Einschätzung vom Experten

Gräfrath: Kleine Läden könnten Supermarkt-Idee voranbringen

Franz Müller war ehemaliger Groka-Mitinhaber, Vorstand und Geschäftsführer der Einkaufsgenossenschaft Grosskauf e.G.. Foto: Tim Oelbermann
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Franz Müller war ehemaliger Groka-Mitinhaber, Vorstand und Geschäftsführer der Einkaufsgenossenschaft Grosskauf e.G..

Ehemaliger Groka-Chef Franz Müller zu Plänen rund um den geplanten Gräfrather Lebensmittelmarkt.

Von Simone Theyßen-Speich

Solingen-Gräfrath. Die lange Geschichte um den geplanten Supermarkt auf dem Gelände des alten Bahnhofs in Gräfrath beschäftigt nicht nur die Anwohner, den Investor Siegfried Lapawa und die Stadtteilpolitiker seit Jahren. Auch Fachleute, die die Solinger Supermarkt-Situation gut im Blick haben, wie der ehemalige Groka-Mitinhaber und Vorstand der Einkaufsgenossenschaft Grosskauf e.G., Franz Müller, beobachten die Entwicklung mit großem Interesse.

Wie hat sich der Supermarkt in Gräfrath entwickelt?

Startpunkt des Projektes war der Kauf des ehemaligen Gräfrather Bahnhofs durch den Investor Siegfried Lapawa, so dass sich die Planungen jetzt seit fast 20 Jahren hinziehen. „Ursprünglich war eine kleinere Verkaufsfläche geplant. Aber die zunächst 680 Quadratmeter Ladenfläche waren beispielsweise Rewe zu gering“, sagt Franz Müller. Durch weitere Zukäufe hat Siegfried Lapawa das Grundstück auf insgesamt 8800 Quadratmeter erweitert. Darauf könnte jetzt eine Verkaufsfläche von 2650 Quadratmeter inklusive Getränkemarkt realisiert werden.

Warum ist die Suche nach einem Betreiber so schwierig?

Investor Siegfried Lapawa möchte an der Idee eines Vollsortimenters festhalten. Franz Müller sieht ein Problem in dem relativ kleinen Einzugsbereich für solch ein Geschäft. „In einem Radius von einem Kilometer rund um den geplanten Supermarkt leben in Gräfrath nur 5000 Einwohner“, gibt er zu bedenken. Als reiner Nahversorger ziehe das Geschäft aber vermutlich keine Kunden aus Vohwinkel, Wald oder vom Central an. „Erschwerend kommt hinzu, dass die umliegenden Discounter schon viel Kaufkraft abziehen“, so Müller.

Welche Alternativen gibt es für das Projekt?

Siegfried Lapawa und sein Planungsteam arbeiten an der Idee, einen Anbieter aus dem non-food-Bereich hinzuzunehmen, um den Standort attraktiver zu machen. Das hält auch Franz Müller für den richtigen Weg. Er geht sogar noch weiter: „Bäckerei, Reinigung, Reisebüro oder andere Geschäfte mit Dingen des täglichen Bedarfs könnten sich hier zusätzlich zu dem Lebensmittelanbieter ansiedeln. Als kleines Einkaufszentrum würde der Standort für alle deutlich attraktiver“, so der Supermarkt-Fachmann. Bislang gibt es im Gräfrather Ortskern neben der Gastronomie nur einige kleine Läden wie Blumengeschäft, Metzgerei oder Juwelier mit relativ kleinen Verkaufsflächen. Müller nennt als Beispiel für solch eine Konzentration, im Fachjargon als Agglomeration bezeichnet, die Ärztehäuser samt Apotheke, die am Grünewald gemeinsam mit Rewe, Tedox, Post, Bäckerei, Lotto-Geschäft und Fischhandel ein attraktives Zentrum bilden.

Wie groß ist die Diskrepanz zwischen Baukosten und Miete?

Ein Problem in Gräfrath sind die laut Lapawa in den vergangenen fünf Planungsjahren um 25 Prozent gestiegenen Baukosten. Auf der anderen Seite forderten Betreiber – nicht zuletzt durch die Corona-Pandemie – bis zu 30 Prozent Pachtnachlässe. „Die zeitliche Entwicklung ist leider gegen Siegfried Lapawa gelaufen“, so Müller. Während die Kosten durch Grundstückskäufe und Entwicklungskosten immer weiter gestiegen seien, wurde der Markt immer angespannter. Müller weiß von Betreibern, die durchaus Interesse an dem Standort haben, die allerdings nur eine deutlich niedrigere Pacht zahlen würden. „Auch macht es heute für Betreiber kaum noch Sinn, einen Mietvertrag über 10 oder 20 Jahre abzuschießen.“

Wie stellt sich ein möglicher Zeitplan dar?

„Wenn man sich heute auf eine genehmigungsfähige Bauplanung einigen könnte, würde eine Baugenehmigung nach einem Bebauungsplanverfahren vielleicht in vier Jahren realistisch sein“, befürchtet Müller. Darauf müssten sich potenzielle Betreiber wie Edeka, Rewe (Aktzenta) erst einmal einlassen. Langfristig müsse auch im Lebensmittel-Einzelhandel die Entwicklung des Online-Kaufes im Blick behalten werden.

Zur Person

Beruflich: Franz Müller war Vorstand der Solinger Einkaufsgenossenschaft Grosskauf e.G., geschäftsführender Gesellschaft der Groka Verbrauchermärkte und der Groka Franz Müller KG im Grünewald-Zentrum an der Neuenhofer Straße.

Der Bau eines Supermarktes in Gräfrath entwickelt sich zur unendlichen Geschichte. Unternehmer Siegfried Lapawa bleibt aber verhalten optimistisch. Er geht von einem Zwölf-Millionen-Euro-Projekt aus.

Im vergangenen Jahr hatte zunächst die Wuppertaler Supermarkt-Kette Akzenta Interesse am alten Bahnhofsgelände gezeigt.

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