Interview mit dem alten und neuen OB

Kurzbach über Perspektiven: „Ball liegt auf dem Elfmeterpunkt“

Am Tag nach der Wiederwahl stellte sich OB Tim Kurzbach den ST-Fragen. Foto: Christian Beier
+
Am Tag nach der Wiederwahl stellte sich OB Tim Kurzbach den ST-Fragen.

Der wiedergewählte Oberbürgermeister Tim Kurzbach betont die Perspektiven Solingens als wachsende Stadt

Das Interview führte Andreas Tews

Herr Kurzbach, am Wahlabend haben Sie kräftig gefeiert. Tags darauf sind Sie wieder im Büro. Geht die Arbeit direkt weiter? Und was gehen Sie als Nächstes an?

Tim Kurzbach: Das Schöne ist, dass wir unmittelbar weiterarbeiten können und keine Stichwahl haben. Es geht jetzt darum, die großen Transformationsprozesse, die wir angestoßen haben, weiterzuführen. Das ist die Stadtentwicklung in Ohligs, diese Woche haben wir noch einen Termin, um das Walder Stadtentwicklungsprogramm auf die Bahn zu bringen, und auch für die Innenstadt stehen in dieser Woche wieder Gespräche an. Auch Projekte wie die Digitalisierung der Schulen kosten nach wie vor viel Kraft.

Ein großes Thema für die Menschen ist der Verkehr. Wie sehen Sie hier die Solinger Zukunft?

Kurzbach: Ich hoffe, dass wir uns jetzt, da der Wahlkampf vorbei ist, mit den Verantwortlichen aller demokratischen Parteien auch zum großen Thema Verkehr zusammensetzen können. Wir brauchen Lösungen für die nächsten fünf bis zehn Jahre. Das Zurückblicken hilft keinem weiter. Es braucht eine politische, aber auch eine fachliche Diskussion.

Brauchen wir mehr Straßen, mehr Radwege, mehr Busse – oder von allem etwas?

Kurzbach: Klar ist, dass es neben dem Individualverkehr auch mehr Ressourcen für den Öffentlichen Personennahverkehr – hier meine ich Bus und Bahn – geben muss. Wir werden das Projekt eines Bahnhaltepunktes Meigen genauso engagiert verfolgen wie das dritte Bahngleis nach Köln und den Abzweig nach Remscheid. Außerdem geht der Trend eindeutig zu mehr Radverkehr. Dies setzt sich fort, und wir sind gut beraten, mehr Raum für Fahrradfahrer zu schaffen. Auch müssen wir uns mit dem Thema autonomes Fahren befassen. Das Quartier Ohligs-Ost habe ich für ein Smart-City-Projekt der Metropolregion angemeldet. Für Elektromobilität bauen wir nach wie vor die Ladesäulen-Infrastruktur aus. Natürlich müssen wir den Individualverkehr neu organisieren. Auch da ist klar: In einer wachsenden Stadt muss das gesteuert werden. Wir brauchen eine Verkehrswende, wie wir es mit Rot und Grün vor der Wahl versprochen haben. Wir müssen alles aus der Perspektive einer wachsenden Stadt heraus betrachten. Das muss vielen noch klar werden.

Wir sprechen hier von strategischer Planung, die Sie in vielen Bereichen in Ihr direktes Umfeld im Rathaus geholt haben. Ist der Umbau des OB-Büros abgeschlossen?

Kurzbach: Eine Stadtverwaltung muss immer auf strategische Herausforderungen reagieren. Wenn wir zum Beispiel das Thema Digitalisierung nicht unmittelbar hier im Bereich der Spitze der Verwaltung organisiert hätten, dann wären wir heute nicht die Spitze von NRW, wie FDP-Ministerin Yvonne Gebauer es gesagt hat. Bei einer Verantwortung für etwa 3000 Mitarbeiter in der Verwaltung kann ein Oberbürgermeister nicht alles selber machen. Aber bestimmte Aufgaben müssen wir zentral organisieren. Der letzte Baustein war zunächst einmal die Etablierung der Stadtentwicklungsgesellschaft, weil die eine Schlüsselrolle in der wachsenden Stadt spielen wird. Denn der Markt alleine regelt es nicht. Das haben wir bei der Gestaltung der Innenstadt gemerkt.

Das Thema Offene Ganztagsschule, bei dem vieles nicht glatt läuft, gehört ja auch zur strategischen Planung. Müssen Sie auch dies mehr an sich ziehen? Hier werfen Ihnen Kritiker vor, dass Sie sich heraushalten, wenn es haarig wird.

Kurzbach: Ich glaube, den Vorwurf kann man mir nicht machen. Gerade in den vergangenen Wochen hatten wir viele Situationen, die mich enorm herausgefordert haben und die auch physisch und psychisch alles von mir gefordert haben. Fest steht aber auch: Wir haben einen hervorragenden Verwaltungsvorstand. Deswegen ist es gut, dass wir hier in einem klaren Teamwork arbeiten können. Ein OB hat auch nach seiner Wiederwahl keine Tage, die mehr als 24 Stunden haben. Darum werden wir auch in Zukunft im Rathaus im Team mit vielen Verantwortlichen weiterarbeiten.

Im neuen Stadtrat müssen Sie wieder Mehrheiten suchen. Wird das komplizierter als bisher?

Kurzbach: Es geht im Rat um das Schicksal der Stadt. Ein Stadtrat hat die Verantwortung, eine Stadt voranzubringen. Ich werde mich auch in Zukunft mit allen demokratischen Kräften an einen Tisch setzen, und wir werden gemeinsam um den besten Weg ringen. Die Menschen fragen danach, ob ihnen geholfen wird und nicht, ob eine Idee von CDU, SPD, Grünen oder einer anderen Partei stammt. Den demokratischen Kräften ist es in den vergangenen fünf Jahren gut gelungen, unsere Stadt gemeinsam voranzubringen. Ich vertraue darauf, dass die Menschen, die sich für den Rat haben aufstellen lassen, dieser Verantwortung auch gerecht werden. Auch mit Menschen außerhalb des Rates werden wir zusammenarbeiten, um diese wachsende Stadt zu entwickeln.

Wo soll Solingen in fünf Jahren stehen?

Kurzbach: Ich wünsche mir, dass wir die großartige Perspektive einer wachsenden Stadt genutzt haben werden. Der Ball liegt auf dem Elfmeterpunkt, und ich wünsche mir, dass wir diesen Ball ganz eindeutig im Netz versenken. Und zwar so, dass auch unsere Kinder in einer nachhaltigen Stadt leben. Wenn uns dies gelingt, wird sich der Blick auf unsere Stadt deutlich verändern. Wer einmal daran schnuppern möchte, was alles möglich ist, der soll sich nur einmal anschauen, was sich in Ohligs in den vergangenen fünf Jahren getan hat. Ähnliches lässt sich auch für Wald und die Innenstadt bewegen.

Zur Person

Oberbürgermeister:  Tim Kurzbach wurde als Kandidat von SPD und Grünen am Sonntag mit 55,3 Prozent der Stimmen im Amt bestätigt. Im neuen Stadtrat hat er es mit neun Fraktionen und Gruppierungen zu tun.

Politik: Kurzbach ist seit 2015 Solinger Oberbürgermeister. Zuvor war er Fraktionsvorsitzender der SPD im Stadtrat.

Privat: Kurzbach ist 42 Jahre alt, verheiratet und Vater zweier Kinder.

Über die Mehrheitsverhältnisse im neuen Stadtrat lesen Sie hier mehr: Solingen: Fraktionen kündigen Zusammenarbeit an

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesen

Kripo-Chef sieht Solingen als eine Hauptwirkungsstätte krimineller Familienclans
Kripo-Chef sieht Solingen als eine Hauptwirkungsstätte krimineller Familienclans
Kripo-Chef sieht Solingen als eine Hauptwirkungsstätte krimineller Familienclans
Corona: Solingen weiter mit landesweit höchsten Wert
Corona: Solingen weiter mit landesweit höchsten Wert
Corona: Solingen weiter mit landesweit höchsten Wert
Brückensteig: Die Kletterer gehen an den Start
Brückensteig: Die Kletterer gehen an den Start
Brückensteig: Die Kletterer gehen an den Start
Nach dem Hochwasser kehrt der Alltag nicht zurück
Nach dem Hochwasser kehrt der Alltag nicht zurück
Nach dem Hochwasser kehrt der Alltag nicht zurück

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Kommentare