Russland-Ukraine-Konflikt

Krieg in der Ukraine hat Auswirkungen auf das Bergische Land

Jürgen Hardt strebt eine parteiübergreifende Zusammenarbeit mit den Abgeordneten aus der Region an. Foto: Christian Beier
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Jürgen Hardt, Bundestagsabgeordneter für Solingen und Remscheid, äußert sich zum Russland-Ukraine-Konflikt.

Sprecher der Bergischen IHK, der Bergischen Universität Wuppertal, Bundestagsabgeordneter Jürgen Hardt und Landtagsabgeordneter Josef Neumann sowie Solinger mit ukrainischen Wurzeln blicken sorgenvoll auf den Krieg zwischen Russland und der Ukraine.

Von Björn Boch

Solingen. Der Russland-Ukraine-Konflikt verschärft sich weiter. Die Bergische IHK befürchtet „kurzfristig drastisch steigende Energiepreise“, die sich auf alle Unternehmen auswirken dürften. Mit Blick auf russisches Erdgas, das mehr als 50 Prozent des deutschen Verbrauchs ausmache, bestehen „Zweifel an der Versorgungssicherheit – insbesondere vor dem Hintergrund der Ausstiegsszenarien bei fossilen Energieträgern“.

„Putins Angriff auf die Ukraine ist eine verbrecherische Kriegshandlung“

Josef Neumann, SPD-Landtagsabgeordneter

Laut Schätzungen der IHK liege das Handelsvolumen mit Russland bei vier bis fünf Prozent und damit etwa doppelt so hoch wie der NRW-Durchschnitt. Dies sei auf die allgemein höhere Exportquote der Betriebe in Remscheid, Solingen und Wuppertal zurückzuführen. Seit 2014 sei das Handelsvolumen mit Russland rückläufig. Nichtsdestotrotz erklärt die IHK: „Einzelne Firmen mit starkem Russlandgeschäft werden stärker betroffen sein, insbesondere auch durch die kommenden Sanktionen.“ Das Handelsvolumen mit der Ukraine sei deutlich geringer. Es gebe kleinere Zulieferleistungen für die Automotive-Industrie – es sei mit Lieferausfällen zu rechnen.

Prof. Dr. Paul J.J. Welfens, der Präsident des Europäischen Instituts für Internationale Wirtschaftsbeziehungen an der Universität Wuppertal, sieht „im von Russland entfesselten Krieg eine Katastrophe für die Menschen in der Ukraine“. Zu den kurz- und mittelfristigen Verlierern gehören nach seiner Analyse die Auto-, Chemie- und Maschinenbau-Industrie, für die Russland über viele Jahre ein wichtiger Absatzmarkt war. „Die Wirtschaft im Städtedreieck dürfte ebenso wie Deutschland insgesamt mit einem Rückgang der Wirtschaftstätigkeit um 0,5 Prozent in 2022 durch den Russland-Ukraine-Krieg betroffen sind.“

Bergische Politiker kritisieren Putins Angriff auf die Ukraine

Jürgen Hardt, Bundestagsabgeordneter für Solingen und Remscheid sowie außenpolitischer Sprecher der CDU-Bundestagsfraktion bekennt, dass man „der rohen Gewalt Russlands auch ein Stück ohnmächtig“ gegenüberstehe. „Unser Versuch, mit Russlands Präsident Putin eine gemeinsame Politik für Sicherheit und Wohlstand zu gestalten, ist gescheitert.“ Auch wenn die Russland-Politik am Scheideweg stehe, gehe es jetzt darum, die freiheitlichen Völker und Staaten im östlichen Europa gemeinsam durch die Nato und die EU vor weiteren Übergriffen zu schützen. „Deutschland muss dabei Motor sein.“

Der SPD-Landtagsabgeordnete Josef Neumann, stellvertretender Vorsitzender der Parlamentariergruppe NRW-Polen-Mittelosteuropa, erklärte: „Putins Angriff auf die Ukraine ist eine verbrecherische Kriegshandlung, die jeglichen menschlichen und jeglichen völkerrechtlichen Grundlagen zuwiderläuft.“ Seine Gedanken seien bei den vielen Menschen, „die nun um ihre Existenz und ihr Leben bangen“. Er selbst sei seit 4 Uhr in Verbindung mit Freunden in der Ukraine, Russland, Polen, Ungarn und im Baltikum.

Solinger Christen laden für heute 18 Uhr zum Friedensgebet ein

Solinger mit ukrainischen Wurzeln blicken sorgenvoll auf ihre alte Heimat

Von Manuel Böhnke

Nach der Jahrtausendwende zog es Tetyana Schwenke (M.) und Olena Tietz aus der Ukraine nach Deutschland. Die Entwicklungen in ihrem Heimatland bereiten ihnen Sorgen. Raduga-Vorsitzender Udo Schwenke fordert eine Reaktion Europas.

Solingen. Tetyana Schwenke ist wütend. „Die Ukraine hat die Arschkarte gezogen“, findet sie deutliche Worte. Die 41-Jährige ist in Luzk auf die Welt gekommen, einer Großstadt im Nordwesten des Landes. Vor mehr als 20 Jahren zog sie nach Deutschland, inzwischen fühlt sie sich in Solingen heimisch. Doch seit einigen Wochen kreisen ihre Gedanken vor allem um die alte Heimat. Sorgenvoll beobachtet Schwenke den russischen Angriff auf die Ukraine: „Was dort passiert, ist erniedrigend und beleidigend. Russland will das Recht des Stärkeren durchsetzen.“

Solingerinnen wünschen sich eine unabhängige Ukraine

Regelmäßig sucht sie den Kontakt zu Freunden, Verwandten, Bekannten vor Ort. Einige davon leben in Donezk, wo es seit 2014 immer wieder zu gewaltsamen Auseinandersetzungen kommt. Auch Olena Tietz pflegt enge Beziehungen in die Ukraine. Im September des vergangenen Jahres besuchte sie Kiew, ihre Geburtsstadt, zuletzt. Die Nachrichten, die sie derzeit vor allem von Freunden aus der Ostukraine erreichen, stimmen die 44-Jährige missmutig. „Sie haben Angst und wollen nicht von russischer Seite ‚befreit‘ werden“, berichtet sie.

Beide Frauen sind in der Sowjetunion aufgewachsen. Sie teilen den Wunsch nach einer unabhängigen Ukraine. Zwar gebe es Unterschiede zwischen den Regionen des Staates, der flächenmäßig 1,7 Mal so groß ist wie Deutschland. Geeint sei jedoch die Mehrheit der Ukrainer in der Hoffnung auf ein gutes, freies Leben mit klaren Gesetzen. Seit Beginn des Krieges 2014 sei die Bevölkerung zusammengerückt, schildert Udo Schwenke seinen Eindruck.

Der Rechtsanwalt und frühere Geschäftsführer der CDU-Fraktion im Stadtrat ist Tetyana Schwenkes Ehemann. Für ihn strahlt der Konflikt weit über die Ukraine hinaus. Dem russischen Präsidenten Wladimir Putin gehe es um eine Neuordnung des Kontinents. Europa müsse nun zeigen, wofür es steht, sich für Freiheit und Demokratie einsetzen – und denjenigen, die angegriffen werden, nicht nur mit schönen Worten, sondern mit Taten helfen.

Niemand will diesen Krieg.

Olena Tietz

Die seit 2014 fortwährenden Auseinandersetzungen im Osten der Ukraine haben in der breiten westlichen Öffentlichkeit zuletzt eine untergeordnete Rolle gespielt. Olena Tietz verfolgt sie seit acht Jahren. Die Eskalation hat die 44-Jährige dennoch überrascht. „Niemand will diesen Krieg“, ist sie überzeugt. Die Vorstellung, dass sich zwei „Brüdervölker“ beschießen, missfalle auf beiden Seiten der Grenze vielen. Zwischen zahlreichen Russen und Ukrainern gebe es persönliche Beziehungen.

Trotzdem fürchtet Tetyana Schwenke, dass der Konflikt viele Tote fordern könnte: „Die Menschen in der Ukraine lassen sich nicht gerne etwas vorschreiben, sie werden sich verteidigen.“ Die 41-Jährige ist Geschäftsführerin des Solinger Vereins Raduga, Ehemann Udo ist der Vorsitzende. Die Organisation hat sich mehrsprachige Erziehung auf die Fahne geschrieben. Beim Experimentieren, Tanzen und Basteln lernen Kinder spielerisch Russisch.

Es ist nicht die Sprache, die uns von den Angreifern trennt, es sind die Werte.

Olena Tietz

Derzeit zählt Raduga rund 50 Mitglieder, der Großteil hat seine Wurzeln in der ehemaligen Sowjetunion (siehe unten). Dementsprechend gebe es innerhalb des Vereins auch sehr unterschiedliche Sichtweisen auf den Konflikt. Darüber diskutiert werde jedoch kaum. „Bei uns geht es um die Sprache, nicht um Politik oder Religion. Sprache ist nie schuld“, betont Tetyana Schwenke. Deshalb sei es für sie selbstverständlich, dass ihre Kinder Russisch lernen.

Ähnlich sieht das Olena Tietz. Ihr Vater sei Russe, Familie und Freunde in der Ukraine überwiegend russischsprachig. „Es ist nicht die Sprache, die uns von den Angreifern trennt, es sind die Werte.“ Tetyana Schwenke ist es wichtig, bei ihrer Kritik zwischen der Führung in Moskau und der Bevölkerung zu trennen. Zumal ihrer Einschätzung nach längst nicht alle Russen das Verhalten ihres Präsidenten gutheißen. Für viele sei Heimat wie eine Mutter. „Und es tut weh, die eigene Mama zu kritisieren.“

Es war der Stillstand in der Ukraine, der Olena Tietz vor mehr als 20 Jahren dazu veranlasst hat, das Land zu verlassen. Lange lebte die 44-Jährige in Solingen, ehe es sie ins Rheinland zog, doch noch immer ist sie der Klingenstadt eng verbunden. Die pro-europäische Bewegung in der Ukraine habe sie hoffnungsvoll gestimmt – „das möchte Putin jetzt stoppen“.

Ihre Eltern leben weiterhin in Kiew – und wollen dort vorerst bleiben. Bewaffnete Auseinandersetzungen, Cyberangriffe und Drohgebärden seien für viele Ukrainer inzwischen Alltag – und doch habe sich in den vergangenen Tagen etwas verändert: „Momentan sieht es ganz schwarz aus.“

Verein

2012 haben Tetyana und Udo Schwenke Raduga gegründet. Der Verein hat sich auf die Fahne geschrieben, „nach erfolgreicher Integration ihren Kindern neben dem Deutschen gleichwertig Russisch zu vermitteln“. Dies geschieht etwa mittels Spiel-, Tanz-, Bastel- und Gesangsangeboten. Zudem veranstaltet Raduga regelmäßig Feste. Derzeit zählt der Verein rund 50 Mitglieder, die meisten haben ihre Wurzeln in der ehemaligen Sowjetunion.

www.raduga-solingen.de

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