Aktion

Kunstverein will Nazi-Denkmal in Höhscheid verwandeln

Das von den Nazis geschaffene Ehrenmal auf dem Peter-Höfer-Platz wird am Sonntag verhüllt und zum Opfer-Mahnmal.
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Das von den Nazis geschaffene Ehrenmal auf dem Peter-Höfer-Platz wird am Sonntag verhüllt und zum Opfer-Mahnmal.

Am Sonntag, 4. September, wird das Stratmann-Werk auf dem Peter-Höfer-Platz in Höhscheid verhüllt.

Von Philipp Müller

Solingen. Es steht mitten unter uns, ein von den Nazis 1937 erschaffenes „Ehrenmal“ auf dem Peter-Höfer-Platz in Höhscheid. Der Solinger Kunstverein will auf die Entstehung der Skulptur am Sonntag, 4. September, ab 11 Uhr mit der Kunstaktion „Die Verwandlung“ aufmerksam machen. Die Künstlergruppe „Ester“ wird das kriegsverherrlichende Denkmal mit Leinentüchern verhüllen und anschließend mit blutroter Farbe bemalen. Holzkreuze, die durch die Zuschauenden aufgestellt werden, sollen dann zusammen mit dem verwandelten Kunstwerk an die Nazigräuel und deren Opfer erinnern.

„Spuren des Nazi-Künstlers bedürfen der Aufarbeitung.“

Solinger Kunstverein

Bis 1937 stand auf dem Platz eine Plastik von Kaiser Wilhelm I., dem auch die Müngstener Brücke gewidmet ist. Nach Angaben des Kunstvereins wurde die Statue 1937 entfernt und steht heute in einem privaten Garten. Denn die Höhscheider Nazis hatten für den Ort etwas anderes im Sinn.

Sie beauftragten den Bildhauer Harry Stratmann, ein späteres NSDAP-Mitglied, ein den Krieg verherrlichendes sogenanntes „Ehrenmal“ zu entwerfen, für dessen Errichtung am 16. Januar 1937 der Grundstein gelegt worden war. Am 23. Mai 1937 wurde das neue Denkmal schließlich enthüllt. „Die Spuren des Nazi-Künstlers in Solingen bedürfen der künstlerischen Aufarbeitung“, betont der Kunstverein, der seit 30 Jahren existiert.

Die Verhüllungsaktion am Sonntagvormittag habe auch das Ziel, mit den Bürgern ins Gespräch zu kommen, ob es ausreichend sei, in Sachen Erinnerungskultur die Nazi-Plastik einfach stehen zu lassen. Der Verein selbst sieht das nämlich anders. Er fordert nicht den Abriss, aber, „dass das Denkmal gut sichtbar kommentiert – mit entsprechenden Erklärungen und Hinweisen – zur Aufklärung, demokratischer Bildung und gewünschter Politisierung beitragen kann“. Eine Sicht, die der Leiter des Stadtarchivs, der Historiker Ralf Rogge, richtig findet: „Darauf aufmerksam machen, sich damit auseinanderzusetzen ist viel wert und besser, als das Denkmal abzureißen.“ Kurze Erklärungen am Ort fände er gut mit einem QR-Code, der auf ausführliche Erklärungen im Internet führt.

Die Auseinandersetzung mit der Geschichte ist in Solingen in der Form gar nicht neu. Der heutige Walder Marktplatz hieß einst Hindenburg-Platz. Der Reichspräsident der Weimarer Republik, Paul von Hindenburg, gilt als Steigbügelhalter für die Machtübernahme der Nazis am 20. Januar 1933 und bremste auch ihren Aufstieg sowie die Beugung sämtlicher Verfassungsrechte nebst deren teilweiser Abschaffung durch die Hitler-Clique nicht aus.

Die Umbenennung des Platzes hatte in der Solinger Stadtgesellschaft eine längere Debatte ausgelöst, an deren Ende die politischen Beschlüsse standen, den Platz umzubenennen.

Der Kunstverein sieht die Aktion, die den Titel „Die Verwandlung“ trägt, als eine konsequente Fortsetzung frühere Aktionen, Kunst als politisches Instrument einzusetzen. Andreas Schäfer, der 2. Vorsitzende des Kunstvereins, zählt auf: „2018 wurde die in der Pogromnacht 1938 vernichtete Synagoge zusammen mit der Kunsthochschule für Medien, Köln, in 3D wieder sichtbar gemacht. 2020 wurde mit der Künstlerin Daniela Baumann an das Ende des Zweiten Weltkriegs erinnert. Der Kontakt zu der Gruppe Ester kam über den Maler René Böll zustande, dessen Arbeiten der Solinger Kunstverein 2016 in einer Ausstellung zeigte.“

Die Gruppe der Künstlerinnen und Künstler trage den Namen Ester in Anlehnung an eine biblische Überlieferung, erklärt der Kunstverein: „Die biblische Erzählung im Buch Ester beschreibt die Umkehrung eines geplanten Genozids, Völkermords, an den Juden im persischen Reich: Ester verhindert das Massaker an den Juden. Zur Erinnerung an ihre Rettung durch Ester feiern die Juden das Purimfest.“

Daran orientiert sich dann auch die Kunstaktion am Sonntag, die aus dem gewaltverherrlichenden Stratmann-Werk ein temporäres Mahnmal für die Opfer der Nazi-Diktatur macht. Wie Schäfer erklärt, treten die beiden ausführenden Künstlerinnen unter dem Ester-Pseudonym auf, weil sie Anfeindung durch rechte Kreise ausgesetzt sind.

Programm

Umrahmt wird die Aktion durch Musik von Kutlu Yurtseven, der sich als Pädagoge, Aktivist, Rapper und Schauspieler auch einen Namen als politischer, antifaschistischer Künstler gemacht hat. Während der Verwandlung werde mit einem Megafon als „Weg-zeichen“ aus dem Gedichtband „Am Rand unserer Lebenszeit“ von Erich Fried vorgelesen, teilt der Kunstverein mit und kündigt an, dass zudem Bandaufnahmen der kürzlich verstorbenen KZ-Überlebenden Esther Bejarano zu hören sein werden.

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