Katatrophenschutz

Blackout: Das sind die Vorbereitungen in Solingen

Jan Welzel (CDU) ist Beigeordneter für Bürgerservice, Recht, Ordnung und Soziales der Stadt Solingen und außerdem Leiter des städtischen Krisenstabes.
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Jan Welzel (CDU) ist Beigeordneter für Bürgerservice, Recht, Ordnung und Soziales der Stadt Solingen und außerdem Leiter des städtischen Krisenstabes.

Ein langer, flächendeckender Stromausfall ist ein unwahrscheinliches Szenario, das dennoch durchgespielt wird.

Von Björn Boch

Solingen. Ein flächendeckender Stromausfall über mehrere Tage ist äußerst unwahrscheinlich, eine Mangellage bei Erdgas angesichts voller Speicher und Sparbemühungen aktuell auch. Dennoch bereitet sich die Stadt auf Krisenszenarien vor. In drei Lenkungsgruppen werden Coronalage, Flüchtlingshilfe und Gasmangellage analysiert. „Die Gruppen arbeiten soweit es geht im Normalbetrieb, können aber jederzeit in den Krisenstabsmodus versetzt werden“, erklärt Krisenstabsleiter Jan Welzel (CDU). Das ST hat die wichtigsten Antworten zur Strom- und Gasversorgung zusammengetragen.

Wie sicher ist das Gasnetz?

Das Solinger Gasnetz ist in 22 Kammern unterteilt. An einer Großgasleitung hängt Solingen gemeinsam mit anderen Städten. Vorteil des kleinteiligen Netzes: Wenn zu wenig Gas für alle fließt, können nach und nach Kammern abgestellt werden. „Ein Projekt, das die Solinger Stadtwerke in diesem Jahr mit Hochdruck umgesetzt haben“, erklärt Welzel. Das Problem bei Gasleitungen: Fließt zu wenig oder kein Gas mehr, müssen sie abgeschaltet werden – ein Wiederhochfahren ist kompliziert und dauert.

Tritt Gasmangel plötzlich auf?

Ziemlich sicher nicht. „Wahrscheinlich werden wir in Deutschland mit einigem Vorlauf berechnen können, dass wir mehr verbrauchen als wir haben“, erklärt Welzel. Dann werden einige verzichten müssen. Wer das sein wird, werde aktuell rechtlich vorbereitet und dann kommuniziert. Nur im Extremfall sollen einzelne Bezirke oder Kammern ganz abgeschaltet werden. „Wenn der Engpass klar ist, kann man ganz anders sparen. Es ist dann sicher besser, eine Weile auf 16 Grad herunterzugehen als plötzlich auf 8 Grad.“

Ist das Stromnetz ähnlich aufgebaut?

Im Stromnetz ist vieles einfacher. Seit der Hochwasserkatastrophe 2021 kennen die Verantwortlichen zudem einen Ernstfall. Mehrere Verteilerstationen waren überflutet oder zur Sicherheit vom Netz genommen worden. Fast alle konnten binnen weniger Tage wieder in Betrieb genommen werden. „Und so traurig das ist: Wir haben gerade den größten Feldversuch in der Ukraine. Alle Strombetreiber schauen sich genau an, was passiert, wenn Verteiler ausfallen – und wie sie wieder ans Netz kommen“, erklärt Welzel. Er hat selbst private Kontakte in die Ukraine. Sein Fazit: Selbst dort gibt es keinen flächendeckenden Ausfall über mehrere Tage. Vielmehr werde Strom in bestimmten Gebieten zu bestimmten Zeiten zur Verfügung gestellt.

Wie groß ist die Gefahr kleinerer Ausfälle?

Kontinuierlicher Zufluss ist Voraussetzung für die Netzstabilität. Durch gezielte Sabotage – physisch oder durch einen Computerangriff – kann es zu in der Fläche begrenzten Ausfällen kommen. „Im Ernstfall stehen die Techniker bereit und bringen mit großer Wahrscheinlichkeit die Schwachpunkte wieder in einer akzeptablen Zeit ans Netz“, ist sich Welzel sicher. Mehrere Tage keinen Strom in der ganzen Region oder gar in der ganzen Republik seien auch deshalb unwahrscheinlich. „Die Chance ist sehr groß, dass Teilstromnetze wieder relativ schnell verfügbar sind.“

Welche weiteren Szenarien gibt es?

Das Problem an den Szenarien, die die Stadt durchspielt: Es gibt sehr viele. „Es sind zu viele Variablen, als dass wir alles bis ins letzte Detail durchdenken können. Als Stadtverwaltung müssen wir vor allem mit den systemrelevanten Betrieben handlungsfähig sein, um den Normalfall wiederherzustellen oder alternativ eine Minimalversorgung sicherzustellen“, so Welzel. Eine weitere Erfahrung aus der Hochwasser-Krisenlage 2021: Bei einem flächendeckenden Ereignis wird es keine Hilfe von außen geben.

Was ist mit Mobilfunk oder Radioempfang?

Es ist denkbar, dass einzelne Masten weitersenden. Bei einem völligen Blackout über einen längeren Zeitraum sind allerdings auch Sendemasten außer Gefecht. Heißt: Licht und elektrische Geräte zu Hause funktionieren ebenso wenig wie Internet oder Telefonie. Sprit gibt es nicht, weil Zapfsäulen Strom brauchen. Auch die meisten Heizungen werden nicht funktionieren.

„Es sind zu viele Variablen, als dass wir alles bis ins letzte Detail durchdenken können.“

Jan Welzel, Krisenstabsleiter

Was ist mit Trinkwasser?

Die Stadt habe in den letzten Monaten analysiert, welche Bereiche unbedingt Strom brauchen und wo was getan werden muss, damit kritische Infrastruktur dezentral weiter funktioniert. Bei einem kompletten Ausfall könne eine Grundversorgung mit Trinkwasser aus zwei verschiedenen Systemen – Glüder und Baumberg – sichergestellt werden. Wasser zum Trinken, Spülen und Waschen sei dann in geringerer Menge verfügbar. Mit dem üblichen Verbrauch durch Duschen oder Baden sei dann nicht zu rechnen, weil es für die meisten nur kaltes Wasser gebe.

Was kann jeder selbst tun?

„Ziel ist, auch auf die Resistenzkräfte in der Bevölkerung zu vertrauen“, sagt Welzel. Wer die Einkaufsliste des Katastrophenschutzes beachte und eine Grundversorgung mit Wasser, Nahrung und Kerzen bereithalte, könne die Zeit besser überbrücken. Auch Pflege- und andere Hilfseinrichtungen sollten die Grundversorgung möglichst aus eigener Kraft so lange wie möglich aufrechterhalten, damit Menschen da bleiben können, wo sie ohnehin sind.

Gibt es Informationspunkte im Notfall?

Mit sogenannten Katastrophen-Leuchttürmen sollen Anlaufpunkte für die Bevölkerung geschaffen werden. Dort ist es dann zum Beispiel möglich, einen Notruf abzusetzen und Hilfe anzufordern – auch medizinische Erstversorgung soll dort möglich sein. Ob dort auch Wärmestuben eingerichtet werden und eventuell sogar ein kleines Stromkontingent für Bürger bereitgestellt werden kann, werde derzeit noch untersucht.

Wo sind diese Katastrophen-Leuchttürme?

Prinzipiell geeignet sind städtische Einrichtungen, die ohnehin versorgt werden müssen, etwa Feuerwachen. Aber auch Orte wie das geplante „Haus der Gesundheit“ an der Mummstraße seien denkbar, berichtet Welzel. Die Zahl soll sich auf Sicht an den Solinger Wahlkreisen orientieren – neun Katastrophen-Leuchttürme im Stadtgebiet seien in einem ersten Schritt das Ziel. „Hierzu wird es zeitnah weitere Planungen geben.“

Wie informiert die Stadt?

In der Kommunikation der Behörden, Stadtdienste und Gesellschaften – Stadtwerke, Technische Betriebe, Klinikum – untereinander werde geklärt, welche Institutionen, auch landes- und bundesweit, über ein Satellitentelefon verfügen und wie Alarmketten funktionieren. Weitere Formen von Funk und Kommunikation würden derzeit geprüft. Auch Lautsprecherdurchsagen aus Fahrzeugen und Aushänge seien denkbar.

Tipp: Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe hat einen Ratgeber und eine persönliche Checkliste veröffentlicht. Die Servicehotline ist erreichbar unter Tel. (08 00) 6 64 71 15.

Links zu den kostenlosen Dateien:

Ratgeber

Checkliste

So bereitet sich das ST vor

Auch wenn der Fall von Experten als extrem unwahrscheinlich eingeschätzt wird, so bereitet sich auch das Solinger Tageblatt auf einen länger andauernden Blackout vor. In diesem Fall wäre nicht nur der Druck der Zeitung gefährdet, sondern auch das Nachrichtenportal solinger-tageblatt.de eventuell offline oder mangels Strom nicht abrufbar. Auch das mobile Handynetz würde nicht funktionieren ohne Stromversorgung der Mobilfunkmasten. Um dennoch unseren Informationsauftrag in Solingen erfüllen zu können, haben wir uns entsprechend vorbereitet. Mit einem Starlink-Abo bleibt die Redaktion mit dem Internet verbunden, ein Notstromaggregat sorgt für die notwendige Energie, um einige PC und Drucker weiterzubetreiben. So produzierte Informationen werden wir mithilfe eigener Mitarbeiter an entsprechend frequentierten Stellen wie den Info-Leuchttürmen der Stadt oder im Umfeld von Haltestellen aushängen. (sb.)

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