Theologen laden im ST zur Andacht ein

Andacht im ST: Kein Ort ist wie die Heimat

Kerstin Heider stammt aus Wuppertal und ist seit 2018 Pfarrerin in Wald. Sie arbeitet viel mit Kindern und Familien. Fotos: Christoph Heider/cb
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Kerstin Heider stammt aus Wuppertal und ist seit 2018 Pfarrerin in Wald. Sie arbeitet viel mit Kindern und Familien.

Heute schreibt Pfarrerin Kerstin Heider über das Heimatsgefühl.

Liebe Leserin, lieber Leser,

es gibt keinen Ort, der so ist wie Heimat. Das sagt Dorothy am Ende des Films „Der Zauberer von Oz“. Und die Magie der roten Schuhe bringt sie zurück nach Kansas, zurück zu ihrer Tante Em. Sie kehrt zurück an den Ort, von dem sie am Anfang des Films noch unbedingt weg wollte, wo es für sie gefühlt keinen Platz gab. Am Ende ihres Abenteuers hat dieser trostlose Ort aber plötzlich eine andere Bedeutung für sie: Kein Ort ist wie die Heimat.

Aber was ist Heimat? Ist es der Ort, an dem wir geboren wurden? Wo wir aufgewachsen sind? Ist es überhaupt ein Ort oder ist es nicht eher ein Gefühl?

Ich wohne noch nicht lange in Solingen, also würde ich mich noch nicht eine Solingerin nennen. Doch als ich vor einigen Wochen durch Wald fuhr, kam der Kirchturm in meinen Blick und da war es: ein Gefühl von Heimat. Ganz plötzlich und unvermittelt.

There is no place like home. Heimat ist ein Ort, nach dem man sich sehnt. Ein Sehnsuchtsort – diese schöne Umschreibung habe ich einmal gelesen. Und für mich kann ich sagen, dass das stimmt. Denn Heimat ist so viel mehr als ein Punkt auf der Karte. Es ist ein Gefühl, verbunden mit Erinnerungen an Menschen, an Erlebnisse, an Gerüche. Erst diese Erinnerungen lassen ein Gefühl von Heimat in mir aufsteigen. Umso mehr schmerzt es, wenn diese Erinnerungen gefährdet sind. Vor einigen Wochen haben wir erlebt, wie ein Hochwasser alles weggespült hat. So schnell ging vieles verloren, manches davon vielleicht für immer.

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Diese Erfahrung ist auch der Bibel nicht fremd. In einem Psalm etwa singen die Israeliten im fernen Babylon von ihrer Heimat. Als der Krieg verloren war, mussten sie fortgehen. Die Besatzer haben sie einfach umgesiedelt, sie konnten nichts dagegen tun. In der Fremde sangen sie von Israel, von Zion: „Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird, so werden wir sein wie die Träumenden. Dann wird unser Mund voll Lachens und unsere Zunge voll Rühmens sein“ (Ps 126,1-2a). Wenn sie aus der Ferne von Zion träumen, dann meinen sie damit mehr als nur einen Punkt auf der Landkarte. Zion steht für eine Heimat, in der Friede, Freiheit und Ruhe herrschen, wo alle Welt im Einklang lebt mit Gott. Einen solchen Ort findet man auf keiner Karte. Es ist kein Ort, an dem man einfach nur ist. Den man einzäunen und gegen jede Veränderung verteidigen könnte. Das braucht es auch gar nicht. Denn Heimat ist so viel mehr, als wir mit Händen greifen und besitzen können. Es ist eine Sehnsucht, es ist ein Träumen.

Daran knüpfte Jahrhunderte später der Hebräerbrief an: „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir“ (Hebr 13,14). Natürlich richten wir uns hier auf der Welt ein. Wir haben Erinnerungen an Orte, an Menschen, an bestimmte Momente. All das ist Heimat für uns. Aber es ist nicht alles. Der Hebräerbrief weist darüber hinaus auf eine andere, eine vollständige Heimat, in der all das Wirklichkeit wird, wovon schon die Israeliten in Babylon träumten: Ruhe, Frieden, Freiheit, eine Welt im Einklang mit Gott. Der Hebräerbrief erinnert daran, die Sehnsucht danach wach zu halten. Das Träumen nicht aufzugeben. Und beständig auf dem Weg zu bleiben, hin zu dieser zukünftigen Heimat, zu diesem Sehnsuchtsort, der uns manchmal nah und manchmal fern scheint.

Um zu erfahren, wie sich Heimat anfühlt, muss man sich auf den Weg machen. Erfahrungen sammeln und dabei selbst eine andere werden. So wie die Israeliten im fernen Babylon, die erst aus der Distanz lernen, was wirklich zählt. Oder wie Dorothy im Zauberer von Oz, die sich aufmachen musste, um zu erfahren, wer sie ist und wo sie sein möchte.

Ihre Pfarrerin Kerstin Heider

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