Ausstellung

Cartoonist Marcus Gottfried liebt das Absurde

Marcus Gottfried zeichnet und textet seine Cartoons ganz ohne Tabus. Damit eckt er bewusst an.
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Marcus Gottfried zeichnet und textet seine Cartoons ganz ohne Tabus. Damit eckt er bewusst an.

In der Galerie SK im Südpark sind 45 gemalte Witze und Kurzgeschichten von Marcus Gottfried zu sehen.

Von Philipp Müller

Solingen. Dem Polizisten in der Eingangstür bietet sich ein wildes Bild: Eine Frau liegt offensichtlich nach einer Gewalttat bewusstlos vor einer Kommode. Im zitierten Polizeibericht würde jetzt im Solinger Tageblatt von Festnahme und vielem mehr berichtet. Beim Karikaturisten Marcus Gottfried geht die Geschichte anders aus, wie man ab Sonntag in der Galerie SK um 15 Uhr sehen kann. Der Ehemann beschwichtigt: „Keine häusliche Gewalt! Es handelt sich um einen familiären Stabilisierungsauftrag!“ Wenn das erste Lachen tief im Hals steckengeblieben ist, muss der Tabubruch verarbeitet werden. Und wem selbst „die Hand ausrutscht“, der wird sich erwischt fühlen. Das ist brutaler Humor, den der 60-jährige Solinger präsentiert. Doch der humoristische Schlag mit der Moral als Auffangnetz ist Gottfrieds Methode. Das mag anarchistisch wirken, ist es auch. Am Ende verzeiht man ihm mit einem Augenzwinkern aber alle Grenzüberschreitungen.

Ausstellungen wie in der Galerie SK sind für Gottfried selten. Doch ist er meist in der jährlichen Schau zum Deutschen Karikaturenpreis dabei.

Der Verein der Solinger Künstler hat Gottfried zur Ausstellung in seine Galerie im Südpark eingeladen. „Das ist wie ein Kindergeburtstag für mich“, freut sich der Solinger. Kindergeburtstag aus zwei Gründen. Sein Kind im Manne wurde im November 60 Jahre alt. Und er kann seine gezeichneten Kinder einmal solo ausstellen. Denn normalerweise werden Karikaturisten meist nur in Sammelausstellungen präsentiert, weiß er zu berichten. So hat er 45 seiner „Kinder“ herausgesucht, fein in Rahmen herausgeputzt und in Reih' und Glied aufgehängt, um sie doch den ganz schrägen Humor hoch leben zu lassen.

„Ich werde jeden Sonntag in der Ausstellung sein und freue mich, wenn gelacht wird“, sagt er. Denn in der Regel erfährt er kaum Reaktionen auf seine gemalten Witze und Pointen. Sie erscheinen sonst meist nur in Tageszeitungen, ohne dass Gottfried weiß, wie sie auf die Leserschaft wirken.

Bundesweit bietet der Solinger seine Cartoons Verlagen und Tageszeitungen an. Da herrscht oft Zeitdruck.

Thematisch ist die Ausstellung dreigeteilt. Marcus Gottfried hat Arbeiten der vergangenen fünf Jahre dafür gesichtet. „Das war echt schwer, sich zu entscheiden, denn ich zeichne rund 500 Cartoons pro Jahr.“ Im Obergeschoss sind Karikaturen zu sehen. Diese hätten immer einen politischen Hintergrund, betont der Zeichner. Dabei dreht sich fast alles um Corona. Im Untergeschoss der Galerie SK sind als zweiter Schwerpunkt die gesellschaftlichen Missstände zu sehen, die er aufgreift. Dazu gesellen sich als dritter Aspekt humoristische Betrachtungen aus dem menschlichen Miteinander. Die bezeichnet er als Cartoons, das sei auch der internationale Oberbegriff für die gezeichneten Witze. Und tagesaktuelle Arbeiten hat er bewusst nicht ausgewählt. „Da wissen wir schnell nicht mehr, was eigentlich gemeint war.“

Als „Neunte Kunst“ wird die Welt der Karikaturen auch bezeichnet. Die entsteht bei Gottfried übrigens digital. Natürlich zeichnet der PC nicht selbst mittels künstlicher Intelligenz. Gottfried nutzt ein Programm für ein iPad, auf dem er real zeichnet, verschiedene Ebenen anlegen kann und so schneller zum Ziel kommt als auf Papier.

Denn Geschwindigkeit ist in der Branche wichtig. Morgens steht das Thema für den Cartoon fest, um 13 Uhr muss die Zeichnung in den Redaktionen sein, damit sie überhaupt gedruckt werden. Nach dem Gießkannenprinzip verteilt er täglich seine Werke an alle Verlage. Doch der Erfolg ist nicht garantiert. „Es sind so um die 50 Kolleginnen und Kollegen, mit denen ich in Konkurrenz stehe“, berichtet Gottfried. Davon leben sei deshalb sehr schwierig. Er hatte es versucht, fuhr nebenher Taxi. Doch heute ist er froh, einen festen Job als ausgebildeter Rettungssanitäter beim Roten Kreuz zu haben.

Bis zu 500 Cartoons produziert der Solinger Karikaturist Marcus Gottfried im Jahr. Dazu nutzt er einen Tablet-Computer.

Doch das Beklagen ist überhaupt nicht seine Welt. Denn er müsse ständig aufmerksam sein, das bekannte er schon vor zwei Jahren gegenüber dem Tageblatt. Der Grund: „In jeder Alltagssituation steckt eine Karikatur.“ Und doch entsteht auch viel im Kopf und in der Fantasie. Da ist etwa aus der Corona-Epoche der Stier in der Arena, der mit dem Zollstock die 1,5 Meter Abstand zum Torero misst. Genau, es geht auch manchmal sehr still in den Comics von Gottfried zu. Aber in der Regel gibt es voll auf die Humorfresse. Das gehe auch nicht anders, doziert er leidenschaftlich. Schon allein die gesprochenen Worte auf das Format Cartoon einzudampfen, ohne den Witz zu ruinieren, koste ihn oft mehr Kraft als die anschließende Zeichnung der Idee. Macht er gut.

Infos zur Schau

Seit 1992 zeichnet Marcus Gottfried Cartoons und Karikaturen. Mehrfach war er in der Endausscheidung für den Deutschen Karikaturenpreis, ist regelmäßig in der Ausstellung zum Preis vertreten. Er veröffentlicht Karikaturen und Comics in verschiedenen Tageszeitungen bundesweit. Einige seiner Werke zeigt er in sozialen Medien und unterhält eine eigene Homepage: marcus-gottfried.com

„Es ist nicht das, wonach es aussieht“, Galerie SK, Alexander-Coppel-Straße 44, Vernissage, Sonntag, 8. Januar, 15 Uhr, Laufzeit bis 5. Februar, mi. und do. 17 bis 19 Uhr, so. 11 bis 12 Uhr, 14 bis 17 Uhr

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