Für Kinder von 9 bis 12 Jahren

Kinderbuch erzählt das Leben eines jüdischen Mädchens zur Zeit des Nationalsozialismus

„Wer rettet Bella?“ wurde von Gabriele Bergfeld (v. l.), Christina Schulz zur Wiesch und Corinna Maßmann geschrieben, Daniela Tobias vertritt die Herausgeber.
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„Wer rettet Bella?“ wurde von Gabriele Bergfeld (v. l.), Christina Schulz zur Wiesch und Corinna Maßmann geschrieben, Daniela Tobias vertritt die Herausgeber.

„Wer rettet Bella“ ist neu erschienen. Geschrieben wurde das Buch von Solingerinnen.

Von Andreas Erdmann

Solingen. Das jetzt erschienene Kinderbuch „Wer rettet Bella?“ erinnert auf bewegende Weise an eine jüdische Kindheit in Solingen zur Zeit des Nationalsozialismus. Die erzählte Geschichte beruht auf den Memoiren von Bella Tabak Altura, die als Tochter des Ehepaars Sally und Rosa Tabak 1931 in Solingen geboren wurde. Damals betrieb die Familie ein Möbelgeschäft an der Tivolistraße in Nähe des Ufergartens.

Geschrieben wurde das Buch von den Solinger Religionslehrerinnen Gabriele Bergfeld, Corinna Maßmann und Christina Schulz zur Wiesch. Schülerin Alida Schmidt hat die Kapitel eindrucksvoll illustriert, wobei die Bilder im Rahmen eines von Corinna Maßmann begleiteten Schulprojekts am Technischen Berufskolleg entstanden. Zudem unterstreichen Familienfotos von Bella Tabak Altura die Geschichte. „Der Band ist für Kinder im Alter von 9 bis 12 Jahren geeignet“, erklärt Gabriele Bergfeld. „Konzipiert wurde es als Schullektüre für den Religions-, Philosophie- und Deutschunterricht in Grund- und Förderschulen, aber auch für fächerübergreifende Projekte.“

Didaktische Begleitmaterialien für die Lehrkräfte ergänzen den Band. „Dazu gehört eine Box mit einem Satz von 108 Impulskarten mit Fragen, zum Beispiel zum Judentum, zur Familie Tabak oder zu den historischen Hintergründen“, führt Christina Schulz zur Wiesch aus.

Manche Schilderung geht unter die Haut. „Bis heute traumatisch für Bella war die Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938“, berichtet Corinna Maßmann. Als Nazi-Schergen ihre Wohnung an der Johannisstraße überfielen, war Vater Sally mit der siebenjährigen Tochter Bella und dem Kindermädchen allein. Er wurde auf die Straße geprügelt, halb totgeschlagen. „Ich schrie laut auf und wollte mich zwischen die Schläger und meinen Vater stellen“, berichtete Bella Tabak später. „Die SS-Männer drehten sich zu mir um und brüllten: Sei still, du dreckiges Judengör, sonst schlagen wir dich auch!“ Die Nacht verbrachte das Kind, bibbernd vor Angst, neben ihrem vor Schmerzen wimmernden Vater im Stadtgefängnis an der Potsdamer Straße. Es begann eine Odyssee von Belgien über Frankreich in die Schweiz, wo die Familie getrennt wurde. 1947 konnten die Tabaks endlich gemeinsam in die USA emigrieren. „Schließlich wird alles gut. Es war uns wichtig, eine Hoffnungsgeschichte zu schreiben“, sagte Gabriele Bergfeld.

„Dieses Buch ist ein wichtiger Beitrag zur frühen Friedenserziehung“, sagte Horst Sassin, der das Buch lektorierte. „Wir hatten, was die Thematik der Judenverfolgung in der Nazizeit betrifft, für diese Altersgruppe bislang gar kein Lehrmaterial.“ Es sei wichtig, Kindern früh demokratisches Handeln, Empathie und Menschlichkeit zu vermitteln, betonen die drei: „Das Wort Jude darf auf dem Schulhof kein Schimpfwort mehr sein.“

Anfangs sei sie skeptisch gewesen, ob eine wahrheitsgetreue Darstellung für Kinder geeignet ist, betont Alida Schmidt. „Jetzt bin ich überzeugt, dass gerade Kinder verstehen wollen, was damals passierte und ihre Sichtweise an Verwandte und Freunde weitergeben.“ „Wir hoffen, mit diesem Buch den Wunsch von Bella Tabak erfüllen zu können, von ihrem Schicksal zu berichten“, erklärt Daniela Tobias vom Solinger Max-Leven-Zentrum als Herausgeber von „Wer rettet Bella?“. Tobias hat Bella Tabak Altura im Herbst 2019 in Florida besucht.

Die Erstauflage des Buchs umfasst 1600 Exemplare. Die 1200 kostenlosen Bände für Schulen wurden durch Mittel aus dem Bundesprogramm „Demokratie Leben“ ermöglicht, unterstützt von Lions Club, GEW, evangelischem Kirchenkreis und der Walbusch-Jugendstiftung.

Stadtrundgang zum Bella-Buch

Termin: Am 9. November findet ein Rundgang für Familien zur Kindheitsgeschichte von Bella Tabak statt. Die etwa 90-minütige Führung startet um 17 Uhr vor dem Pavillon der Stadtwerke Solingen am Neumarkt. Sie führt zu den Orten, an denen Bella von 1931 bis 1938 gelebt hat. Die Teilnahme ist kostenlos. Anmeldung unter: info@max-leven-zentrum.de

Buch: Erschienen ist der Hardcover-Band im Bergischen Verlag und ist unter der ISBN 978-3-96847-040-5 für 14 Euro erhältlich.

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