bei Notfällen zu helfen. Und diese Notfälle sollten auch nicht zögern, das Angebot zu nutzen. Das funktioniert aber nur dann, wenn es nicht von anderen, denen mit etwas Wartezeit auch in der Praxis geholfen werden könnte, blockiert wird.

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