Die Woche von Björn Boch

Klinikum: Spagat zwischen Gewinn und Gemeinwohl

bjoern.boch@solinger-tageblatt.de
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Es ist eine Woche, in der es gleich zwei Nachrichten gibt, die vor nicht allzulanger Zeit problemlos als Fantasterei hätten abgetan werden können.

Schon Anfang Juli ist plötzlich so viel Impfstoff da, dass kurzerhand jede und jeder ohne Termin ins Impfzentrum kommen kann. Zwar wurde immer betont, dass sich die Lage im Sommer entspanne. Rund um Impfstoffbeschaffung und -verteilung war aber seit Ende 2020 genug schiefgegangen, als dass Zuversicht angebracht gewesen wäre. Doch es hat geklappt.

Wer sich nun als Volljähriger nicht impfen lässt, der will schlicht nicht – medizinische Sonderfälle ausgenommen. Die sogenannte kalte Impfpflicht wird wohl bald Realität sein. Heißt: Von bestimmten, nicht lebensnotwendigen Angeboten, Freizeitvergnügen zum Beispiel, könnten nicht Immunisierte Menschen ausgeschlossen werden. Wie lange sich Impfverweigerer noch mit einem Negativtest gleichstellen können, bleibt abzuwarten.

Mindestens ebenso überraschend wie die Impfstoffmenge kam die Jahresbilanz des Städtischen Klinikums daher: 800 000 Euro Überschuss konnten im Jahr 2020 erzielt werden – zwei Jahre zuvor war das Geschäftsjahr noch mit einem Rekordminus von 3,3 Millionen Euro beendet worden. Den Verdacht, Coronahilfen seien dafür verantwortlich, wiesen die Verantwortlichen schnell zurück. Klar gab es Ausgleichszahlungen für Verluste – etwa, weil Betten frei gehalten und Operationen verschoben wurden. Aber profitiert habe man unter dem Strich nicht.

Dem neuen Geschäftsführer und seinem Team ist damit eine bemerkenswerte Wende gelungen – neben der klaren Verbesserung der wirtschaftlichen Zahlen ist es auch atmosphärisch bedeutend ruhiger geworden um das Haus. Selbst Betriebsrat und Gewerkschaft versicherten bei einer Protestaktion für bessere Arbeitsbedingungen im Mai – vor dem Haupteingang des Klinikums –, dass sich die Demo keinesfalls gegen das Klinikum im Besonderen richte, sondern gegen die Politik und deren Finanzierungspläne für das Gesundheitswesen insgesamt.

Also alles in bester Ordnung an der Gotenstraße? Das werden die kommenden Jahre zeigen. Positiv ist die Tendenz der Bezirksregierung zu werten, die der Stadt wohl erlauben wird, 120 Millionen Euro Investitionen für ihre Tochter zu finanzieren. Das wäre vor zwei Jahren kaum denkbar gewesen – Corona hat da für einen Sinneswandel gesorgt.

Bund und Land müssen nun zeigen, dass das Gesundheitswesen auch nach der Pandemie ausreichend Beachtung findet – das gilt in erster Linie für die Bezahlung der Beschäftigten, aber eben auch für das System, Stichwort: Fallpauschalen. Das Klinikum dagegen muss den Spagat schaffen zwischen dem selbst erklärten Ziel, bald gar fünf bis sechs Millionen Euro Gewinn im Jahr zu erwirtschaften, um Investitionen zu schultern – und dem Anspruch, ein dem Gemeinwohl verpflichteter Vollversorger zu sein. Denn Klinikkonzerne, die nur auf den Gewinn schauen und selbst mitten in der Pandemie Leute entlassen wollen, gibt es genug – siehe Sana in Remscheid. Die Solinger dagegen hängen an ihrem Klinikum. Es wäre schön, bliebe das so.

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