Montagsinterview

„Die Krise wird noch einige Monate anhalten“

Prof. Dr. Paul J.J. Welfens vor einer Weltkarte im Europäischen Institut für internationale Wirtschaftsbeziehungen. Foto: Björn Boch
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Prof. Dr. Paul J.J. Welfens vor einer Weltkarte im Europäischen Institut für internationale Wirtschaftsbeziehungen.

Paul J. J. Welfens von der Bergischen Uni über Wirtschaft in Zeiten von Corona und Zusammenarbeit mit China.

Von Björn Boch 

Herr Welfens, Sie beschreiben China als großen Motor der Veränderung. Wie hoch schätzen Sie die Gefahr ein, dass sich das Bergische abhängen lässt?

Paul J. J. Welfens: Die aktuelle Situation ist geprägt durch die Coronavirus-Krise, einen verschärften Konflikt zwischen China und den USA sowie durch eine schwierige deutsche EU-Ratspräsidentschaft, die die Wirtschaftsbeziehungen zwischen der EU und China entwickeln will. Zugleich ist es fragwürdig, stark auf China als Thema zu setzen, während man kaum Vorsorge zur Vermeidung einer neuen Eurokrise – mit Italien als Epizentrum in der Corona-Rezession – getroffen hat.

Wie lange wird die Krise die Wirtschaft noch beschäftigen?

Welfens: Die Krise wird noch einige Monate anhalten. Aber jenseits dieser Krise gilt: Wir haben den Vorteil, dass wir nicht weit weg sind von der neuen Seidenstraße, der Linie Chongqing-Duisburg. Logistisch ist die Region gut aufgestellt, die Zahl der Züge nimmt wöchentlich zu. Natürlich wird es Anpassungsdruck geben durch verstärkte Importe aus China. Die Unternehmen müssen sich aus Niedrigpreissegmenten und von qualitativ nicht so anspruchsvollen Produkten zurückziehen. Da sind Innovationen und Fachkräfte wichtig, genauso wie Clusterpolitik.

Cluster – oft gehört, nie ganz verstanden. Können Sie das näher erläutern?

Welfens: Bestimmte Herausforderungen können Unternehmen nicht alleine meistern, sie müssen sich räumlich vernetzen. Nehmen wir die Automobil-Industrie. Da kommt neben der Konkurrenz aus China noch der technologische Wandel hinzu, weil neue Antriebe deutlich weniger komplex sind. Skeptisch bin ich nicht, das kann gelingen, Firmen müssen sich aber schneller und stärker anpassen als früher. Es wird Gewinner und Verlierer geben. Und für manche Unternehmen wird es sehr sinnvoll sein, auch im Bereich der Forschung mehr zu tun – und Richtung Universität Wuppertal zu schauen.

„Solingen muss in digitale Infrastruktur investieren und neue digitale Dienste entwickeln.“

Und wie können Sie helfen?

Welfens: Wir haben hier eine Menge Expertise. Und selbst, wenn es um einen Bereich geht, in dem wir nicht so stark sind, sind wir gut vernetzt und können das notwendige Wissen verfügbar machen. Es wäre gut, wenn zwischen der Wirtschaft, den bergischen Städten und der Universität dieser Dialog verstärkt geführt und die Wirtschaft öfter fragen würde, welche Kompetenzen hier vorhanden sind. Ich würde mir einen Tag „Uni trifft Wirtschaft“ wünschen, ein jährliches Treffen zum Beispiel zum Thema Innovation und Digitalisierung. Da könnte man Firmen und Fakultäten zusammenbringen. Natürlich müssen die Kommunen an Bord sein, denn viele Aspekte betreffen die Wirtschaftsförderungen oder die Städte direkt, weil sie selbst Auftraggeber sind. Und bevor sie zum Beispiel 08/15 ausschreiben, hätte man auch mal überlegen können, ob man es nicht als Projekt aufzieht – mit Fördermitteln, im Einzelfall auch aus der EU.

Wie gut gelingt der Strukturwandel in Solingen?

Welfens: Gerade dort sehen wir, dass Strukturwandel gelingen kann. So wurden zum Beispiel in der Kreativwirtschaft Akzente gesetzt. Auch Solingen muss aber weiter in digitale Infrastruktur investieren und neue digitale Dienste entwickeln. Das galt vor Corona, aber jetzt noch viel stärker. Firmen sollten frühzeitig mit der Uni ins Gespräch kommen, damit wir einen strukturierten Dialog entwickeln können.

Sind die Wirtschaftsförderungen gut aufgestellt?

Welfens: Ich würde zunächst mal die Gründerförderung checken. So wie ich das sehe, sind Wuppertal und Solingen gut aufgestellt, während Remscheid ein Problem hat.

Warum?

Welfens: In Remscheid gibt es keine richtige Gründerförderung, keine breite Gründerszene. Die Gründerschmiede ist zu klein. Es ist allerdings nicht einfach für eine Stadt wie Remscheid, sich mit anderen zu vernetzen. Es besteht ein ganz hartes Konkurrenz-Verhältnis.

Aber die Städte betonen doch selbst oft, dass es nur mit Zusammenarbeit und als Region geht.

Welfens: In manchen Bereichen macht man das, aber wenn es um hochwertige Gründungen geht, muss jeder für sich selbst gucken. Bei allgemeinen Innovations- und Gründerfragen kann man aber sicher besser zusammenarbeiten.

Ist die Region attraktiv genug und stellt sie sich attraktiv genug dar?

Welfens: Nehmen wir als Beispiel einen chinesischen Absolventen, der im bergischen Städtedreieck bleiben will. Der wird auf die Website schauen, wer ihn zur Unternehmensgründung beraten kann, ob es einen Gründerpark gibt oder ähnliches. Er wird zu wenig finden. Wir haben 15 bis 20 Prozent ausländische Studierende hier. Und die gehen dann wieder nach Hause, statt hier eine Firma zu gründen oder nach einem guten Job zu suchen.

Touristisch sieht das ja ganz ähnlich aus.

Welfens: Bestes Beispiel ist Wuppertal, das von CNN unter den „Best places to visit 2020“ aufgeführt wurde. Gleichzeitig haben die Journalisten festgestellt, dass die Informationen für Touristen in englischer Sprache „modest“, also „bescheiden“ sind. Gleiches gilt für das Engels-Jahr, in dem viele Chinesen hier erwartet werden; wegen der Coronavirus-Krise wird sich das allerdings nicht wie geplant realisieren lassen. Dann muss man eben stark auf 2021 setzen und digital vernetzt für Tourismus in unserer Region werben.

„Gerade jetzt kann Forschung helfen, Probleme zu lösen.“

Wir haben nicht nur die Wirtschaftsförderungen der Städte, sondern auch eine Bergische Struktur- und Wirtschaftsförderungsgesellschaft und mit den Bergischen Drei eine gemeinsame Tourismus-Agentur. Warum passiert da zu wenig?

Welfens: Es kann sein, dass manche Dinge gut laufen, mir aber nicht bekannt sind. Doch dann würde ich sagen: Lasst uns diese Erfolgsgeschichten erzählen! Das kann man auf die Wirtschaft übertragen. Ein Problem wie die Nachfolgeregelung in der Industrie lässt sich so vielleicht lösen – über Erfolgsgeschichten, die Aufmerksamkeit bringen. Wer keinen Nachfolger findet, wird sich nach einem Investor umsehen. Der kann auch aus Asien kommen. In diesen Beziehungen stehen wir erst am Anfang. China muss unser Ding werden, im positiven Sinn. Unternehmer aus China lernen viel von uns, aber wir können auch viel von denen lernen.

Zum Beispiel?

Welfens: Die chinesische Gründerdynamik ist bemerkenswert. Oder das Konzept von Industrieparks, das China gerade entlang der neuen Seidenstraße nach Westeuropa exportiert. Das sind nicht nur Gewerbegebiete wie bei uns, sondern Firmen, die miteinander zu tun haben, sitzen sinnvoll in Clustern nebeneinander. Und daran schließen sich wieder sinnvolle Dienstleister für die Unternehmen an. Ich hatte mal ein Gespräch mit dem Dekan der Universität in Shanghai. Er hat ein jährliches Budget, um seine besten Studenten bei einer Gründung zu unterstützen. Das habe ich noch nie von einer deutschen Universität gehört.

Das Thema China ist angstbehaftet. Die Bedenken sind groß, dass chinesische Investoren Technologie kaufen und Unternehmen dann zerschlagen. Wie nehmen Sie als Befürworter den Skeptikern diese Ängste?

Welfens: Allgemein verunsichert fast alle der Corona-Schock und natürlich gibt es negative Beispiele einiger Investoren aus China. Aber die große Mehrheit sind Erfolgsgeschichten. Die chinesischen Eigentümer wollen sich hier sinnvoll platzieren und sehen eine strategische Chance. Sie lassen die Firmen arbeiten, solange die Zahlen stimmen. Die Forschung vor Ort ist ein Juwel, das in der Regel nicht angefasst wird, um den Erfolg nicht zu gefährden. Wissenstransfer in ein anderes Land ist nicht so einfach. Im Durchschnitt sind chinesische Investoren kaum schlechter als zum Beispiel amerikanische. Und wir müssen das Wissen darum stärken, dass wir uns in einem stark beschleunigten Strukturwandel befinden, gerade in der Corona-Krise. Die Digitalisierung expandiert weltweit. Globales Internet macht Wissen international mobiler.

Apropos stark beschleunigter Wandel: Können wir den Klimawandel mit Technologie und Effizienz-Verbesserungen überwinden oder geht es nur mit Verzicht?

Welfens: Innovation ist ein wesentlicher Schlüssel. Nicht nur in privaten Unternehmen, sondern auch zum Beispiel bei den Stadtwerken und dem Antrieb ihrer Busse. Da fehlt mir das Signal aus der Politik, dass wir bei solchen Innovationen stark aufgestellt sind. Wieso machen wir nicht eine Klima-Innovationsmesse in der Wuppertaler Stadthalle? Vor allem in der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft ist noch Luft nach oben. Jedes Haus und jeder kommunale Immobilienneubau müsste besser und effizienter sein, was wir paradoxerweise in NRW teilweise durch Bauvorschriften verhindern: Passivhäuser aus dem Führungsland Österreich werden ausgesperrt, das ist unklug, teuer und unfair.

Es scheitert also ausnahmsweise nicht am Geld. Wie schätzen Sie denn die wirtschaftliche Lage ein?

Welfens: Wer werden in Deutschland und NRW – und auch in der Eurozone – 2020 eine schwere Rezession haben. In Sachen Krisenüberwindung sollten wir mit China zusammenarbeiten: Gemeinsame Impfstoffentwicklung wäre ein wichtiges Feld, langfristige Kooperation im Gesundheitswesen. Das wäre auch Richtung USA exportfähig. Und die geschwächten Vereinigten Staaten brauchen Unterstützung aus Deutschland: Kooperation in der Krise. Zur Coronavirus-Krise gibt es im Übrigen eine Analyse für 161 Länder auf der Website des EIIW. Dort zeigt sich, dass der Tourismus weltweit sehr negativ betroffen ist, was die negative Entwicklung bei der Industrieproduktion überlagert und verstärkt. Vorschläge für die Überwindung der Corona-Krise in der EU finden sich da auch. Seit 25 Jahren ist das EIIW erfolgreich in der Forschung – national und global – aktiv. Gerade jetzt kann Forschung helfen, Probleme zu lösen.

Zur Person

Vita: Prof. Dr. Paul J.J. Welfens ist seit 2004 Inhaber des Lehrstuhls für Volkswirtschaftslehre mit dem Schwerpunkt Makroökonomische Theorie und Politik an der Bergischen Universität Wuppertal sowie Jean-Monnet-Professor für Europäische Integration.

Institut: Prof. Welfens ist außerdem Gründer und Präsident des Europäischen Instituts für Internationale Wirtschaftsbeziehungen (EIIW) an der Bergischen Uni (Campus Freudenberg).

Autor: Welfens ist Autor zahlreicher Bücher, unter anderem „Brexit aus Versehen“ und jüngst „Klimaschutzpolitik – Das Ende der Komfortzone“. Er ist international der meistpublizierte deutsche Ökonom.

www.eiiw.eu

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