Mein Blick auf die Woche

Kommentar: Warum in Solingen die Verkehrswende scheitern muss 

stefan.kob@solinger-tageblatt.de
+
stefan.kob@solinger-tageblatt.de

9 Euro allein sind kein Grund, auf den ÖPNV umzusteigen. Aber was macht Solingen? Wird beim Bahnverkehr Bahnverkehr einfach abgehängt und will sich selbst zur Schneckenstadt machen, ärgert sich ST-Chefredakteur Stefan M. Kob.

Wer in Deutschland gerne einmal schauen möchte, wie die Verkehrswende garantiert misslingt, für den lohnt ein Blick ins Bergische.

Dass Solingen trotz aller E-Bike-Trends aufgrund der Topografie nie eine Radler-Stadt wie Münster wird, dafür kann niemand etwas. Auch so gut gemeinte schöne Aktionen wie der erste Solinger Mobilitätstag am vergangenen Sonntag werden daran nichts ändern.

Was sich aber seit Jahren auf den Gleisen der beiden S-Bahn-Linien 1 und 7 abspielt und mit den aktuellen Problemen einen neuen negativen Höhepunkt erreicht, lässt sich nicht mal mehr mit Galgenhumor ertragen.  Wer immer kann, entgeht dem Chaos, indem er doch ins benzinbetriebene eigene Gefährt steigt. Eingefleischte Autopendler so zum Umstieg auf Bus und Bahn zu bewegen, davon kann nur jemand träumen, der nicht alle Sinne beieinander hat.  

Der - immerhin gemeinsame - Protest der drei bergischen Oberbürgermeister aus Solingen, Remscheid und Wuppertal wirkt angesichts des endlosen Bahnchaos reichlich hilflos. Um den offenbar träumenden VRR davon zu überzeugen, dass hier und jetzt dringend Abhilfe geschaffen werden muss, ist wohl ein wenig mehr notwendig.

Einzige Handlungsoption des VRR scheint es zu sein, regelmäßig den Bahnbetreiber zu wechseln mit immer demselben Kreislauf: Resignation, neue Hoffnung, anfängliches Verständnis, schließlich Ärger und Wut bis zur erneuten Resignation. Unsere Region hat etwas Besseres verdient, als systematisch beim Bahnverkehr abgehängt zu werden wie ein ausrangierter Eisenbahnwaggon. 

Das aus der Not geborene 9-Euro-Ticket hat dabei noch einen weiteren Schwachpunkt aufgedeckt: Die Leute würden ja gerne den ÖPNV nutzen - wenn man sie denn lässt und es ihnen einfach macht.

Es ist gar nicht einmal nur der unschlagbar niedrige Preis von neun Euro. Es ist der simple Fahrkartenkauf, der viele, auch Autofans, zum Umsteigen verleitet hat.

Denn wer nicht ständig mit Bus und Bahn unterwegs ist, für den ist der Tarifdschungel am Kartenautomaten nahezu undurchdringlich. Zumal, wenn er von Solingen Richtung Köln noch zwei Verkehrsverbünde durchqueren muss. Ohne ein solches einfaches bundesweites Ticketsystem, möglichst auch noch digital, wird die Wende ebenfalls scheitern. 

Der notorische Streit in der Solinger Verkehrspolitik bildet eine weitere, diesmal hausgemachte, Barrikade. Hier ist so viel Ideologie im Spiel, dass mal wieder das Kind mit dem Bade ausgeschüttet wird - wie so oft in der Vergangenheit. Die Forderung insbesondere der Grünen, auf den weiteren Ausbau der Straßeninfrastruktur zu verzichten, wird mit der leeren Stadtkasse begründet, also ob die jemals gut gefüllt gewesen wäre in den letzten Jahrzehnten.

In Wahrheit geht es doch aber darum, den Autofahrer so weit zu zermürben und dadurch in den Bus zu zwingen - trotz der ganzen Widrigkeiten, die ihn im Moment davon abhalten. Die Straßenbaugegner verdrängen eins: Nicht nur Autos, auch Busse brauchen leistungsfähige Verkehrsinfrastruktur.

Und wenn bei Projekten wie dem Kreisel am Dickenbusch die Verkehrsströme neu geordnet werden, profitiert sogar der Radler davon, denn dann kann man Schutzstreifen direkt mitplanen. 

In dieselbe Kategorie fällt der Irrsinn, Solingen mit Tempo 40 auf den Hauptverkehrsachsen zur Schneckenstadt zu machen. Denn das würde auch das Busnetz aus dem Takt bringen und die Fahrzeiten weiter verschlechtern. 


Unsere Themen in dieser Woche 

Christoph-Kramer-Tribüne im Walder Stadion: Weltmeister will in Solingen den Fußball nach vorne bringen, vielleicht sogar mit Kumpel Kevin Kampl

Energiekrise und Inflation: Der Solinger Renommierbranche stehen schwierige Zeiten bevor

Ein Mann stürzt, bleibt auf der Klingenstraße liegen und die Autofahrer kurven um ihn herum: ein unfassbarer Fall. 

Nach langer Coronapause ist es nächsten Freitag wieder so weit: Wald leuchtet mit Musik und poetischen Momenten.  

Hat eine Erzieherin an der städtischen Kita Klingenbande Kinder misshandelt? Staatsanwalt ermittelt in drei Fällen

Interview: Das sagt Kinder- und Jugendarzt Dr. Thomas Fischbach zum Infektionsschutzgesetz 

Das könnte Sie auch interessieren

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

Hölzerne Liëwerfrau begrüßt Wanderer
Hölzerne Liëwerfrau begrüßt Wanderer
Hölzerne Liëwerfrau begrüßt Wanderer
An neun Schulen soll gebaut werden
An neun Schulen soll gebaut werden
An neun Schulen soll gebaut werden
Hier soll ein Platz für die Ohligser entstehen
Hier soll ein Platz für die Ohligser entstehen
Hier soll ein Platz für die Ohligser entstehen
Ringen um Lidl-Erweiterung in nächster Runde
Ringen um Lidl-Erweiterung in nächster Runde
Ringen um Lidl-Erweiterung in nächster Runde

Kommentare