Mordprozess geht weiter

Kindstötung in der Hasseldelle: Angeklagte wurde womöglich missbraucht

Die Angeklagte im Gespräch mit Rechtsanwalt Felix Menke, einem ihrer drei Verteidiger. Foto: Tim Oelbermann
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Die Angeklagte im Gespräch mit Rechtsanwalt Felix Menke, einem ihrer drei Verteidiger.

Hasseldelle: Im Prozess um eine fünffache Kindstötung äußerte sich eine ehemalige Lehrerin der Beschuldigten

Solingen. Im Prozess um eine fünffache Kindstötung vor dem Landgericht Wuppertal äußerte gestern eine ehemalige Lehrerin der Angeklagten den Verdacht, dass die beschuldigte Mutter als Kind missbraucht worden sein könnte. Die heute 28-jährige Solingerin muss sich derzeit wegen Mordes an fünf ihrer sechs Kinder verantworten. Wie berichtet, soll sie die drei Mädchen und zwei Jungen im Alter von einem bis acht Jahren im September 2020 in ihrer Wohnung in der Hasseldelle zunächst mit Medikamenten ruhiggestellt haben, um sie anschließend in der Badewanne zu ersticken oder zu ertränken. Der 13-jährige Sohn der Familie überlebte die Tat als einziges Kind, da er sich zum fraglichen Zeitpunkt in der Schule befand.

Die als Zeugin geladene, frühere Lehrerin der Angeklagten hatte sich aus eigener Initiative bei der Polizei gemeldet. So sei die Beschuldigte anfangs eine gute Schülerin mit mehreren Freundinnen gewesen. In der siebten Klasse hätten die Auffälligkeiten dann begonnen: Das Mädchen habe behauptet, es werde von „einem schwarzen Mann mit einem Messer verfolgt“.

Angeklagte wurde als Kind psychiatrisch behandelt

Oft sei die Jugendliche ernsthaft verängstigt gewesen und habe hyperventiliert – gleich mehrfach habe die Lehrerin deshalb einen Krankenwagen rufen müssen. Die ehemals gute Schülerin, so schilderte die Zeugin, blieb der Schule immer häufiger fern und baute scheinbar grundlos mehr als 200 Fehlstunden auf. „Sie konnte im Kunstunterricht plötzlich nicht mehr mit Tapetenkleister arbeiten“, schilderte die Lehrerin weiter. Dies sei oft ein Anzeichen für sexuellen Missbrauch, weil der Kleister die Opfer an das Sperma des Täters erinnere. Sie habe sich mit ihren Kolleginnen damals dafür stark gemacht, dass die Schülerin in einer Kinder- und Jugendpsychiatrie behandelt wird, worauf deren Eltern sich auch kurzzeitig eingelassen hätten. Sie hätten das Mädchen die Therapie aber nicht beenden lassen und es von der Schule abgemeldet.

Tatsächlich hatte die Angeklagte gegenüber den psychiatrischen Sachverständigen im Laufe des Verfahrens angegeben, im Alter von 13 Jahren vergewaltigt worden zu sein. Die Lehrerin bedauere zutiefst, dass das Team der Schule später keinen Einfluss mehr auf das Kind hatte. „Ich weiß nicht, wie ihr Leben sonst verlaufen wäre.“

Viel Überwindung kostete offenbar auch eine andere Zeugin ihre Aussage: Die Konrektorin einer Solinger Schule hatte an dem Tag, an dem die Tat sich ereignet hatte, einen Anruf der jungen Mutter entgegengenommen. Diese hatte die Lehrerin gebeten, den 13-jährigen Jungen „wegen eines Todesfalls“ nach Hause zu schicken, wurde aber nicht konkreter, um wen es sich dabei handelte. Um das Kind nicht zu verstören, vereinbarte man, den Jungen unter dem Vorwand, er habe einen Zahnarzttermin, nach Hause zu schicken. „Ich hatte von Anfang an ein schlechtes Bauchgefühl“, erinnerte sich die Pädagogin an die Situation. Schließlich machte im Kollegium die Nachricht die Runde, dass fünf Kinder in Solingen tot aufgefunden worden waren. „Da habe ich richtig Angst bekommen.“

Der Junge selbst äußerte sich später in einem Gruppenchat seiner Klasse, wie einige Sprachnachrichten zeigen, die bei der Verhandlung abgespielt wurden. Dort berichtet er seinen Klassenkameraden davon, dass seine „Geschwister alle tot“ seien und er jetzt auch nicht mehr wiederkomme. Außerdem schildert er einen angeblichen Unfall, den die Mutter im Zusammenhang mit einem Lkw gehabt haben soll, bei dem die Kinder ums Leben gekommen seien.

Schule konnte die schwierige Situation gut meistern

Wie konkret diese Version der Geschichte in die Welt kam und ob der Junge sie behauptet hat, um seine Mutter zu schützen, wurde im Prozess nicht deutlich. Wie groß das seelische Leid des Jungen sein musste, lässt sich anhand der verzweifelt klingenden Nachrichten nur erahnen. Seine Klassenkameraden machten darüber zunächst noch Scherze – offenbar weil sie den Ernst der Lage nicht erkannten.

In der Schule sei der Fall dann entsprechend aufgearbeitet worden, schildert die Konrektorin weiter und kann der tragischen Situation im Nachhinein noch etwas Positives abtrotzen: „Die Kollegen sind unfassbar gut mit der Situation umgegangen“, lobte sie. So sei eiligst ein Krisenteam aus Schulsozialarbeitern und Schulpsychologischem Dienst zusammengestellt worden. „Wir konnten alle Kinder gut auffangen.“

Hintergrund

Gestern wurden weitere Zeugen vernommen, um den Ablauf des Suizidversuchs der Angeklagten zu klären. Sie hatte sich nach der Tat am Düsseldorfer Hauptbahnhof vor einen Zug geworfen. Sie will aber in letzter Sekunde zurückgeschreckt und auf die Gleise gestürzt sein.

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