Familienzeit

Kinderarzt: „ADHS gibt es nicht“

Dr. Bernhard Ibach fordert, Kindern und Jugendlichen mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Foto: Roland Keusch
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Dr. Bernhard Ibach fordert, Kindern und Jugendlichen mehr Aufmerksamkeit zu schenken.

INTERVIEW Dr. Bernhard Ibach aus Remscheid kritisiert die Vergabe des Medikaments Ritalin an Kinder.

Das Gespräch führte Daniel Juhr

Herr Dr. Ibach, Sie befassen sich als erfahrener Kinderarzt sicher auch mit ADHS.

Dr. Bernhard Ibach: Ja, und ich sage, diese sogenannte Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung ist keine Krankheit. Auch der amerikanische Psychiater Leon Eisenberg gestand 40 Jahre, nachdem er den ADHS-Begriff eingeführt hatte, dass er nicht mehr an ADHS glaube. Es sei ein Paradebeispiel für eine fabrizierte Erkrankung.

Eine These, die in der heutigen Zeit natürlich polarisiert. Worauf stützen Sie diese?

Ibach: Ganz einfach: Bei Kindern, die angeblich ADHS haben, konnte keine neurobiologische Störung nachgewiesen werden, die zur Vergabe einer medizinischen Diagnose berechtigt. Die Ritalinabgabe ist vor allem ein lukratives Geschäft für alle Beteiligten.

Wie wirkt Ritalin eigentlich?

Ibach: Ähnlich wie Kokain. Es steigert die Leistungsfähigkeit und führt zur Abhängigkeit. Mittlerweile sollen auch Universitätsprofessoren Methyl-phenidat einnehmen, um sich zu pushen. Wer Kindern und Erwachsenen suchterzeugende Medikamente verabreicht, macht sich schuldig, wenn der beabsichtigte Zweck nicht anderweitig erreicht werden kann. Es gibt eine große Palette von alternativen Therapieangeboten.

Sie sind Mitte sechzig, haben über viele Jahre die Kinder- und Jugendmedizin am Sana-Klinikum in Remscheid geleitet und betreiben nun seit einigen Jahren mit zwei Kolleginnen eine privat- ärztliche Kinderarztpraxis. Warum gehen Sie mit diesem Thema jetzt nach vorne?

Ibach: In den 40 Jahren meiner kinderärztlichen Tätigkeit habe ich versucht, nach bestem Wissen und Gewissen zu arbeiten. Dennoch muss ich rückblickend erkennen, dass ich neue Behandlungsmethoden mitgetragen und umgesetzt habe, die sich als nicht positiv herausstellten. Dies bedaure ich sehr und sehe mich verpflichtet, entschieden auf Fehlentwicklungen hinzuweisen.

Wenn Ihrer Ansicht nach ADHS nicht existiert, wie erklären Sie dann, dass lebhafte Kinder als krankhaft abgestempelt werden?

Ibach: Lehrerinnen und Lehrer leiden bei unserem Schulsystem mit unzureichender Personalausstattung häufig an Belastungsstress. Temperamentvolle Kinder werden als belastender Störfaktor wahrgenommen. Dies rechtfertigt dennoch nicht, Kinder und Jugendliche drogenabhängig zu machen. Das Wichtigste ist, jedes Kind einzeln zu betrachten, die einzelnen Stärken zu fördern und nicht immer auf den Schwächen herumzureiten. An kleinen Schulen mit kleinen Klassen ist es einfacher, die Talente des Einzelnen zu entdecken, ihn zu fördern und mögliche Auffälligkeiten gar nicht erst entstehen zu lassen. Der eine kann mit sieben Jahren super rechnen, der andere auf Bäume klettern, und wenn einer jetzt ein Tiger sein will, dann ist er jetzt eben mal für ein paar Minuten ein Tiger. Der brüllt, schreit und springt. Wichtig ist es, mit Defiziten von Kindern auch mal spielerisch umzugehen. Nicht immer mit Kritik. Jedes Kind ist anders. Als Schüler war ich im Unterricht vielfach anderweitig beschäftigt. Als ich vor dem Abitur äußerte, Medizin studieren zu wollen, wurde dies sehr skeptisch kommentiert.

Also ist das Thema ADHS hausgemacht? Ein gesellschaftliches Problem? Oder auch ein politisches?

Ibach: Es gibt gute pädagogische Ansätze, etwa die Inklusion. Die Lehrerinnen und Lehrer sind hervorragend ausgebildet. Jedoch: Es fehlen die finanziellen Mittel, das vorhandene Potential auszuschöpfen. Es kann nicht angehen, Mängel wie bestehenden Personalmangel und Unterlassung von pädagogischen Projekten durch Drogenbehandlung von Kindern und Jugendlichen zu ersetzen. Hier versagen Politik und Ärzteschaft. Ein eklatantes Beispiel aus meiner Praxis: Die Mutter eines sieben Jahre alten Mädchens ruft an und bittet um Rat. Ihre Tochter sei mit den Schulleistungen abgerutscht. Die Schulnoten seien in einigen Bereichen von Zwei auf Drei gefallen. Um diesem Abwärtstrend vorzubeugen, sieht sich die Mutter auf Anraten der Lehrerin gezwungen, obwohl es ihr eigentlich widerspreche und ein ungutes Gefühl mache, einer Behandlung mit Ritalin zuzustimmen.

Hatten Sie weitere Fälle in Ihrer Praxis?

Ibach: Sicher. Ein 14 Jahre alter Junge möchte aus der ihm seit Jahren verordneten Ritalin-Behandlung aussteigen, da er sich zunehmend in allem gebremst und beeinträchtigt erfahre. Er setzt es selbstständig ab. Die Eltern teilen dies dem Klassenlehrer mit, und dieser ordnet an, dass der junge Mann den Klassenraum nur noch betreten dürfe, wenn er seine Medikation mit Ritalin konsequent weiterführe. Das kann doch nicht sein. Hier sind auch die Eltern gefragt. Johann Wolfgang von Goethe hat es sehr weise formuliert: Eltern sollten ihren Kindern Wurzeln und Flügel geben. 

Das Interview mit Dr. Bernhard Ibach ist auch im Gesundheistmagazin PULS erschienen: 

http://puls-gesundheitsmagazin.de/

RITALIN

MEDIKAMENT Ritalin gibt es seit über 70 Jahren. Um das Jahr 1944 herum synthetisierte der Chemiker Leandro Panizzon die Substanz Methylphenidat und testete sie an seiner Frau. Diese verspürte eine belebende Wirkung. Von ihrem Spitznamen Rita leitete Panizzon den Namen für das Medikament ab. 1954 wurde Ritalin in Deutschland eingeführt, 1971 unter das Betäubungsmittelgesetz gestellt.

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