Interview

„Kinderschutz geht uns alle an“

Rüdiger Mann leitet den Stadtdienst Jugend bei der Stadt Solingen. Foto: Michael Schütz
+
Rüdiger Mann leitet den Stadtdienst Jugend bei der Stadt Solingen.

Jugendamtsleiter Rüdiger Mann schildert die Schwierigkeiten bei einer Inobhutnahme.

Von Kristin Dowe 

Herr Mann, der Fall eines 38-jährigen Solingers, der im Verdacht steht, seine zwölfjährige Tochter missbraucht zu haben, hat für Erschütterung gesorgt. Das Jugendamt hat das Mädchen später in Obhut genommen. Wie häufig muss die Behörde in dieser Form einschreiten?

Rüdiger Mann: Wenn wir einen Blick auf das vergangene Jahr werfen, gab es da insgesamt 501 Verdachtshinweise über eine mögliche Kindeswohlgefährdung, die es zunächst zu überprüfen galt. Von diesen Gefährdungen haben 131 zu einer Inobhutnahme des Kindes geführt. In acht Fällen bestand der Verdacht, dass sexuelle Gewalt gegen ein Kind eine Rolle spielen kann. In vier dieser acht Fälle hat sich dieser Verdacht bestätigt, so dass das Familiengericht eingeschaltet und die betroffenen Kinder aus den Familien herausgenommen wurden.

Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, damit das Jugendamt so einen Schritt gehen kann?

Mann: Die Latte liegt da relativ hoch. Wir müssen allen Hinweisen sorgfältig nachgehen, denn natürlich kommt es auch vor, dass ein Verdachtsfall sich nicht bewahrheitet und möglicherweise eine strittige Trennung der wahre Grund für eine Anschuldigung ist. Wir benötigen ein hohes Maß an Sicherheit, denn ein falscher Verdacht wäre für die Betroffenen extrem belastend, und für die Kinder oft auch traumatisierend. Eine Inobhutnahme ist rechtlich gesehen unerlässlich, wenn eine erhebliche Schädigung der Gesundheit des Kindes und eine mangelnde Förderung vorliegen. Dazu gehört zum Beispiel, wenn ein Kind körperlicher Gewalt ausgesetzt ist.

Was würde Ihnen und Ihrem Team die Arbeit erleichtern?

Mann: Bei einer Kindeswohlgefährdung hat in Nordrhein-Westfalen jede Kommune einen gewissen Ermessensspielraum und kann eigenständig über einen solchen Fall entscheiden. Das macht unsere Arbeit nicht immer einfacher, denn oft gibt es eine gewisse Rangelei um die Zuständigkeiten. Das hat beispielsweise der Missbrauchsskandal in Lügde deutlich gezeigt, durch den in diesem Punkt einiges in Bewegung gekommen ist. Da waren teilweise mehrere Jugendämter über Landesgrenzen hinweg involviert. Auch wäre es hilfreich, wenn uns psychiatrische Gutachten schneller vorliegen würden. Sonst verlieren wir wertvolle Zeit.

Können Sie es bei so einem sensiblen Thema wie Kindes-entzug überhaupt jemandem recht machen?

Mann: Das ist in der Tat schwierig. Entweder heißt es, das Jugendamt klaut Eltern die Kinder oder die Behörde habe nicht rechtzeitig gehandelt. Grundsätzlich ist es unsere Aufgabe, mit allen Mitteln das Wohl der Kinder sicherzustellen, wobei wir bei einer Inobhutnahme stark in deren Grundrechte eingreifen. Bei einer Gefährdungssituation müssen wir genau abwägen, wie wir reagieren und dabei aber auch gleichzeitig mit den Eltern zusammenarbeiten. Unsere Mitarbeiter sind für diese verantwortungsvolle Aufgabe auch hervorragend ausgebildet. Von außen sieht unsere Arbeit oft einfacher aus als sie ist.

Welche Rolle spielen die Mütter bei Missbrauchsfällen?

Mann: Da gibt es eine große Bandbreite, die von völliger Ahnungslosigkeit in Bezug auf den Missbrauch über stille Mitwisserschaft bis hin zu einer Mittäterschaft führt. Vom Verhalten der Mutter hängt es auch ab, ob das Kind später zu ihr zurückkehren kann. Denn unser Ziel ist immer, das Kind zurück in die Familie zu bringen. Es gab auch schon Fälle, in denen wir Mütter vor die Wahl stellen mussten: entweder dieser Mann oder ihre Kinder.

Wie hoch ist die Sensibilität in der Gesellschaft für Missbrauch und allgemein Gewalt an Kindern?

Mann: Die ist mittlerweile schon sehr hoch. Oft tragen Menschen einen Verdacht lange mit sich herum, bis sie etwas unternehmen. Auf der anderen Seite haben etwa Kinderärzte heute das Recht, ihre Schweigepflicht zu brechen, wenn sie befürchten, dass ein Kind misshandelt wird. Dann dürfen und müssen sie darauf aufmerksam machen. Darauf können zum Beispiel bestimmte charakteristische Verletzungen hindeuten: blaue Flecken hinter den Ohren oder an den Innenseiten der Arme und Beine. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass sich ein Kind diese bei einem Sturz zugezogen hat. Wichtig ist, dass alle Beteiligten – Jugendamt, Kitas, Schulen, Polizei, Eltern und Lehrer – einen engen Austausch pflegen. Und dass überall dort, wo mit Kindern gearbeitet wird, sehr genau hingeschaut wird. Auch das Verhalten kann auf Gefährdungslagen zu Hause hindeuten. Kinderschutz geht uns alle an.

Anlaufstellen

Wer vermutet, einen Fall von Missbrauch oder Gewalt gegen Kinder zu kennen, kann sich anonym an eine Beratungsstelle wenden, wie sie etwa bei Diakonie, Caritas, Awo oder Paritätischem Wohlverband eingerichtet sind. Die Fachstelle Kinderschutz des Jugendamtes der Stadt Solingen ist unter Tel. 290-23 45 erreichbar.

Missbrauchsfall

Am 9. Juni nahm die Polizei einen 38-jährigen Höhscheider auf einem Campingplatz fest, der im Verdacht steht, seine zwölfjährige Tochter missbraucht zu haben. Das Jugendamt nahm diese sowie den neunjährigen Sohn der Familie in Obhut. Aus Datenschutzgründen macht die Stadt zum konkreten Fall keine Angaben.

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesen

Corona: Solingen wieder mit landesweit höchsten Wert - Impfungen in Burg und Südpark
Corona: Solingen wieder mit landesweit höchsten Wert - Impfungen in Burg und Südpark
Corona: Solingen wieder mit landesweit höchsten Wert - Impfungen in Burg und Südpark
Rückkauf der Ohligser Festhalle erntet Zustimmung
Rückkauf der Ohligser Festhalle erntet Zustimmung
Rückkauf der Ohligser Festhalle erntet Zustimmung
Zahlreiche Kunden unterstützen Verkaufsaktion im Wipperkotten
Zahlreiche Kunden unterstützen Verkaufsaktion im Wipperkotten
Zahlreiche Kunden unterstützen Verkaufsaktion im Wipperkotten
Nach dem Hochwasser kehrt der Alltag nicht zurück
Nach dem Hochwasser kehrt der Alltag nicht zurück
Nach dem Hochwasser kehrt der Alltag nicht zurück

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Kommentare