Kirche und Demokratie – Liebe auf den zweiten Blick

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Theologen laden im ST zur Andacht ein – heute der evangelische Pfarrer Christof Bleckmann

Liebe Leserin, lieber Leser,

heute kamen meine Briefwahlunterlagen. Ich bin nicht der Einzige, der so an der Kommunalwahl teilnimmt. Die Wahlämter melden rege Nachfrage. Eine gute Nachricht für die Demokratie! Und was für ein Glück, dass wir wählen können. Menschen in Diktaturen wären froh, hätten sie die Wahl.

„Die Kirche war in ihrer Geschichte nicht gerade eine Vorreiterin der Demokratie.“

Pfarrer Christof Bleckmann

Aber Kirche und Demokratie ist nur eine Liebe auf den zweiten Blick: Die Demokratie ist die beste Gesellschaftsform, die die Menschheit entwickelt hat. Nirgends sonst gibt es so viel persönliche Freiheit und einen offenen Wettstreit um die besten Lösungen. Die Kirche war in ihrer Geschichte nicht gerade eine Vorreiterin der Demokratie. Zu stark war ihre Verflechtung mit Herrschern, die die Macht des Volkes fürchteten. “Jedermann sei untertan der Obrigkeit” - dieser Satz aus dem neutestamentlichen Römerbrief (13,1) soll klarstellen, dass Christen Ordnungen respektieren. Er wurde missdeutet als Aufruf zu blindem Gehorsam.

Heute ist die evangelische Kirche selbst demokratisch verfasst. Die “Obrigkeit” ist der soziale Rechtsstaat. Die Kirche wirkt mit, ist kein Organ des Staates, sondern Partnerin. In Solingen etwa ist die evangelische Kirche aktiv im Sozialbereich, in Pflege, Bildung und Kultur. Letzte Woche hat der Deutsche Städte- und Gemeindebund das Problem diskutiert, dass kleiner werdende Kirchen auch weniger Kraft haben, im Gemeinwesen zu wirken. Wer durch seine Mitgliedschaft die Kirche stärkt, stärkt auch die soziale Struktur im Stadtteil.

Die Demokratie ist gefährdet durch Populisten, Vereinfacher, Angstmacher, Ausgrenzer. Sie haben kein Interesse an praktikablen Lösungen, die unter Wahrung von Grundrechten wie Gleichberechtigung und Minderheitenschutz umsetzbar sind. Populisten erreichen Aufmerksamkeit durch Tabubrüche und Emotionalisierungen. „Das wird man ja wohl sagen dürfen“ - das Recht auf Meinungsfreiheit beanspruchen sie für sich selbst, bedrohen jene, die anderer Meinung sind. Hass ist aber keine Meinung.

Demokratie ist mehr noch gefährdet, wenn sich zu wenige aktiv für sie einsetzen. “Wenn du dich nicht um mich kümmerst, gehe ich.” Demokratie lebt vom Mitmachen, und es fängt im Kleinen an: In jeder Schulklasse wurden jetzt nach den Ferien Klassensprecher und Elternvertreter gewählt. Es gibt Betriebsräte, Heimbeiräte, Vereins- und Chorvorstände, in Kirchengemeinden Presbyterien und in der Kommune Bezirksvertretungen und den Stadtrat – genug zu tun für demokratisch Gesinnte: Kompromisse finden, Sachverhalte erklären und wieder hinterfragen. Hört sich anstrengend an und ist es zuweilen auch. Ducken sich manche weg, weil Demokratie mühsam ist? Nehmen ihr Wahlrecht nicht wahr, lassen einfach die anderen machen? Demokratie braucht das Erlebnis, dass meine Stimme und mein Engagement etwas bewirken.

Wer sich im Alltag demokratisch engagiert, verdient Anerkennung und Vertrauen. Ich wünsche den Kandidierenden der Kommunalwahl am 13. September eine hohe Wahlbeteiligung. Was die Mitglieder des neugewählten Stadtrats dann entscheiden werden, möge zum Segen für alle Solinger werden: nicht nur für jene, die bei der eigenen Partei das Kreuzchen machten, sondern auch für die, die anders wählten oder nicht wählten.

Es ist eine Pflicht gegenüber kommenden Generationen, dass Gutes bleibt - auch über eine kurze Wahlperiode hinaus.

Ihr Pfarrer Christof Bleckmann

Zur Person

Pfarrer Christof Bleckmann ist seit Mai 2020 Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Ketzberg. „Demokratische Früherfahrungen“ machte er in der Schülervertretung und bei der Mitarbeit in kirchlichen Gremien.

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