Gewaltvorwürfe

Kita Klingenbande: Eltern üben Kritik

Die Kita Klingenbande befindet sich in unmittelbarer Nachbarschaft zum Rathaus.
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Die Kita Klingenbande befindet sich in unmittelbarer Nachbarschaft zum Rathaus.

Im Umgang der Stadt mit den Gewaltvorwürfen gegen eine Erzieherin werden Intransparenz und Druck beklagt.

Von Kristin Dowe

Solingen. Im September dieses Jahres wurden die Vorwürfe gegen eine vormalige Erzieherin der Kita Klingenbande erstmals öffentlich bekannt und sorgten für Erschütterung: Von „pädagogischem Fehlverhalten“ bis hin zu Formen von Gewalt war die Rede – der Polizei liegen bislang vier Strafanzeigen wegen Körperverletzung gegen die Mitarbeiterin vor, die laut Rathausangaben „nicht mehr für die Stadt Solingen tätig ist“. Dennoch kann von Normalzustand in der 2018 eröffneten Kita in unmittelbarer Nachbarschaft zum Rathaus noch immer keine Rede sein. Vertreter aus den Reihen der Elternschaft, vor allem Mütter und Väter mutmaßlich betroffener Kinder, kritisieren den allgemeinen Umgang der Einrichtungsleitung sowie der Stadt Solingen mit den Verdachtsfällen.

Vor allem nehmen die Eltern Anstoß an einem aus ihrer Sicht bestehenden Meldeverzug der Ereignisse: Zwar habe die Stadt auf den ersten mutmaßlichen Vorfall im Dezember 2021 umgehend reagiert und die betreffende Mitarbeiterin freigestellt, die offiziellen Stellen hätten jedoch versucht, „die Sache möglichst klein zu halten“, so der einhellige Tenor in zahlreichen Gesprächen, die das Tageblatt in den vergangenen Monaten zu der Problematik geführt hat.

Erst nach den Sommerferien, im August 2022, sei laut Angaben einer Mutter in einem größeren Rahmen die Elternschaft informiert worden. Dies sei allerdings erst geschehen, als eine andere Mitarbeiterin – auf eigene Initiative und ohne Absprache mit der Leiterin der Einrichtung – Strafanzeige gegen die beschuldigte Erzieherin gestellt hatte. Eine Mutter ist überzeugt: „Ohne ihr Einschreiten wäre diese Erzieherin immer noch in der Kita beschäftigt.“

Jugendamt gesteht Versäumnisse ein

Rüdiger Mann, Leiter des Solinger Jugendamtes, gesteht bei der Kommunikation der Verdachtsfälle Versäumnisse ein: So räume er die verspätete Meldung nach den Sommerferien gegenüber den Eltern rückblickend als Fehler ein – auch nehme seine Behörde die Kritik an, dass bei der Einladung zu dem Elternabend nicht ausdrücklich auf den Anlass des Treffens hingewiesen wurde. „Wir werden überdenken, wie wir künftig die Dringlichkeit eines Elternabends deutlich machen, ohne jedoch auf der anderen Seite Panik zu erzeugen.“

Das Jugendamt sei anfangs stets von einem „möglichen singulären Ereignis“ ausgegangen. Aus Sicht der Eltern gab es hingegen deutlich früher Hinweise auf zumindest kritikwürdiges Verhalten seitens der Erzieherin – ungeachtet einer möglichen strafrechtlichen Relevanz.

Eltern bemerkten Warnzeichen bei ihren Kindern

So sieht es auch die Mutter Raffaela Varol, die auf die Schilderungen ihrer Tochter hin bei der Polizei Strafanzeige wegen Körperverletzung erstattet hat. „Meine Tochter hat mir erzählt, dass die Erzieherin ihr in einer Schlafsituation das Knie auf den Brustkorb gedrückt hat, damit sie liegen bleibt.“ Zudem stehe der Vorwurf im Raum, dass sie einzelne Kinder zum Essen gezwungen haben soll, „bis sie würgen mussten“, berichtet Varol. „Ich habe Veränderungen an meiner Tochter festgestellt. Sie ist extrem schreckhaft geworden und hat Angst, irgendetwas fallen zu lassen und dafür bestraft zu werden.“ Vonseiten der Leitung sei angesichts zahlreicher Warnzeichen „viel zu lange weggeschaut worden“.

Ähnliche Anzeichen bei ihren Kindern haben auch andere mutmaßlich betroffene Eltern beobachtet. Ein Vater schildert, dass sein Sohn eine nicht nachvollziehbare Angst vor vermeintlichen Strafen zeige, sich Kleinigkeiten nicht mehr zutrauen würde. Ein Mädchen fragt laut Schilderungen einer Mutter noch immer regelmäßig ängstlich nach, ob die betreffende Erzieherin auch wirklich nicht in die Kita zurückkehre. In einem Fall soll diese ein Kind in eine Matte gedrückt haben, „damit es schläft“, in einem anderen Fall soll sie in der Schlafenssituation ihren Fuß auf den Körper eines Kindes gestellt haben.

Eltern wünschen sich Entschuldigung

Weiterhin ist auch von psychischer Gewalt die Rede – etwa, wenn die Erzieherin Kinder genötigt haben soll, in einer bestimmten Schlafposition zu verharren und es ihnen nicht erlaubt war, die Augen zu öffnen. In anderen Fällen sollen Kinder so „gepuckt“ worden sein, dass sie sich nicht mehr bewegen konnten. Beim Pucken handelt es sich um eine umstrittene Wickeltechnik für Neugeborene, die normalerweise eher von der Mutter als enger Vertrauensperson angewendet wird.

Gleichzeitig tun sich die Eltern in den Gesprächen mit dem ST schwer, Kritik offen zu äußern – viele führen an, Angst vor dem Verlust des Kitaplatzes oder negative Folgen für das eigene Kind zu haben. Unterm Strich habe man sich sowohl von der Stadt als Trägerin als auch vonseiten der Leitung „mehr Empathie“ gewünscht. „Die Leiterin hat sich kein einziges Mal bei uns entschuldigt“, moniert ein Vater. Diese lehnte das Angebot des ST zu einer eigenen Stellungnahme in der Angelegenheit ab.

Kita: Mitarbeiterinnen sollen versetzt werden

Unzufriedenheit herrscht auch über den augenscheinlichen Wunsch der Stadt, ausgerechnet die zwei Erzieherinnen, die der Wahrnehmung der Eltern nach maßgeblich zur Aufklärung der Verdachtsfälle beigetragen haben, in eine andere Kita zu versetzen. „Mir wurde von der Stadt nahegelegt, mir eine andere Einrichtung zu suchen“, berichtet Erzieherin Natascha Zachocki, die ihre Beobachtungen beim LVR und bei der Polizei zur Anzeige gebracht hatte.

Für diesen „Alleingang“ habe sie scharfe Kritik seitens Stadt und Einrichtungsleitung einstecken müssen. Letztere habe sie durchaus frühzeitig mit ihrem Verdacht konfrontiert, versichert Zachocki, die Leiterin habe dies aber nicht ausreichend ernst genommen. „Ich habe aus Überzeugung gehandelt, weil mir der Kinderschutz sehr wichtig ist.“ Das Solinger Jugendamt wolle sich „zum Inhalt von Personalgesprächen nicht äußern“, heißt es dazu vonseiten der Stadt.

Eigenverantwortliches Handeln von Mitarbeitenden, wenn beispielsweise das Vertrauensverhältnis zur Vorgesetzten beeinträchtigt ist, sei für den Landschaftsverband Rheinland im Zweifel nicht nur legitim, sondern sogar ausdrücklich erwünscht, macht LVR-Sprecher Till Döring deutlich: Zwar sei die Einrichtungsleitung oder der Träger bei dem Verdacht auf kindeswohlgefährdende Situationen der erste Ansprechpartner. „Es kann aber Gründe dafür geben, auch ohne die Einbeziehung der Leitung oder des Trägers an das Landesjugendamt heranzutreten. Natürlich geht dann der Schutz der Kinder in der Kita vor und Mitarbeitende sollten Gefährdungen des Kindeswohls an das Landesjugendamt melden.“ Dies sei prinzipiell auch vertraulich möglich.

Die Ermittlungen von Polizei und Staatsanwaltschaft dauern an und dürften sich schwierig gestalten, da viele womöglich betroffene Kinder zum fraglichen Zeitpunkt sehr klein waren und ihre Erlebnisse kaum verbalisieren konnten. Die Stadt betont derweil das Ziel, mit den Eltern „gemeinsam einen positiven Alltag in der Kita Klingenbande zu gestalten“.  

Hintergrund

Maßnahmen: Laut Angaben des Solinger Jugendamtes sei allen Eltern und Kindern im Zuge der Verdachtsfälle umgehend psychologische Unterstützung durch die Solinger Beratungsstellen angeboten und die Bergische Kinderschutzambulanz aus Remscheid beratend hinzugezogen worden. Zudem habe man dem Team der Einrichtung eine Supervision angeboten.

Grundsatz: Für die beschuldigte Erzieherin gilt der Rechtsprinzip der Unschuldsvermutung.

Lesen Sie auch: Erzieherinnen der Kindertagesstätte Schatzkiste werden bedroht

Standpunkt von Kristin Dowe: Kinderschutz geht vor

kristin.dowe@solinger-tageblatt.de

Sicherlich ist es für die offiziellen Stellen nie einfach, im Falle des Verdachts auf kindeswohlgefährdendes Verhalten einer Mitarbeiterin die Balance zu halten – zwischen dem Handlungsdruck zum Schutz der Kinder auf der einen Seite und der geltenden Unschuldsvermutung für die Beschuldigte auf der anderen. Ungeachtet des Ausgangs der strafrechtlichen Ermittlungen gab es im vorliegenden Fall aber offenbar früh Anzeichen für Grenzüberschreitungen.

Zudem ist bei einigen Eltern der Eindruck entstanden, dass kritische Stimmen eher unerwünscht sind. Dass dem Verdacht jetzt konsequent nachgegangen wird, ist im Gesamtbild vor allem der Eigeninitiative einer Erzieherin zu verdanken, die dafür nun augenscheinlich negative Sanktionen erfährt. Das wirft Fragen auf. Denn der LVR ermutigt Mitarbeitende ausdrücklich, Verdachtsfälle im Zweifel auch ohne interne Absprache an das Landesjugendamt zu melden. Aus gutem Grund – denn Hierarchien und das Ansehen einer Einrichtung dürfen niemals über den Kinderschutz gestellt werden.

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