Bühne

Der Sitzungspräsident spielt mit Tabus

Ganz ohne Narrenkappe zieht der Sitzungspräsident neben Karneval viel Gesellschaftliches durch den Kakao, Pardon, Bier.
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Ganz ohne Narrenkappe zieht der Sitzungspräsident neben Karneval viel Gesellschaftliches durch den Kakao, Pardon, Bier.

Volker Weininger zeigte in der Cobra, warum er seine Wurzeln als Comedian im Kabarett hat.

Von Philipp Müller

Das ist er, „Der Sitzungspräsident“. Zu Applaus, mit Uniform und Narrenkappe betritt er die Bühne. Doch es folgt kein Pointen-Feuerwerk wie in den Karnevalssitzungen, aus denen Volker Weininger mit seiner Kunstfigur nicht wegzudenken ist. Der Präsident ist im Stress, gleich beginnt die Prinzenproklamation und er wartet auf die Meldung, wann die berühmte Kölner Band zu ihm nach Leverkusen-Schlebusch in die Halle der Karnevalsgesellschaft Raderdolle Spritköpp von 1493 kommt. Gut zwei Stunden lang überbrückt er vor rund 250 Zuschauern im Kulturzentrum an der Merscheider Straße die Zeit.

Zunächst nimmt er die Kappe ab und greift zum Kölsch. „Dat machen wir mal weg. Gibt ein kurzes Vergnügen.“ Und in einem Zug fließen die 0,2 Liter in Weiningers Schlund. Das wird er, wie in den Sitzungen, regelmäßig machen. Sein Markenzeichen ist auch Programm. Natürlich wird es um Alkohol gehen. Und er wird immer wieder lallend sein von der ersten Sekunde an begeistertes Publikum daran erinnern, dass der Gerstensaft der alles bestimmende Treibstoff seines Lebens ist. Denn das ist nicht einfach. Die Karnevalsgesellschaft ist komplett überaltert. Dem Karneval fehlt es an allen Ecken und Enden an Nachwuchs. Er selbst werde daher bis 2045, dann werde er 85 Jahre alt, im Amt bleiben. Vielleicht auch bis 90. Ach, es sei schon ein Kreuz, sein eigener Stellvertreter im Amt sei er mangels anderer Karnevalisten im Vorstand auch noch.

Weininger kommt ursprünglich vom Kabarett. Und dessen Techniken beherrscht er bei der Erstellung seiner Texte perfekt. Da ist die sogenannte Travestie. Das ist die Übertreibung des Alltags bis ins Absurde. Der Sitzungspräsident geht kegeln. Jeden Donnerstag. Von 9 bis 23 Uhr. Wie er dabei die Wirkung von Kölsch, Tequila und Doppelkorn auf die „Leistungsfähigkeit“ der Kegler bis hin zur Besinnungslosigkeit beschreibt, ist schon mehr als deftig. Aber das Verletzen von Tabus gehört eben dazu. Und er macht es mehr als charmant. Sicher nicht politisch korrekt, so dass Fans der Cancel Culture Angriffspunkt um Angriffspunkt finden. In Sachen Alkoholismus könnten Blaukreuzler anmahnen, er verharmlose alles durch die gnadenlose Übertreibung. Stimmt, das ist aber Weiningers Weg, gesellschaftliche Probleme anzusprechen.

Ein weiteres Beispiel der Grenzgänge des Sitzungspräsidenten: Der Fleischer im Dorf, groß, 140 Kilo schwer und Mann am Grill, muss seinen mitsaufenden Kumpels ein Geständnis machen. Das wird im Text als Outing vorbereitet, der Wolfgang sei schwul. Tatsächlich outet er sich als Veganer. Solche Irreführungen des Publikums machten den Reiz des Programms „Solo“ aus.

Und immer wenn die bereits lachenden Zuschauer glauben, das könne man nicht mehr übertreiben, findet der Sitzungspräsident eine weitere Wendung zu noch einer Pointe. Natürlich kommt die Band aus Köln nicht. Aber mit der Zugabe der gewohnte Sitzungspräsident, der seine aktuelle Rede für die kommende Session ab dem 11. 11. testet. Fazit: Auch diese Übung ist gelungen. Ach, mehr als das. Kostprobe? Verschwörungstheoretiker behaupten, der Corona-Impfstoff von Biontech verändert die Gene. Weininger kontert: „Ich glaube nicht, dass du so viel Glück hast.“

Cobra-Programm

Samstag, 29. Oktober, und Sonntag, 30. Oktober, geht es musikalisch laut und hart beim gleichnamigen Festival in der Cobra zu. Heute ab 17 Uhr und morgen ab 14 erwartet die Fans von Mela-Sounds der Auftritt von jeweils sechs Bands.

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