Dicke Katze liebt Kochrezepte

Joachim Hiller mit der allerersten Ausgabe, auf der Katze Ox zu sehen ist. Foto: Christian Beier

OX-FANZINE 100. Ausgabe des Magazins wird mit einem Festival in der Cobra gefeiert.

Das Interview führte Lilian Muscutt

Menschen, die Hardcore und Punk lieben, gibt das Ox-Fanzine eine Stimme. 1988 wurde das bundesweit erscheinende Fanzine gegründet, am Samstag wird OX-FANZINEAKTUELLE AUFLAGE 12 000 GEGRÜNDET von Joachim Hiller und Biggi Häußler, Fanzine für Fans von Punkrock, Hardcore, Rock’n’Roll. Mit Interviews mit Bands und Labels, von denen die Autoren „Fans“ (= Fanzine) sind. Mit Kolumnen, Konzert-, Szene-, Tourberichten, Rezensionen, viel Vinyl, auch Singles. Die Feier zur 100. Ausgabe am Samstag in der Cobra ist seit Januar ausverkauft. www.ox-fanzine.dedie 100. Ausgabe mit einem Festival in der Cobra gefeiert. Mitgründer Joachim Hiller erzählt von den Anfängen und davon, was Computertechnik mit dem „Do-it-yourself“-Gedanken zu tun hat.Auf dem Cover des ersten Ox-Fanzines ist eine schwarze Katze. Warum?Joachim Hiller: Das Heft hat seinen seltsamen Namen von der dicken Katze der Ox-Mitbegründerin Biggi. Die hieß eben Ox. Und entsprechend war die Katze auch der Coverstar (lacht). Das war sinnfrei – aber wir waren ja noch jung.Warum habt ihr das Ox-Fanzine gegründet?Hiller: In der Punk-Szene ist die „Do-it-yourself“-Haltung wichtig. Das heißt: Man gründet selbst eine Band, anstatt nur auf Konzerte gehen. Man kauft nicht nur Platten, sondern bringt selber Platten raus, wenn auch nur auf einem kleinen Label. Und in unserem Fall wollten wir nicht nur Magazine oder Fanzines konsumieren, sondern wir dachten: Wir machen selber eins!Was macht das Ox-Fanzine aus?Hiller: Es geht um das große Thema „Bürgerbeteiligung“, von der so oft die Rede ist. Man konsumiert nicht von oben Vorgegebenes, sondern bringt sich selbst ein. Das geschah in den 80ern etwa in Form von Bürgerradio und Fanzines, heute bringen sich Menschen im Internet ein über Blogs, Kommentare und soziale Netzwerke. Letztlich ist das der Sinn eines Fanzines: Nicht nur die Meinung des großen, „wichtigen“ Rezensenten ist wichtig. Jedem wird die Fähigkeit zugesprochen, sich zu einem musikalischen Thema zu äußern.Wenn du das Ox-Fanzine damals und heute vergleichst: Was hat sich verändert?Hiller: Streng genommen ist das Ox-Fanzine kein Fanzine mehr, sondern ein Magazin. Es wird gedruckt anstatt kopiert. Andererseits ist die Art, wie wir das Ox machen, eben nach wie vor quasi für ein Fanzine. Es ist sehr kleinteilig, jeder kann mitmachen. Solange die Artikel formalen Ansprüchen entsprechen, werden sie veröffentlicht. Hinzu kommt der Mut der Schreiber und Schreiberinnen, sehr subjektiv zu sein. Ein klassisches Element von Fanzines ist die große Sektion mit den Kolumnen, in denen die Leute aus ihrem Alltag erzählen.Das Ox steht nicht nur für Musik, sondern für eine Lebenseinstellung. Ihr gebt das „Ox-Kochbuch“ und das „Kochen ohne Knochen“-Magazin raus. Was ist der Hintergedanke?Hiller: Es geht darum, ein selbstbestimmtes Leben zu leben. Vegetarismus – was viele nicht wissen – hat Ursprünge in der Punk- und Hardcore-Szene der 80er Jahre. Wir sind damals zu Hause ausgezogen und mussten kochen lernen. So haben wir ab der ersten Ausgabe vegetarische Rezepte gedruckt, was irgendwie total uncool war, aber viele Leute fanden es dann doch praktisch und cool. Wir haben ein bisschen kokettiert mit den Inhalten von Frauen-Zeitschriften: Wir haben Rezepte in ein Magazin für „harte, laute, hässliche“ Musik genommen. Aus der Rezept-Seite hat sich ein Schnellhefter entwickelt mit zusammenkopierten Rezepten, dann sagte ein Bekannter: Gib uns doch mal ein paar Schnellhefter zum Verkaufen für unseren kleinen Schallplattenversandhandel. Die waren schnell vergriffen, so entstand die Idee für ein Kochbuch. Von dem ersten „Ox-Kochbuch“ haben wir 500 Stück drucken lassen. Inzwischen liegen wir bei einer Auflage von über 20 000 Stück. Bei Amazon sind wir unter den vegetarischen Kochbüchern oft unter den Top 5. Und im letzten Jahr waren wir in der Bild-Zeitung. Es ging um Deutschlands fünf beliebteste vegetarische Kochbücher, und plötzlich riefen mich Leute an: Ihr seid in der Bild-Zeitung! Ich: Was? Ist ja ekelhaft! (lacht).Warum sind Vegetarismus und Veganismus so wichtig für euch?Hiller: Das hat ethische, ökologische, gesundheitliche und politische Gründe. Fleisch kommt bei uns nicht in die Pfanne. Der Verzicht auf Fleisch ist ein politischer Akt. Und Punk ist politisch. Das Ox ist kein politisches Magazin, aber politische Themen tauchen in den Interviews auf, wir stehen ganz klar links von der Mitte, mit Extremen haben wir aber nichts am Hut. Da ist Vegetarismus ein wichtiges Statement.Was hat sich vom Produktionsprozess her geändert?Hiller: Angefangen haben wir mit einer Schreibmaschine und einem einfachen Drucker. Computer waren damals nicht verbreitet. Wir haben die Artikel im Kopierladen zusammenkopiert, zurechtgeschnitten und auf Papier geklebt. So haben wir unser Layout gemacht. Wir haben diese Seiten in der Druckerei drucken lassen. Andere Fanzines haben nur mit den Kopien gearbeitet. Wir sind schon Anfang der 90er auf Computer umgestiegen. Auch das ist so eine Sache, die mit Punk zu tun hat: All diese Produktionsprozesse waren früher eine Art Geheimwissenschaft. Die Computertechnik war für unsereins eine Riesenchance, alles selbst zu machen.Der technische Fortschritt hat also dazu beigetragen, den „Do-it-yourself“-Gedanken zu verbreiten. Aber ist da nicht auch ein bisschen Wehmut, wenn du dich an die zusammengebastelten alten Zines erinnerst?Hiller: Eigentlich nicht, denn es war eine Scheiß-Arbeit (lacht). Am Küchentisch sitzen mit der Schere am Schneidebrett, mit dem Klebestift die Seiten zusammenfummeln und aufkleben: Ne! Man könnte glorifizieren. Klar, alte Fanzines haben ihre eigene Ästhetik, die heute auf digitalem Wege künstlich erzeugt wird.

Ihr feiert am Samstag eure 100. Ausgabe. Überrascht dich, dass ihr das geschafft habt? Die Musikindustrie steckt in einer Krise, der Printjournalismus wird gern totgeredet.Hiller: Dieser grassierende Irrsinn des Download-Diebstahls trifft nicht nur die großen Firmen, sondern die vielen kleinen Bands und Labels. Kleine Indie-Bands können sich heute über den Tonträger-Verkauf nicht mehr finanzieren. Entsprechend werden kleine Labels, die früher ein kleines Auskommen hatten, als Hobby geführt. Weil man die Stückzahlen einfach nicht mehr verkaufen kann. Das liegt nicht am fehlenden Interesse an Musik, sondern daran, dass immer weniger Musik für Tonträger ausgegeben wird. Man verdient aber noch ein wenig über Merchandise und Konzerte. Uns trifft es, denn wenn ein Label kein Geld verdient, gibt es auch weniger Geld für Anzeigen aus. Unsere Anzeigeneinnahmen sind seit Jahren rückläufig. Gleichzeitig haben wir überlebt durch steigende Abonnenten-Zahlen – mittlerweile sind wir bei 2500.Wie erklärst du dir das?Hiller: Weil wir immer vermitteln: Wir brauchen euch! Wenn ihr wollt, dass wir weiter existieren, abonniert uns. Wir haben viele mit dem Heft sozialisiert, die lesen unser Heft seit 20 Jahren und sind uns einfach treu.Offenbar habt ihr auch junge Leser und Leserinnen. Dabei heißt es: Junge Leute interessiert nur das Internet.Hiller: Weil wir das bieten, was im Internet nicht geboten wird. Es gibt nur wenige Web-Angebote auf dem Niveau gedruckter Magazine. Im Musikjournalismus gibt es Portale, die sind gut für tagesaktuelle News und Postings, Austausch und soziale Netzwerke. Aber langlebige, gut recherchierte und sauber redigierte Artikel mit einem entsprechenden Layout bieten zum derzeitigen Stand nur Print-Produkte. Der Webjournalismus ist meist nicht zu bezahlen, das ist die Krux. Die Leute machen zwar ihren Blog, aber da kein Geld reinkommt, wird niemand bezahlt. Die Qualität wird bei uns geschätzt.Wie geht’s weiter?Hiller: Nach Nummer 100 kommt Nummer 101, dann 102. Und so weiter. Punk wird mit dem „No Future“-Slogan in Verbindung gebracht. Was der Spruch im Ursprung bedeuten soll, ist eine Sache. Für mich bedeutet das, dass man nicht immer als allererstes die Sicherheit, einen vorhersehbaren Lebensplan im Blick haben sollte. „Life is change“ heißt es so schön. Wir machen weiter und schauen, was noch passiert.

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