Rückblick

Die Kaufhof-Ära in Solingen geht zu Ende

Der Kaufhof prägte das Bild der Innenstadt mit. Die Aufnahme stammt aus den 1950er Jahren, die Obergeschosse fehlten noch.       Foto: Stadtarchiv
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Der Kaufhof prägte das Bild der Innenstadt mit. Die Aufnahme stammt aus den 1950er Jahren, die Obergeschosse fehlten noch.

Am Samstag schließt das Traditions-Kaufhaus nach über 90 Jahren seine Türen. Ein Rückblick von ST-Autor Andreas Erdmann.

Am Samstag wird der Kaufhof als alteingesessenes Solinger Kaufhaus seine Filiale an der Hauptstraße für immer schließen. Dies geschehe „aus wirtschaftlichen Gründen, aber auch wegen einer anhaltend negativen Entwicklung des Umfelds“, hatte das Unternehmen mit Sitz in Köln verlauten lassen. 37 Mitarbeiter sind von der Schließung betroffen.

Zigtausende Solinger warteten am 13. März 1928 auf die Eröffnung des Kaufhauses Tietz.

Über 90 Jahre lang prägte der Kaufhof, gegründet als Tietz, das Stadtleben mit. Dabei reicht die Geschichte der Tietz-Filialen bis 1879 zurück und führt nach Stralsund, wo der jüdische Kaufmann Leonhard Tietz einen kleinen Laden für Garne und Knöpfe, Stoffe und Wollwaren eröffnete. Seine Geschäftsgrundsätze „Festpreise, Barzahlung und Rückgaberecht“ waren damals ein absolutes Novum.

Das erste nach französischem Vorbild in Deutschland geschaffene sogenannte Mehrabteilungs-Kaufhaus eröffnete Tietz 1885 in Elberfeld. Er verlegte auch den Firmensitz dorthin und verlagerte diesen später nach Köln. Das Unternehmen wuchs beständig. Im März 1928 eröffneten die Söhne Alfred Leonhard und Gerhard Tietz auch in Solingen am Mühlenplatz eine Filiale in einem neu errichteten Haus. Laut Berichten kamen 10 000 Menschen zum Verkaufsstart. Das prächtige viergeschossige Gebäude beherbergte unterschiedliche Warenabteilungen unter anderem mit Herren-, Damen- und Kinderbekleidung, Heimtextilien, Teppichen und Haushaltswaren, Elektrogeräten und Lebensmitteln. Im Obergeschoss war ein Restaurant mit Dachterrasse untergebracht.

1946 ging der Verkauf in einem Gießerei-Lagerraum weiter

Anfang der 1930er Jahre führte die Kaufhaus-Kette deutschlandweit 43 Filialen. Als die Nationalsozialisten 1933 auf die „Arisierung jüdischer Kaufhäuser“ drängten, wurde die Leonhard Tietz AG in Westdeutsche Kaufhof AG umbenannt. Die Familie Tietz musste ihre Anteile unter Wert an Banken abgeben und emigrierte.

Am Samstag schließen sich die Türen des Traditionshauses in der Solinger Innenstadt.

Im November 1944, bei den Bombenangriffen auf die Solinger Innenstadt durch britische Flieger, wurde auch der Kaufhof getroffen und vollständig zerstört. Doch der Verkauf ging weiter: zuerst in einer Merscheider Gaststätte, 1946 in einem Lagerraum der Gießerei Rautenbach an der Hauptstraße. 1950 bezog die Kaufhof AG einen Neubau an der alten Stelle, der schon 1951 und 1953 vergrößert und aufgestockt wurde.

Neben den unterschiedlichen Warenabteilungen nahm auch wieder ein Restaurant den Betrieb auf. Darin fanden in den 1960er Jahren öffentliche Modenschauen statt. Nicht selten holte man sich Prominenz ins Haus – so kamen die Fußballweltmeister Fritz und Ottmar Walter zur Autogrammstunde. Vor Weihnachten gab es für Kinder alljährliche Bastelnachmittage, und bis in die 1970er Jahre hinein beschenkte der „Nikolaus“ regelmäßig Solinger Kinder.

Von Kunden gestürmt wurde der Kaufhof jeweils zum Winter- und Sommerschlussverkauf. Dann wurden für die Dauer von zwölf Werktagen verbilligte Waren unters Volk gebracht, um die Lager für Neues freizumachen. Lange Zeit befand sich das Unternehmen beständig im Wachstum.

Lesen Sie auch: Der Solinger Kaufhof - Von Lehrjahren, Nachtschalen und Gurkenfässern

1977 erwirtschaftete der Kaufhof einen Umsatz von 9,94 Milliarden Mark an knapp 90 Standorten. Anfang der 1980er Jahre wurde das Gebäude in Solingen für 11 Millionen Mark umgebaut. 1983 bestand die dortige Belegschaft noch aus 240 Personen.

In den 1990er Jahren zeichneten sich Umsatzeinbrüche ab. Insbesondere die zunehmend kaufkräftigen jungen Kunden erwarben ihre Kleidung kaum mehr in klassischen Kaufhäusern. Dem versuchte man mit einem neuen, auf Jugendlichkeit zugeschnittenen Kaufhaus-Konzept entgegenzuwirken: Lust-for-Life- und Galeria-Kaufhof-Filialen entstanden.

WIE GEHT ES WEITER?

GEBÄUDENUTZUNG Eigentümer Dr. Jochen Stahl plant eine Attraktivierung der Immobilie. Dabei sollen die Fassade modernisiert und die Verkaufsflächen auf mehrere Mieter aufgeteilt werden. Woolworth zieht mit 1200 Quadratmetern Ladenfläche ins Erdgeschoss ein. Es bestehen zudem Überlegungen, im Erdgeschoss eine Passage zu schaffen, durch die Kunden trockenen Fußes von den Clemens- Galerien bis zum Fronhof gelangen können.

In Solingen reduzierte man das Warensortiment und konzentrierte sich auf Bekleidungs- und Sportartikel. 1999 wurden die beiden oberen Verkaufsetagen an den Elektrokonzern Saturn vermietet. Dieser zog 2013 wieder aus – ins neu eröffnete Hofgarten-Zentrum am Neumarkt.

Zuletzt versuchte man gegen fortlaufende Umsatzeinbrüche mit einem Online-Shop, einer Mobile App und Tablets innerhalb der Kaufhäuser anzugehen. Zudem trennte man sich nach und nach von weniger rentablen Filialen – so in Krefeld, Leipzig, Nürnberg, Köln-Kalk und Berlin-Ost. Nun triff es auch die Filiale in Solingen.

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